Besonders voll sind die Gefängnisse in Detmold und Bielefeld-Brackwede. - © picture alliance / Bernd Wüstneck
Besonders voll sind die Gefängnisse in Detmold und Bielefeld-Brackwede. | © picture alliance / Bernd Wüstneck

Bielefeld/Detmold "Der Knast quillt über": Gefängnisse in NRW sind stark überlastet

Bielefeld-Brackwede und Detmold gehören zu den Einrichtungen mit den höchsten Auslastungsquoten. Auch andernorts bestehen offenbar Missstände

Martin Hostert
Stefan Boes

Bielefeld/Detmold. Die Haftanstalten Detmold und Bielefeld-Brackwede gehören zu den am stärksten ausgelasteten Haftanstalten in NRW. Das geht aus neuen Daten der Landesregierung hervor. So war die Justizvollzugsanstalt (JVA) Brackwede im April zu 99 Prozent belegt, die JVA in Detmold sogar zu rund 103 Prozent. Bereits bei einer Auslastung zwischen 85 und 90 Prozent sprechen Fachleute von einer Vollbelegung, da es immer vorkommen kann, dass Teile einer Anstalt gesperrt oder renoviert werden. Die JVA Detmold sei „heillos überbelegt", sagt Anstaltsleiter Oliver Burlage. Statt 45 U-Häftlinge müsse er 67 unterbringen: „Das kommt, weil die Richter wegen Peanuts Haftbefehle erlassen." Konsequenz: Wer einen Akkuschrauber klaue, erwischt werde und keinen festen Wohnsitz nachweisen könne, lande bei ihm. „In der Hauptverhandlung nach Monaten wird er dann nach 100 Euro Kosten für den Steuerzahler pro Tag laufen gelassen." Daraus entstünden massive Probleme: „Der Knast quillt über, und wir müssen Strafgefangene in anderen Anstalten unterbringen. Die Plätze sind ruckzuck mit U-Häftlingen voll, und die Strafgefangenen fehlen uns, um Arbeitsaufträge vernünftig erledigen zu können", sagt Burlage. In Detmold fallen derzeit 22 Plätze weg U-Häftlinge seien nämlich zumeist nicht willens und auch nicht verpflichtet, hinter Gittern zu arbeiten. Die JVA habe einem Betrieb, für den seit 20 Jahren Gefangene gearbeitet hätten, kündigen müssen. In Detmold fallen derzeit wegen Umbauarbeiten 22 der regulär 160 Plätze weg. Zwei Büroräume werden erweitert, die Glaskästen aus den 1960er Jahren sind für zwei Beamte zu klein. Kosten: 300.000 Euro. Die Auslastungsquoten in den anderen Haftanstalten in OWL sind niedriger. In Herford, einer geschlossenen Strafanstalt für Jugendliche, betrug die Quote im April rund 85 Prozent. In der JVA Hövelhof lag sie bei etwa 64 Prozent. Dort sind Jugendliche im offenen Strafvollzug sowie chronisch kranke und pflegebedürftige Straftäter untergebracht. NRW-Justizministerium widerspricht Darstellungen Die JVA Bielefeld-Senne war im April zu 91 Prozent belegt. Ein Insasse der Anstalt des offenen Vollzugs sprach im Gespräch mit dieser Zeitung von einer völligen Überlastung. Dort sei außerdem eine ärztliche Versorgung „überhaupt nicht gegeben", Resozialisierungsmaßnahmen würden nicht durchgeführt, die Stimmung sei „miserabel", so der Inhaftierte. Das NRW-Justizministerium widerspricht den Darstellungen: Eine adäquate medizinische Betreuung der Gefangenen sei sichergestellt und es gebe eine Vielzahl von Resozialisierungsangeboten. In NRW sollen vier neue Haftanstalten gebaut werden: in Münster, Willich, Iserlohn und Köln. In Brackwede ist ein zusätzliches Hafthaus mit 130 Zellen geplant. Es sollte eigentlich im Sommer 2019 fertiggestellt werden. Zuletzt hieß es, dass sich der Baustart verzögern wird.

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