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„Historisch möglich, psychologisch wahrscheinlich“: Karen Duve während des Interviews nach ihrer Lesung bei den Bielefelder Literaturtagen. Foto: Andreas Zobe - © Andreas Zobe
„Historisch möglich, psychologisch wahrscheinlich“: Karen Duve während des Interviews nach ihrer Lesung bei den Bielefelder Literaturtagen. Foto: Andreas Zobe | © Andreas Zobe

Literatur Karen Duve: „Diese Geschichte war ein Glücksfall“

Im Interview mit Thomas Klingebiel spricht die Autorin über ihren Roman über die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, ihre Recherchen in Ostwestfalen und darüber, warum das Buch auch ein bisschen Selbstporträt ist

Thomas Klingebiel
09.10.2018 | Stand 09.10.2018, 21:46 Uhr

Frau Duve, bisher deutete nichts darauf hin, dass Sie einmal einen historischen Roman von 600 Seiten schreiben würden. Wie kam es dazu? Karen Duve: Das war schon immer mein Plan. Es gibt ja so Menschen, die haben Kleider, die sie immer für gut behalten, für eine besondere Gelegenheit. So ist es mir auch ein bisschen mit dieser Geschichte gegangen. Annette von Droste-Hülshoff hat ja eher das Image eines etwas ätherischen Wesens... Duve:...langweilig, stickend am Fenster eines Wasserschlosses sitzend. In Ihrem Roman erleben wir sie nun als zwar leicht sonderbare, aber begehrte junge Frau. Duve: Sie hatte im Sommer 1820 diese kurze Blüte. Das war für mich der Angelpunkt. Ich dachte: Mensch, diese etwas farblose, blasse westfälische Dichterin, die hatte einen Skandal mit zwei Männern gleichzeitig, wie geht das denn zusammen. Und dann gucke ich mir die ganzen Mosaiksteinchen an und merke plötzlich, ach, in dem Jahr war noch einer, dieser Architekt, der sie auch toll fand. Vorher war da nichts, nichts, nichts, und dann. . . kaum hat sie so ein bisschen mit dem Heinrich Straube, der ihre Gedichte gelobt hat, da blüht sie auf und keiner kann ihr widerstehen. Einfach, weil sie plötzlich dieses Selbstbewusstsein hat. Die Liebesgeschichte mit Straube endet nach einer Intrige. Der moralische Ruf der Droste ist danach lebensentscheidend beschädigt. Wo haben Sie da spekuliert, was ist Dichtung? Duve: Was dieser August von Arnswaldt ihr tatsächlich angetan hat, was da wirklich gewesen ist, wie weit das gegangen ist. Was ich schreibe, ist alles im historisch Möglichen und psychologisch Wahrscheinlichen gehalten, aber es ist spekulativ. Alles, was danach passierte, wenn Straube den Heine trifft oder wenn Arnswaldt sich so aufregt und über die Droste herzieht, das ist verbürgt, da gibt es Briefe. Aber das Eigentliche, was da vorgefallen ist, wer alles involviert war, wer sich da unmöglich benommen hat, das ist nicht geklärt. Ich habe alles zusammengesucht, was es gibt, und habe Rückschlüsse aus dem gezogen, wie sich die Charaktere mir vorher und nachher dargestellt haben. Daher glaube ich dem Arnswaldt auch nicht, wenn er sagt, ich wollte die Annette nur auf die Probe stellen. Aber das ist eine Entscheidung von mir. Sie haben viel zur Droste recherchiert, die Literaturliste im Anhang zählt 180 Titel. Duve: Ja, ich war immer ganz froh, wenn es mal eine Leerstelle gab, so dass ich tatsächlich ein bisschen erfinden und dichten konnte (lacht). Der Geschichte merkt man den Faktenreichtum aber nicht negativ an. Duve: Die Geschichte war aber auch einfach gut, das war ein Glücksfall. Eigentlich kommt man als Romanautor ganz selten drumherum, alles ein bisschen interessanter zu machen, zu verstärken und zu pointieren. In diesem Fall war die Geschichte an sich schon so gut, dass man nicht mehr viel verändern musste. Sind Sie hier in Ostwestfalen viel herumgefahren und haben sich die Schauplätze angeguckt? Duve: Erst auf den letzten Drücker, weil ich lange von zu Hause nicht wegkonnte. Ich hab’ mir alles angesehen, den Bökerhof bei Brakel, das Wasserschloss Hülshoff und das Rüschhaus bei Münster. Ich war richtig aufgeregt, weil mir die handelnden Personen über zwei Jahre näher als jeder andere Mensch in meiner Umgebung waren. Haben Sie erst recherchiert und dann geschrieben? Duve: Das war immer ein „work in progress", das hat sich wie ein organisches Wesen in alle Richtungen ausgebreitet. Ich habe angefangen zu schreiben, aber dann immer wieder nachträglich verändert, eingefügt, korrigiert. Ein riesiger Fehler war zum Beispiel das Innere von Schloss Wehrden bei Beverungen, das ich erst anhand dessen rekonstruiert habe, was es heute zu sehen gibt. Das hatte aber damals überhaupt nichts Höfisches, Elegantes, wie ich aus einer Biografie erfuhr. Wie in Sofia Coppolas Film „Marie Antoinette" wirken die Figuren trotz der historischen Kostüme sehr gegenwärtig. Duve: Ich vermute, dass die anders gesprochen haben. Es weiß ja niemand wirklich. Ich hatte die Briefe und habe immer Versatzstücke daraus genommen, teilweise nur inhaltlich, teilweise aber auch ganze Ausdrücke. Ich habe es aber auch bewusst ein bisschen runtergefahren, damit man nicht das Gefühl hat, im Museum zu sein. Es war in den Briefen aber auch weniger tümelnd als ich gedacht hatte. Wenn Annette von ihrem Vater sprach, der Orchideen sammelte, sagte sie zum Beispiel „Vaters Orchis...", oder „flügeln" für Klavierspielen. Das hat so etwas Flapsiges. Auch sonst fallen beim Lesen viele Parallelen zu heute auf: eine sich stark wandelnde Welt, politische Unsicherheit, eine Rückwärtsgewandheit, die ihr Heil in Nationalismus und fantasierter deutscher Tradition sucht, Hass auf Juden und Fremde, Fake News, Burnout. Haben sie diese Ähnlicheiten gesucht? Duve: Nein, die haben sich aufgedrängt. Das war so. Ich habe es natürlich ausgegraben, ein bisschen saubergemacht und ordentlich angeleuchtet. Man schreibt letztlich immer über sich selbst, heißt es. Ist der Roman auch ein Selbstporträt? Duve: Ja, immer. Wenn es nichts mir zu tun hätte, hätte ich es mir nicht ausgesucht. Wenn Annette in der Familie sitzt und all die anderen sieht, die es so machen, wie man es machen soll, und sie dem eigentlich auch gerne genügen möchte, es aber einfach nicht schafft, dann fühle ich mich ihr ganz verwandt. Der Droste ist offenbar übel mitgespielt worden, aber hat sie nicht letztlich gewonnen? Duve: Wenn einem der Nachruhm wichtiger ist als ein erfülltes glückliches Leben, ja dann hat sie gewonnen. Hat sie denn nach dem Sommer 1820 ein furchtbar unglückliches Leben geführt? Duve: Nein, wenn man schaut, was überhaupt für einen Menschen möglich war. Ein Leben ohne hungern zu müssen, in dieser Familie einigermaßen geborgen zu sein, das ist ja nicht so schlecht. Und als Verheiratete hätte sie wahrscheinlich nicht mehr schreiben können. In der Beziehung hat sie sicherlich gewonnen. Ob sie in einer Ehe mit Straube glücklich geworden wäre?Duve: Sehr große Zweifel! Aber ich fand’, dass er echt ein netter Kerl ist. Wenn’s denn je geklappt hätte, hätte sie mit dem eine reelle Chance gehabt. Der Straube tut mir am meisten leid. Das ist für mich die eigentliche tragische Gestalt. Ich glaube, dass der am meisten gelitten hat. Zur Person: Karen Duve Karen Duve (56), in Hamburg geboren, brach eine Ausbildung zur Steuerinspektorin ab und fuhr anschließend 13 Jahre lang Taxi in Hamburg.Ihr 1999 erschienener erster Roman „Regenroman" wurde gleich ein Bestseller. Zu ihren bekanntesten Büchern gehören „Dies ist kein Liebeslied" (2002) und „Taxi" (2008).In „Anständig essen" (2010) beschreibt Duve einen Selbstversuch, bei dem sie zu einer engagierten Tierschützerin und Vegetarierin wurde. (nw)

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