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Martin Rütter mit seiner Golden-Retriever-Hündin Mina, die im vergangenen Jahr verstarb. Sie war der Grund für seinen heutigen Beruf. - © MELANIE GRANDE
Martin Rütter mit seiner Golden-Retriever-Hündin Mina, die im vergangenen Jahr verstarb. Sie war der Grund für seinen heutigen Beruf. | © MELANIE GRANDE

Jetzt geht's Hund Hundeversteher Martin Rütter im Interview: "Frauen erziehen konsequenter"

Der Hundecoach äußert sich zu Vermenschlichung, Führerschein und "Der tut nix"

Sandra Spieker-Beutler
24.04.2012 | Stand 12.10.2015, 15:01 Uhr

Bielefeld. Wenn ein Hund einfach nicht hören will, ist er zur Stelle: Tierpsychologe und Hundeversteher Martin Rütter. Im Fernsehen hilft er Hundebesitzern und tourt mit seinem eigenen Programm über Deutschlands Bühnen. Sandra Spieker sprach mit ihm über unsichere Herrchen, Jogger als Zielobjekte und Hunde in Taschen.

Herr Rütter, Ihr eigener Hund ist bestimmt bestens erzogen, gehorcht immer und springt nicht aufs Sofa oder Bett. Oder?
Martin Rütter: Aktuell lebe ich ohne Hund. Mina, eine Golden-Retriever-Hündin, die mich über 16 Jahre lang begleitet hat und der Auslöser für meinen heutigen Beruf war, ist leider verstorben. Natürlich war Mina ein sehr gut erzogener Hund, aber sie war beileibe kein ferngesteuerter Roboter, der zum Warm-up durch brennende Reifen springen und einen dreifachen Salto vorführen musste. Sie durfte Hund sein und führte ein entspanntes Leben nach klaren Regeln.

Wie hat sich die Hundeerziehung in den letzten Jahren entwickelt?
Rütter: Eines muss man klar festhalten: Dem Hund geht es heute im Kreise der Menschen so gut wie nie. Dadurch, dass sich die gesellschaftliche Rolle des Hundes stark verändert
hat, nämlich weg vom Arbeitstier hin zum vollwertigen Sozialpartner. Die Zeiten, in denen die Meinung herrschte, ein Hund sei nur durch Unterjochung zu bändigen, sind vorbei. Inzwischen weiß jeder gute Trainer, dass bei der Erziehung die individuellen Bedürfnisse des Hundes und nicht die des Menschen im Vordergrund stehen müssen.

Erziehen eigentlich Herrchen und Frauchen unterschiedlich?
Rütter: Frauen legen bei der Erziehung viel mehr Konsequenz an den Tag als die Männer. Die möchten mit Erziehung nicht viel am Hut haben, der Hund soll einfach ein funktionierender Kumpel sein. Das ist er aber meist nicht. Frauen dagegen wurde das Erziehungstalent mehr oder weniger in die Wiege gelegt, die sind biologisch schon ein wenig auf Aufzucht geeicht.

Ein Kernpunkt Ihres Bühnenprogrammes ist die Vermenschlichung des Hundes. Wie gesund ist das für alle Beteiligten?
Rütter: Das ist ein schmaler Grat. Sätze wie "Guck mal, da kommt der Papa" schüren Erwartungen, die der Hund niemals erfüllen kann. Oder wenn wir in vollständigen Sätzen reden: "Könntest du dich jetzt bitte hinsetzen", das versteht kein Hund und verwirrt ihn nur. Natürlich kenne ich das auch von mir. Die Anwesenheit eines Hundes erzeugt bei den meisten ein unglaubliches Glücksgefühl. Aber der Hund muss das bleiben was er ist: nämlich ein Hund.

"Der will doch nur spielen" oder "Der tut nix": Das sind Sprüche, die Spaziergänger oder Jogger im Park rasend machen. Was sagen sie eigentlich aus?
Rütter: "Der tut nix" ist ja der ungekrönte Klassiker. Ich muss dann häufig entgegnen: "Ja, er tut nix von dem, was Sie ihm sagen." Meist basieren die Sprüche auf Unsicherheit
des Halters. Er möchte ein unerwünschtes Verhalten seines Hundes mit einem lockeren Spruch überspielen. Das kann auch mal in die Hose gehen. Deshalb müssen die Menschen lernen, die Körpersprache ihres Hundes richtig zu deuten. Dann kann ich auch einschätzen, ob mein Hund wirklich nur spielen möchte.

Und was mache ich als Jogger, wenn ein nicht angeleinter Riesenhund auf mich zugerannt kommt?
Rütter: Dann sollte ich stehen bleiben. Ich weiß, das ist nicht gerade befriedigend, und ich finde es auch doof, wenn Leute ihren Hund nicht händeln können. Aber wenn ein Hund Anzeichen für ein Jagdspiel zeigt, sollte man sich nicht bewegen. Die meisten Hunde interessieren sich im Park aber überhaupt nicht für Jogger.

Stichwort Hundeführerschein: Sind Sie für gesetzliche Regeln?
Rütter: Der Hundeführerschein sollte verpflichtend sein, und zwar bereits vor Anschaffung eines Hundes. Denn fast alle Verhaltensprobleme resultieren aus Unwissenheit der Halter. Das fängt beim Hundekauf an, denn dann würde niemand mehr bei einem unseriösen Züchter kaufen. Viele Leute glauben nämlich irrtümlich, mit dem Kauf eines Rassehundes vor Problemen geschützt zu sein. Dabei sind auch die Tierheime voll mit tollen Hunden.

Ist eigentlich eine Handtasche ein geeigneter Aufbewahrungsort für einen Hund, so wie es einige Stars vorleben?
Rütter: Es gibt sicherlich Situationen, da kann eine Tasche für einen kleinen Hund durchaus hilfreich sein, beispielsweise wenn man sich durch große Menschenmassen bewegt und verhindern möchte, dass jemand unabsichtlich auf meinen Hund tritt. Wenn der Hund aber zum Accessoire degradiert wird, und das ist leider sehr häufig der Fall, dann geht das natürlich gar nicht. Für mich ist entscheidend, dass der Hund in seiner natürlichen Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt wird. Deshalb ist gegen das pinkfarbene Märchenschloss als Hundehütte nichts einzuwenden. Wenn Leute aber ihre Hunde zum Oktoberfest ins Dirndl pressen, ist das Tierquälerei.

Wenn Sie selbst ein Hund sein müssten, welcher wären Sie gern?
Rütter: Ich wäre eine Mischung aus Border Collie und Jack-Russell-Terrier. Der Collie steht für Kreativität und Arbeitsfreude, gleichzeitig muss da aber auch immer Abwechslung reingebracht werden. Der Terrier verbeißt sich ja in Ideen. Das ist so das Gemisch bei mir. Ich muss meine Ideen auch immer sofort umsetzen.

Information
Tourfinale in Halle

  • Am Samstag, 12. Mai, findet das Tourfinale von Martin Rütters Bühnenprogramm "Hund – Deutsch/Deutsch – Hund" im Gerry-Weber-Stadion, Halle (19 Uhr) statt. Karten gibt es in allen NW-Geschäftsstellen.
  • Ab Herbst geht Martin Rütter mit neuem Programm "Der tut nix!" auf Tour. (sap)

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