Der bekannteste Abgang: Die Buchhandlung Linnemann in der Westernstraße ist seit Januar verschwunden. - © Lena Henning
Der bekannteste Abgang: Die Buchhandlung Linnemann in der Westernstraße ist seit Januar verschwunden. | © Lena Henning

Paderborn Digitaler Wandel verdrängt Paderborner Buchhändler wie Linnemann

Vor allem Online-Händler führen zu Geschäftsaufgaben

Holger Kosbab
12.06.2019 | Stand 12.06.2019, 11:28 Uhr

Paderborn. Linnemann und die Uni-Buchhandlung Meier haben zwei Gemeinsamkeiten: Beide Buchhandlungen haben im Jahr 1977 eröffnet und beide mussten sich fast 42 Jahre später endgültig den Veränderungen des Buchhandels mit Online-Riesen wie Amazon fügen. Linnemann schloss zunächst den Hauptstandort, ehe auch die Filiale im Südring von Bonifatius übernommen wurde. Meier verließ zum Jahresende die Geschäftsräume in Uni-Nähe und ist mittlerweile auf den Online-Handel spezialisiert. Und dies sind nur die aktuellen Beispiele für den Wandel in Paderborns Buchhandels-Branche, die früher erheblich üppiger war. Rückzug am Südring-Center Mitte Januar schloss das Familienunternehmen Linnemann seine Hauptfiliale an der Westernstraße. Der zweite Standort im Südring-Center sollte dagegen weiter betrieben werden. Linnemann – mehr als Bücher: Der bekannte Name steht auch weiterhin über der Filiale am Südring. Doch seit 1. Juni hat dort die Buchspiegel GmbH, Tochtergesellschaft der Paderborner Bonifatius-Buchhandlung, das Geschäft übernommen. Ende Januar gaben die Buchhandlungen Bonifatius und Linnemann bekannt, zusammenzuarbeiten und beschlossen, ihren Auftritt in der Liboristraße und im Südring-Center künftig gemeinsam zu entwickeln. Damit stünden sie „gemeinsam für ein starkes regionales Konzept gegen Filialisten", erklärte Bonifatius-Geschäftsführer Rolf Pitsch. Schon damals sei über weitere Schritte für eine engere Zusammenarbeit nachgedacht worden. Vor zwei Wochen wurde dann mitgeteilt, dass sich die Familie Linnemann auch aus dem Südring-Center zurück zieht. Zusammen mit Tanja Huckemann (Bereichsleiterin Handel bei Bonifatius) und Pitsch führen Marcus Linnemann und seine Ehefrau Sabine sowie Filialleiterin Andrea Meyer das Geschäft fort. "Fast alle haben die Segel gestrichen" Fast 42 Jahre hatten Marcus Linnemanns Eltern Katharina und Antonius in der City Bücher verkauft: zuerst im Dany-Kaufhaus, dann viele Jahre in der Westernstraße 31 und auch am Südring. Angesichts sinkender Umsätze infolge der wachsenden Internet-Konkurrenz und gleichzeitig hoher Mieten (43.000 Euro für 1.000 Quadratmeter) zogen die beiden den Schlussstrich. „Wir waren lange eine der zehn umsatzstärksten Buchhandlungen in NRW", sagte Katharina Linnemann zur Schließung und blickte auf die Zeit, bevor die Kette Thalia nach Paderborn kam. Seitdem - und durch den immer stärker werdenden Online-Handel - hat sich das Buchhandelsgefüge an der Pader stark verändert. 2002 wurde aus der Montanus-Buchhandlung am Marienplatz Thalia - durch einen Zusammenschluss der vormaligen Hagener Universitätsbuchhandlung Phönix mit der Hamburger Thalia-Gruppe. "Paderborn ist für Thalia ein sehr wichtiger Standort und wir sind sehr zufrieden", erklärt Sprecherin Sarah Malke. "Neben einem breiten Buchangebot vor Ort, haben wir vor einiger Zeit den Bereich Spiele und Spielwaren zu einer ,Spielwarenwelt' ausgebaut." Ergänzend setze Thalia auf exklusive Geschenkartikel und originelle Produkte, die zum Buch passten und Inspiration böten. Die Geschäftsmiete an der Warburger Straße 98 habe sich nicht mehr rentiert, sagt Bernd Meier, der seinen dort aufgegebenen Buchhandel unter dem Namen Unibuch.de KG seit Mitte März an der Schulze-Delitzsch-Straße im Gewerbegebiet Driburger Straße betreibt. Hier hat er größere Räume, die er für den Versand benötigt. Bereits seit 2007 verschickte er auch Bücher und hat sich mittlerweile auf den Versand spezialisiert. Damit macht er 95 Prozent des Umsatzes. "Gegen Filialisten kann man kaum bestehen" Früher waren Studenten im Grundstudium Meiers Butterbrot-Geschäft. Zuletzt habe er jedoch vor allem Lkw-Fahrern den Weg gewiesen. In den Laden kam kaum noch jemand. So wie ihm ergehe es vielen Uni-Buchhandlungen. Fast alle hätten die Segel gestrichen. "Habe ich früher von einem Titel zu einer großen Vorlesung 600 Stück verkauft, so sind es heute sechs", sagt Meier. Hinzu komme, dass die Universitätsbibliothek Studenten kostenlose Downloads anbiete. "Studenten organisieren ihr Studium heute völlig anders. Die benötigen nur noch wenig Literatur und arbeiten hauptsächlich mit digitalen Medien. Und wenn sie etwas kaufen, dann gebraucht oder bei Amazon." Bereits Ende 2002 machte die Universitätsbuchhandlung Josef Unruhe im Glesekerhaus am Marktplatz zu. Bis zur Schließung zählte sie 27 Jahre zum Paderborner Handel. Inhaberin Gertrud Quante zog sich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Arbeitsleben zurück. Einen Nachfolger für ihr Geschäft fand sie nicht. Kurz nachdem Thalia an den Marienplatz zog, kam auch das Ende für die Buchhandlung Harlinghausen an der Giersstraße. Vor sechs Jahren schloss Lioba Schumacher-Halemeier die Buchhandlung Halbig am Kamp. Im Jahr 1967 begann sie bei Buchhändler Bernhard Halbig ihre Lehre als Sortimentsbuchhändlerin und lernte dort sogar ihren späteren Ehemann Klaus Dieter Halemeier kennen. Mit ihm übernahm sie 1975 die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete und seit den 60er Jahren am Kamp ansässige Buchhandlung und führte sie nach seinem Tod 2001 allein weiter. Doch "gegen den Internetbuchhandel und die großen Filialisten kann man im kleinen Paderborn kaum bestehen", sagte sie damals.

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