0

Paderborn Kreuzberg liegt in Paderborn

Stadtdenker bieten frischen Blick auf die Heimatstadt / "An Unorten hängen bleiben"

VON FREDERIK GRABBE
14.05.2013 | Stand 12.05.2013, 18:36 Uhr
Die Berliner Architektur-Studenten und Stadtdenker Simon Lindenberg (25), Fabian Wolf (25), Amandine Descamps (24) und Luzie Waschke (24, v. l.) machen aus dem Telekom-Shop (Hintergrund) am Königsplatz einen Maya-Tempel. - © FOTO: FREDERIK GRABBE
Die Berliner Architektur-Studenten und Stadtdenker Simon Lindenberg (25), Fabian Wolf (25), Amandine Descamps (24) und Luzie Waschke (24, v. l.) machen aus dem Telekom-Shop (Hintergrund) am Königsplatz einen Maya-Tempel. | © FOTO: FREDERIK GRABBE

Paderborn. Von Paderborn überhaupt keine Ahnung haben - und trotzdem neue Perspektiven bieten wollen: Eine Woche lang residierten die Stadtdenker in einem leer stehenden Ladenlokal am Marienplatz. Mit grüner Sprühfarbe, alternativen Stadtführungen und vor allem vielen Ideen wollte die Berliner Studentengruppe der Universität der Künste den Einheimischen einen neuen Blick auf die Heimatstadt bieten.

Ahnungs- und planlos, aber eben auch frisch und unvoreingenommen: So lautete das Kalkül der Gruppe. "Heute ist der Königsplatz einmal ein Wissenschafts- und Geschichtsort", erklärt Architekturstudent Simon Lindenberg. Ausgerechnet der Königsplatz, mag man denken. Ein Ort, der als unschöner Schandfleck im Herzen der Kernstadt verschrien ist, einen Zugang etwa durch die berüchtigte "Pinkelgasse" erhält. Simon und andere Stadtdenker führen bei ihrer Tour einen grünen Faden mit sich, dem Menschen folgen können und vom Ladenlokal bis zu einzelnen Stationen auf dem Königsplatz einen Pfad beschreibt. Der Student trägt eine grüne Federboa, andere haben ihre Kleidung mit grünen Paketband beklebt, um einige Denkerschädel sind grüne Bänder gewickelt.

"Paderborner wissen besser über ihre Stadt Bescheid als wir. Deshalb erzählen wir fiktive Geschichten", sagt Simon. Im Gepäck haben die Studenten eine Schablone, mit der sie das Stadtdenker-Logo auf den Boden sprühen und jede Menge Papp-Tafeln. Diese kleben sie an Wände oder Pfosten. Die Info-Tafeln bilden einige Gebäude des Platzes ab. So wird etwa aus dem Haus, dass den Telekom-Shop beherbergt ein "Maya-Tempel zu Ehren Hanapús". Dem Info-Text zufolge sei dies die Spitze des höchsten, jemals gebauten Maya-Tempels, die von "Kapitän Liborius" in die deutsche Tiefebene verfrachtet wurde. "Die andere Erzählebene soll die Leute dazu bringen, an vermeintlichen Unorten hängen zu bleiben und sich diese genauer anzusehen", beschreibt der 25-Jährige.

Dieses Rezept aus Sich-nicht-auskennen-und-trotzdem-eine Geschichte-erzählen haben die neun Studenten mit ihrer Seminarleiterin Turit Fröbe auch bei einer Nachtwanderung angewendet: Sie legten einen Stadtplan des Berliner Stadtteils Kreuzberg über den der Paderborner Südstadt und markierten Schnittstellen. Später wurde aus der Karlsschule eine Kreuzberger Kirche, die Bahngleise zum Todesstreifen angrenzend zu Ostberlin - samt historischer Ausführungen aus der Berliner Stadt- und Baugeschichte, versteht sich. "Man muss sich darauf einlassen", sagt der Paderborner Harald Selke (47), der an der nächtlich-fiktiven Stadtführung teilnahm. "Aber man bleibt an Orten stehen, die man sonst nicht beachten würde." Und dies war schließlich der Sinn hinter den Aktionen der Stadtdenker: Durch ihren verrückten, skurrilen, oft ahnungslosen und unbedarften Ansatz den Blick aufs Lokale zu schärfen. Die Seminarleiterin und Architekturhistorikerin Turit Fröbe: Am Bronzemodell vor der Marktkirche könne man gut erkennen, wie die Stadt sich selbst sehe.

"Wir interessieren uns für all dass, was in den Hohlräumen steckt. Uns interessiert der Blick auf das Nichts."

Die akustische Tour: Paderbornern erhielten über einen MP3-Spieler Handlungsanweisungen für einen Stadtrundgang (durch Berlin);

Alltagswege: Einheimische wurden bei ihren regulären Wegen durch die Stadt begleitet, später wurden sie zu Details auf diesem Weg befragt und die Ergebnisse mit eigenen Beobachtungen konfrontiert. Fröbe: "Jeder nimmt die Stadt anders wahr."

Lieblingsorte: Auf einer großen Stadtkarte sollten Passanten mit einer Nadel ihre Lieblingsorte markieren. Wo wurde man zuerst geküsst? Wo das Kind geboren?(fg)

Weitere Aktionen der Stadtdenker

Die akustische Tour: Paderbornern erhielten über einen MP3-Spieler Handlungsanweisungen für einen Stadtrundgang (durch Berlin);

Alltagswege: Einheimische wurden bei ihren regulären Wegen durch die Stadt begleitet, später wurden sie zu Details auf diesem Weg befragt und die Ergebnisse mit eigenen Beobachtungen konfrontiert. Fröbe: "Jeder nimmt die Stadt anders wahr."

Lieblingsorte: Auf einer großen Stadtkarte sollten Passanten mit einer Nadel ihre Lieblingsorte markieren. Wo wurde man zuerst geküsst? Wo das Kind geboren?(fg)

     

  
  
     

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group