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Auf Instagram wie im Buch zeigt Helen Stelthove Screenshots, so dass die Fundstücke in ihrem digitalen Habitat zu sehen sind.
Auf Instagram wie im Buch zeigt Helen Stelthove Screenshots, so dass die Fundstücke in ihrem digitalen Habitat zu sehen sind.

Buchvorstellung "Inder nett": Expedition ins Reich der Router und WLAN-Namen

Helen Stelthove bereiste 13 deutsche Städte 
und fischte mit ihrem Smartphone nach originellen WLAN-Namen. Zu finden sind sie im Lexikon "Pretty fly for a wifi"

Anke Groenewold
20.09.2019 | Stand 26.09.2019, 17:08 Uhr

Bielefeld. Martin Router King. Eine grandioser Name für ein WLAN-Netz. Auf Reisen fielen der Münsteraner Kommunikationsdesignerin Helen Stelthove beim Blick auf ihr Smartphone immer wieder originelle Router-Namen ins Auge. Ihre Neugierde war geweckt.

In 13 deutschen Städten sammelte sie 2.400 WLAN-Netz-Namen, darunter in Münster, Dortmund, Düsseldorf und Köln – von „Die miese Stiefschwester", über „Adorno" bis hin zum unkaputtbaren Klischee „Bielefeld gibt es nicht" – ein Fundstück aus dem Belgischen Viertel in Köln.

Rund 450 Bezeichnungen schafften es in Helen Stelthoves unvollständiges Lexikon der WLAN-Namen in Deutschland, das unter dem Titel „Pretty fly for a wifi" im Duden-Verlag erschienen ist.

Das Funktionale wird zum Schwarzen Brett

Auf Witziges allein hat es Stelthove bei ihrer Expedition ins Reich der Router nicht abgesehen – auch wenn sie hinreißend komische und originelle Fundstücke vorzuweisen hat wie „Heidi ohne Kabel" oder „Inder nett". Die Münsteranerin fasziniert, vielmehr „dass aus dem rein Funktionalen ein schwarzes Brett geworden ist, ein neuer Raum für Kommunikation".

Die Mehrheit belässt es zwar bei den Werkseinstellungen – aus Gleichgültigkeit, oder weil die Nutzer gar nicht wissen, dass es möglich ist, das Netz individuell zu benennen.

Rund ein Drittel der Menschen wird jedoch kreativ und teilt anonym über den Router-Namen etwas mit – seien es popkulturelle Vorlieben (Obi WLAN Kenobi, GameOfPhones), nützliche Tipps (Die Pizza vom 485 schmeckt nicht), Ironie (BND Spionagenetzwerk) oder Frust (Der DHL-Bote kann nicht lesen).

Wie eine Fahne vor dem Haus

Diese Botschaften „hängen wie eine Fahne für alle sichtbar vorm Haus", so Stelthove. Wer kreativ sei, zeige nicht zuletzt, dass er oder sie sich mit Medien auseinander setze.

Neben den Planern, die sich Zeit nehmen bei der Namenswahl, gibt es die Gruppe der Spontanen. Sie verfallen unter Druck auf Banales wie „Dönerteller".

Sammelt originelle WLAN-Namen: Die Kommunikationsdesignerin Helen Stelthove mit ihrem Hund Johnny, einer Mischung aus Malteser und Cairn Terrier. - © Marie Monecke
Sammelt originelle WLAN-Namen: Die Kommunikationsdesignerin Helen Stelthove mit ihrem Hund Johnny, einer Mischung aus Malteser und Cairn Terrier. | © Marie Monecke

Grob Unfreundliches, das Hacker abwehren soll, mochte Stelthove nicht sammeln – zu negativ. Doch wenn 60 Prozent der Menschen andere auf der Suche nach einem offenen Netz vor den Kopf stoßen, dann spiegelt das auch eine Stimmung wider.

Stelthove fand ein Netz mit dem Namen „Refugees not welcome" (Flüchtlinge nicht willkommen), ebenso wie die Einladung „Flüchtlinge willkommen". „Auch das Netz ,Aleppo FC’ vor einem Flüchtlingsheim in Berlin-Kreuzberg sagt etwas über unsere Zeit", sagt Stelthove.

Launige Kommentare

Die Kommunikationsdesignerin belässt es nicht bei der Aufzählung, sondern fügt launige, knappe und erhellende Erläuterungen hinzu. Denn oft erschloss sich ihr selbst erst durch eine Recherche, worauf die Namen verweisen. „Catenaccio" (defensives Spielsystem im Fußball) oder „computersagtNEIN" (Spruch einer Figur aus der britischen Sketch-Serie „Little Britain") dürften nicht jedem sofort geläufig sein.

Stelthove hat nicht den Anspruch, zu erklären, was die anonymen Schöpfer der WLAN-Namen damit sagen wollen. „Mir geht es darum, das Kopfkino der Leute anzuknipsen."

Die Autorin hisst ihre eigene Fahne

Helen Stelthove setzt ihr Projekt auf Instagram (www.instagram.com/prettyflyforawifi_deutschland/) fort und bekommt inzwischen auch digitale Fundstücke als Screenshot zugeschickt.

Sie selbst hat sich erst kürzlich entschlossen, per Router eine persönliche Botschaft abzusetzen – vor ihrem Haus in Münster weht jetzt eine WLAN-Fahne für den Hertha BSC.

Helen Stelthove: „Pretty fly for a wifi. Das unvollständige Wörterbuch der WLAN-Namen in Deutschland", 496 S., Dudenverlag, 15 Euro.

Information

Zur Person


Helen Stelthove ist freischaffende Kommunikationsdesignerin in Münster und Berlin.
Zuletzt war sie von 2011 bis 2016 als Senior Designerin bei Stan Hema, Agentur für Markenentwicklung, in Berlin angestellt und gestaltete u. a. den Markenauftritt für „100 Jahre Bauhaus".
Seit 2017 ist sie selbstständig und hat seit Oktober 2018 einen Lehrauftrag für Typografie an der FH Münster/Münster School of Design.

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