Paderborn Weihestunde für den Hermann

Professor Dietmar Klenke geht dem Kult um den Cheruskerfürsten auf den Grund

VON RALF MISCHER
Der Hermann auf dem Haus an der Ecke Detmolderstraße /Hermannstraße ist offenbar auch in der Vogelwelt sehr beliebt. Gerade fliegt eine Krähe an dem Bauwerk vorbei. - © FOTO: R. ROHLF
Der Hermann auf dem Haus an der Ecke Detmolderstraße /Hermannstraße ist offenbar auch in der Vogelwelt sehr beliebt. Gerade fliegt eine Krähe an dem Bauwerk vorbei. | © FOTO: R. ROHLF

Paderborn. Auf zwei großen Marmorsäulen stehen zwei kleine Gartenzwerge. Beide tragen ein Schwert in der Hand. Zumindest der Rechte schimmert so grün, wie die Patina verwitterten Kupfers. Damit ist er eindeutig als Hermannszwerg identifizierbar. Am Rednerpult steht Professor Dr. Dietmar Klenke. Und er verneigt sich vor den "Märtyrern und Helden der Hermannschlacht".

In einer "festlichen Weihestunde" erinnerte der Historiker auf Einladung des Altertumsvereins in der Theologischen Fakultät an den 100. Geburtstag des kleinen Hermanns.

Jenes Denkmal, das an der Ecke Detmolder Straße/Hermannstraße sein Schwert in die Luft streckt, stand immer im Schatten seines großen Nachbarn im lippischen Hiddesen. Das soll sich nun aber ändern: Auch der "kleine Hermann" soll nun den rechten Platz in den Herzen bekommen. Dafür müssen aber die Bürger der Stadt aufhören "in ihrer Mehrheit einen christlichen Götzendienst zu frönen." Gemeint sind primär die Katholiken, auch genannt Römlinge, die ein verweichlichtes Männerbild repräsentieren und mit dem Germanentum herzlich wenig zu tun haben. Klenke moniert deshalb auch den "verflachenden weihnachtlichen Konsumgeist"und empfiehlt den Zuhörern, zur Wintersonnenwende wieder in die Wälder zu pilgern.

Klingt das seltsam? Zumindest in den Ohren eines nationalliberalen Vaterlandsfreundes des frühen 20. Jahrhunderts hätte das ganz normal geklungen. Heute hört es sich an wie Satire – und ist auch so gemeint.

Der Wissenschaftler holt die Rhetorik von einst zurück ins Hermanns-Jubiläumsjahr. Anschließend klärt darüber auf, was es mit dem Hermannskult auf sich hatte. "Der Cheruskerfürst ,Hermann’ zählte damals zu den prominentesten reichsdeutschen Nationalsymbolen", berichtet der Historiker. Hermann stand für nationale Wehrhaftigkeit, Selbstbehauptung und Einigkeit. Er wurde zur mythischen Führungsfigur eines nationalreligiös aufgeladenen Heldenglaubens stilisiert. Und weil er vor 2000 Jahren gegen die Römer ins Feld zog, wurde er zur Symbolfigur während des Kulturkampfes. Zwischen 1871 und 1887 war der Hermann "ein militantes Erkennungszeichen der nationalliberalen Gegner des römischen Katholizismus". Symbolhaft stand Hermann als historischer Oppositionsführer gegen Papsttum und Internationalismus.

Wie ist es da zu erklären, dass der Cheruskerfürst seit 1909 auch im katholischen Paderborn sein Barbarenschwert in die ostwestfälische Luft erhebt? Klenke: "Wer sich in diesem Rahmen als Katholik ,Hermann’ zu eigen machte, widersetzte sich damit dem Ansinnen nationalprotestantischer, nationalistischer und völkischer Kreise, die römische Papstkirche aus der deutschen Reichsnation auszugrenzen."

Auch die katholischen Paderborner wollten sich demnach als "staatstragende Elemente" verstanden wissen. Vor diesem Hintergrund ist die Errichtung des kleinen Hermanns durch den Bauunternehmer Franz Tölle zu verstehen: Um vor dem Tribunal der Nationalliberalen als echte Deutsche zu gelten, ging der Paderborner sogar den Pakt mit dem barbarischen Römerschlächter ein. Dabei spielte keine unerhebliche Rolle, dass Franz Tölle 1873 geboren wurde – und damit die Diffamierungen des Katholizismus im Kulturkampf nicht mehr selbst miterlebt hatte.

Ein guter Katholik war er aber dennoch: Zwei seiner Kinder benannte Tölle nach dem lokalen Schutzheiligen – Liborius.
    

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group