NW News

Jetzt installieren

0
PADERBORN

Der Polizist in der Wildnis

Wie Hans-Joachim Blankenburg in der kanadischen Einsamkeit lebt

VON UWE POLLMEIER
20.11.2010 | Stand 19.11.2010, 19:31 Uhr
Hans-Joachim Blankenburg ist vor 26 Jahren nach Nordamerika ausgewandert. Unter dem Pseudonym Jo Bentfeld hat er mehrere Bücher veröffentlicht. Jedes jahr kommt er für einige Tage zurück nach Deutschland, um aus seinen Werken vorzulesen. - © FOTO: REINHARD ROHLF
Hans-Joachim Blankenburg ist vor 26 Jahren nach Nordamerika ausgewandert. Unter dem Pseudonym Jo Bentfeld hat er mehrere Bücher veröffentlicht. Jedes jahr kommt er für einige Tage zurück nach Deutschland, um aus seinen Werken vorzulesen. | © FOTO: REINHARD ROHLF

Paderborn. Das graue Haar hängt etwas zottelig auf den Schultern, ein Vollbart bedeckt das Kinn und der grüne Pulli, vor Jahrzehnten wohl der neueste modische Schrei, passt farblich zu den schweren Schneestiefeln im Tarnfarben-Look. Stellt man sich in Gedanken einen Auswanderer vor, dann sieht er vermutlich so aus wie Hans-Joachim Blankenburg. "Der größte Luxus auf Erden ist die Freiheit", sagt der 78-Jährige und streicht mit den Händen seine Haarsträhnen zurück. Eine Erkenntnis, die ihm 1974 kam, als er um zehn Stimmen das Bundestagsmandat verfehlte. Zehn Jahre später schmiss er alles hin und wanderte nach Kanada aus.

"Wäre ich nach Bonn gegangen, hätte mein Leben einen anderen Verlauf genommen", sagt der 78-Jährige. "Mir war nun klar, dass ich nicht mehr Bundeskanzler werden konnte", sagt er verschmitzt. Nach Tischlerlehre, Polizeidienst und Dozententätigkeit hatte der Wirtschaftswissenschaftler genug von gesellschaftlichen Normen und starren Zeitabläufen. Heute spräche man von der Midlife-Crisis, damals war es die Erfüllung eines Kindheitstraums.

"Ich mochte schon immer das schlichte und einfache Leben", sagt der gebürtige Schwabe. Wie damals, als er zu Zeiten des 2. Weltkriegs im Dörfchen Ostrach aufwuchs. Man hatte kaum etwas und erfreute sich an einfachen Dingen. "Die Zeit danach war nie wieder so schön wie damals", sagt der 78-Jährige wehmütig und in Gedanken ist er plötzlich wieder acht Jahre alt, baut Holzhütten und spielt Räuber und Gendarm in der Moorlandschaft seines Heimatdorfes.

Blankenburg hatte genug von dem spießbürgerlichen Leben in Deutschland. "Ich wollte nur noch raus", sagt er. Seine 25 Jahre im Polizeidienst machte er, um seine Pension zu sichern, noch voll. Zuletzt war er von 1974 bis 1978 als Chef der Paderborner Polizei und lebte in Delbrück-Bentfeld.

Ende der 70er-Jahre war damit endgültig Schluss. Die vier Kinder waren volljährig, die Ehe gescheitert und der vage Gedanke zum festen Entschluss geworden. Mit nicht einmal 46 Jahren setzte er sich in sein Wohnmobil und fuhr los Richtung Skandinavien. Was für einen Großstadtmenschen schon Einsamkeit pur ist, war Blankenburg noch nicht genug. "Im Sommer saß hinter jedem Baum ein Tourist". Es war mir dort noch zu überlaufen, ich wollte es ruhiger haben", sagt der Hauptkommissar a.D. Nach fünf Jahren packte er erneut seine Sachen und flog nach Kanada. Er fand eine Straße, die nur vier Monate im Jahr geöffnet war, fuhr sie entlang bis zum Ende und ging schließlich noch drei Tage lang zu Fuß querfeldein.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.