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Paderborn Wenn Lillifee beim Lernen helfen soll

Paderborner Wissenschaftlerinnen bezweifeln Nützlichkeit von Schulmaterial nur für Jungen oder Mädchen

VON HANS-HERMANN IGGES
24.01.2013 | Stand 24.01.2013, 11:56 Uhr
Auf scheinbar typischen Vorlieben der Geschlechter zielen die Hersteller nicht nur von Schulranzen. - © FOTO: REINHARD ROHLF
Auf scheinbar typischen Vorlieben der Geschlechter zielen die Hersteller nicht nur von Schulranzen. | © FOTO: REINHARD ROHLF

Paderborn. Was wohl in den neuen rosa Überraschungseiern mit dem Schriftzug "nur für Mädchen" drin ist? Der zweijährige Max wird es wohl nie entdecken. Seine Mami verweigerte ihm den Kauf, obwohl er das Ei schon in der Hand hatte – und packte stattdessen das blaue Ei "nur für Jungen" ein. Das andere sei schließlich nur für Mädchen, erklärte sie dem Knäblein. Der wird sich das gemerkt haben.

Mit dieser bizarren Episode aus einem Supermarkt erklärt die Paderborner Professorin Dr. Barbara Rendtorff gern den Mechanismus, wie sich am Ende Geschlechter-Stereotype auch heute noch täglich erneuern. Mit dem ungebrochenen Effekt, dass Frauen Frisörin oder Lehrerin werden – und Männer Lasterfahrer oder Ingenieur.

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Mädchen mögen’s pink. Aber warum bloß? "Weil schon ihre Mütter das süß finden", sagen die einen. Und die anderen verweisen auf die Interessen der Spielzeugindustrie. Denn die kann nun doppelt Trends setzen und verkaufen – für Mädchen wie für Jungen. Auch wenn die rosafarbene Prinzessin Lillifee im Grunde ja nur die Cinderella von Walt Disney abgelöst hat.

Gegen die "Pinkifizierung" der Kinderleben haben die Hamburger Gender-Forscherin Stevie Schmiegel und andere "Pinkstinks" gegründet – eine Kampagne gegen Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen. Diese "Pinkifizierung" treffe Mädchen und Jungen gleichermaßen.

Schmiegel: "Wir werben für ein kritisches Medienbewusstsein, Selbstachtung, ein positives Körperbild und alternative weibliche Rollenbilder für Kinder." (ig)

www.pinkstinks.de

Was geschickte Marketing-Strategen möglich machen, kommt offenbar an bei Kindern, die sich früh mit populären Figuren ihres eigenen Geschlechts identifizieren: Eine ganze Industrie kreist um die lila Prinzessin Lillifee. "Pinkifizierung" nennt das die Gender-Wissenschaft, die sich der Erforschung der sozialen Dimension der Geschlechter widmet.

Und solchen Tendenzen, anscheinend im Widerspruch zur angestrebten Chancengleichheit von Frauen und Männern im Erwachsenenalter, sollen nun ausgerechnet Schulbücher nur für Mädchen oder Jungen entgegen wirken? Wissenschaftlerinnen der Uni Paderborn haben da schwerste Zweifel. Dabei sind die Bücher längst im Einsatz.

Zu einer Podiumsveranstaltung des Zentrums für Geschlechterstudien zum Thema kam jetzt auch NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann nach Paderborn. Sie hatte mit Schlagzeilen für Aufsehen gesorgt, in denen sie sich für nach Geschlechtern getrennten Unterricht ausgesprochen hatte. "Manchmal kann das sinnvoll sein", wiederholte sie in Paderborn. Auch unterschiedlich gestaltete Schulmaterialien wie Mathematik- oder Lesebücher könnten nützlich sein, um die Kinder "da abzuholen, wo sie stehen". Gleichzeitig bleibe das Ziel des Unterrichts aber, Stereotype aufzubrechen und damit allen Kindern gleiche Chancen für ihr Leben zu eröffnen.

"Paradoxe Intervention" nennt das Dr. Birgit Riegraf, Professorin für Soziologie an der Uni Paderborn. Sie hält die vorhandenen Bücher extra für Mädchen oder Jungen für sich genommen für ungeeignet zum Abbau von Klischeedenken. Lehrer hätten beim Umgang mit solchen Büchern einen ständigen Kampf gegen Stereotype zu führen – was für sie schnell einer Überforderung gleich komme. Die Materialien selbst müssten so aufgebaut sein, dass aufgenommene Rollenmuster am Ende durchbrochen würden. Riegraf: "So dienen sie aber nur der Neu-Stereotypisierung."

Von einer akuten Überforderung der Lehrer durch die Herausforderung, richtig mit solchem Material umzugehen, kann indes Marlies Böke nicht berichten. Die Schulamtsdirektorin des Kreises Paderborn für Grundschulen: "Nach dem Geschlecht unterscheidende Bücher sind bei uns nicht flächendeckend, aber doch hier und da im Einsatz. Die Lehrer gehen angemessen damit um." Besonders kontrovers diskutiert werde der Einsatz der Materialien bisher nicht. Man sei sich eher schon seit Jahren darüber einig, dass Jungen zum Beispiel "eine andere Ansprache zum Lernen" bräuchten als Mädchen. Nach dem Besuch von Ministerin Löhrmann anlässlich der Diskussionsveranstaltung des Zentrums für Geschlechterstudien sei es aber gut möglich, dass das Thema von den Schulleitungen nun wieder aufgegriffen werde.
 

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