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Paderborn Aus Angst vor Abschiebung die Ehefrau erdrosselt

Staatsanwaltschaft rückt vom Mordvorwurf ab / Jugendstrafkammer verhängt lange Haftstrafe wegen Totschlags

VON JUTTA STEINMETZ
13.03.2013 | Stand 12.03.2013, 20:05 Uhr
Angeklagter Habidullah N. - © FOTO: M. KÖPPELMANN
Angeklagter Habidullah N. | © FOTO: M. KÖPPELMANN

Paderborn. Habidullah N. stammt aus einer gehobenen Familie Kabuls. Er genoss in Afghanistan eine gute Schulbildung, spricht ein ausgezeichnetes Englisch und er lernte – im April 2012 in Paderborn angekommen – außerordentlich schnell Deutsch. Doch eines schaffte er trotz alledem nicht: nämlich die Freiheiten der Frau zu akzeptieren. Am 8. Oktober erdrosselte er nach vielen Streitigkeiten seine ein Jahr jüngere Ehefrau, letztlich weil für sie ein Leben nach westlichen Werten selbstverständlich war. Für diese Tat muss Habidullah N. büßen – mit langen Jahren seines jungen Lebens. Die Jugendstrafkammer des Landgerichts Paderborn verurteilte ihn wegen Totschlags zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis.

Das Gericht brachte den Empfehlungen der Jugendgerichtshilfe sowie den Anträgen von Staatsanwalt Fabian Klein und Verteidiger Matthias Cramer folgend das Jugendstrafrecht zur Anwendung. Auch Gutachter Tilman Elliger hatte dem Angeklagten keine abgeschlossene Reife bescheinigen wollen. Er habe zu seiner Herkunftskultur und seiner neuen Lebenswelt keine eindeutige Haltung einnehmen können, so Elliger.

Nach zweitägiger Beweisaufnahme hatte Ankläger Klein gestern vom Vorwurf des Mordes Abstand genommen. Zwar habe der Angeklagte seiner Frau gegenüber ein übersteigertes Besitzdenken an den Tag gelegt, habe aber angesichts der Tatsache, dass die 19-jährige Paderbornerin eine Trennung wünschte und damit der afghanische Staatsbürger mit seiner Abschiebung rechnen musste, "subjektiv unter Druck gestanden". Erhebliche Angst habe Habidullah N. zu der Tat getrieben, die so als Totschlag zu werten sei.

Hingegen hatte Nebenklagevertreter Franz Zacharias für eine Verurteilung wegen Mordes plädiert. "Es war der klassische Fall der Heimtücke", befand Franz Zacharias. Schließlich habe sich der Angeklagte an sein Opfer von der Seite herangeschlichen, als dieses mit dem Packen von Koffern beschäftigt war. Allein um die Trennung und damit seine Abschiebung zu verhindern, habe er die junge Frau getötet. Für Zacharias niedrige Beweggründe. Denn mitnichten stamme der 21-Jährige aus einem mittelalterlichen Afghanistan, sondern aus der "upper class". "Sein Umgang mit der Schuld ist aber das eigentlich Schlimme", sagte Franz Zacharias. Denn erst in seinen letzten Worten vor Beginn der Urteilsberatung mochte Habidullah N. Worte des Bedauerns an die Hinterbliebenen richten.
Verteidiger Matthias Cramer säumte es nicht, auf die bedrückende Paradoxie der schrecklichen Tat hinzuweisen. Das, wovor sein Mandant Angst hatte, das, was er mit der Tötung seiner Frau hatte verhindern wollen, werde nun auf jeden Fall eintreten. "Er wird abgeschoben werden – früher oder später."

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