PADERBORN Eine Kita für zufriedene Mitarbeiter

Unternehmen reagieren auf Wünsche

VON ANNIKA FALK
Im Kinderland, der Kita des MZG Bad Lippspringe, betreuen Leiterin Eva-Marie Wenzel (r.) und ihre Stellvertreterin Ivone Drinkgut unter anderen (Mitte v.l.) Eic (2) ,Katja (5) und Jakob (5) sowie (unten v.l.) Marvin (3), Kyana (3) und Marc (4). - © FOTO: REINHARD ROHLF
Im Kinderland, der Kita des MZG Bad Lippspringe, betreuen Leiterin Eva-Marie Wenzel (r.) und ihre Stellvertreterin Ivone Drinkgut unter anderen (Mitte v.l.) Eic (2) ,Katja (5) und Jakob (5) sowie (unten v.l.) Marvin (3), Kyana (3) und Marc (4). | © FOTO: REINHARD ROHLF

Paderborn. Viele Unternehmen klagen über Fachkräftemangel. Doch um qualifizierte Mitarbeiter zu binden, muss weit mehr geboten werden als eine angemessene Bezahlung. Für viele Arbeitnehmer ist eine Betriebskita ein ausschlaggebendes Kriterium für einen Job. Darauf reagieren Paderborner Unternehmen.

Einige wollen sich noch nicht öffentlich zu ihren Plänen äußeren, befinden sich aktuell in Verhandlungen – über geeignete Räumlichkeiten oder einen Kooperationspartner. Denn nicht jedes Unternehmen ist groß genug, um eine eigene Betriebskita zu stemmen. Es kostet viel Geld, scheint sich aber zu lohnen.

Mittlerweile ist Vereinbarkeit von Familie und Beruf eines der Top-Themen in den Personalabteilungen. "Viele Bewerber fragen nach Weiterbildung, Sportangeboten und Betreuungsmöglichkeiten", sagt Benteler-Sprecherin Gudrun Girnus. Vor knapp vier Jahren hat der Konzern die neu gebaute Kita "Rohrspatzen" in Schloß Neuhaus eröffnet. Seitdem sind die 60 Plätze immer belegt. "Wir haben lange Wartelisten, viele fragen schon während der Schwangerschaft an", so Girnus.

Ab einem Alter von vier Monaten werden Mitarbeiter-Kinder zwischen 7 und 18 Uhr – nach Absprache und Bedarf auch mal länger – aufgenommen. In den Schulferien werden wochenweise sogar Schulkinder bis zum Alter von 12 Jahren betreut. Nicht nur Führungskräfte könnten so nach wenigen Monaten wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Information

Während der Dienstreise

In den vergangenen Jahren haben sich viele private Betreiber auf betriebliche Einrichtungen spezialisiert, aber auch das Deutsche Rote Kreuz betreibt bundesweit einige Betriebskitas. Im August eröffnet eine Kita bei ThyssenKrupp in Essen, wo es neben den Gruppenräumen eine Wohnung geben soll, in dem sich die Kinder aufhalten, deren Eltern nicht pünktlich von der Dienstreise zurückgekommen sind.

Auch die Bundesregierung unterstützt Unternehmen noch bis Ende des Jahres mit dem Förderprogramm "Betrieblich unterstützte Kinderbetreuung" für Betreuungsplätze für Ein- bis Dreijährige. Es wurden 50 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds bereitgestellt.(faa)

"Wir wollen zufriedene Mitarbeiter und denen ist Work-Life-Balance wichtig", so Girnus. Den Arbeitnehmern – Frauen wie Männern – sei es immer wichtiger, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Dafür bietet Benteler flexibel anpassbare Arbeitszeitmodelle. Und eben die Kindertagesstätte, auf die alle im Unternehmen stolz sind. Sie wird – anders als bei anderen großen Unternehmen – unabhängig in privater Trägerschaft geführt, die 20 pädagogischen Mitarbeiter sind bei Benteler beschäftigt.

Verschärft wird die Situation für Eltern, die im Schichtdienst arbeiten. Vor allem zu den Dienstzeiten von Ärzten und Pflegepersonal hat kein normaler Kindergarten geöffnet. Deshalb hat das Medizinische Zentrum (MZG) in Bad Lippspringe vor zwei Jahren das "Kinderland" eröffnet.

Bislang hat es noch normale Öffnungszeiten, dafür keine Ferien außer zwischen Weihnachten und Neujahr. "Aber wenn der Bedarf steigt, muss man überlegen, ob auch ein Spät- und Wochenenddienst eingerichtet wird", sagt MZG-Sprecher Heiko Appelbaum. 14 Kinder besuchen bislang die Kita, die sich im Gebäude der ehemaligen Auguste-Viktoria-Klinik befindet.

Das Besondere am "Kinderland": Es werden auch durchschnittlich zehn Kinder von Reha-Patienten betreut – meist über mehrere Wochen.

Doch hauptsächlich soll die Kita den Mitarbeitern dienen. Nicht nur bei Ingenieuren, auch bei Ärzten herrscht Fachkräftemangel. "Wir wollen junge Mütter und Väter als Mitarbeiter gewinnen", so Heiko Appelbaum. "Und Ärztinnen sind nach dem Studium eben meist um die 30 und spielen mit dem Gedanken an Kinder." Deshalb lohne sich die Subventionierung der Kita. "Diese Dienstleistung müssen Unternehmen langfristig anbieten", ist Appelbaum sicher.

Die Einrichtungen von Benteler und am MZG werden nicht aus öffentlichen Mitteln gefördert. Das ist aber möglich, wenn das entsprechende Jugendamt einen Bedarf festgestellt hat. "Dann können beim Ausbau der U3-Betreuung Investitionsmittel fließen und es gibt eine Unterstützung bei den Betriebskosten", sagt Christiane Hagen vom Kreisjugendamt. Wenn sich ein Unternehmen eine eigene Kita nicht zutraut, könnten sich diese auch in bestehende Einrichtungen "einkaufen".

Oder sie stellen etwa zwei Tagesmütter ein, die bis zu neun Kinder betreuen könnten. "Es gibt verschiedene Modelle und Facetten", so Hagen, die Unternehmen ermutigt, darüber nachzudenken und sich bei Fragen an das Jugendamt zu wenden. "Ich halte Betriebskindergarten für äußerst sinnvoll, vor allem was die Randzeitenbetreuung wie in der Altenpflege oder bei Kliniken angeht."

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