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Philipp und Kahtrin Wibbing mit ihrem Sohn Julian. - © Mareike Gröneweg
Philipp und Kahtrin Wibbing mit ihrem Sohn Julian. | © Mareike Gröneweg

Paderborn Ehepaar aus Paderborn gründet Pflegedienst für sein schwer krankes Kind

Gesundheit: Julian David Wibbing ist fünf Jahre alt und hat eine Schwerstbehinderung. Er braucht rund um die Uhr Pflege, doch seine Eltern waren mit den überregionalen Pflegediensten unzufrieden

Mareike Gröneweg
14.12.2018 | Stand 14.12.2018, 17:31 Uhr

Paderborn. Julian David ist ein besonderes Kind. In seinem Zimmer liegen neben Spielsachen und Kuscheltieren viele Schläuche, die an ein Beatmungsgerät angeschlossen sind. Der Fünfjährige hat eine Schwerstbehinderung, verursacht durch einen bislang unbekannten Gendefekt. Er braucht eine 24-Stunden-Pflege. Da seine Eltern, Kathrin und Philipp Wibbing, schlechte Erfahrungen mit Pflegediensten gemacht haben, gründeten sie ihren eigenen. „Team David" hat 30 Mitarbeiter und betreut sieben Familien. „Wir waren auf einer Hochzeit in Hamburg, als nachts meine Fruchtblase im Hotel platzte", berichtet Kathrin Wibbing von der Geburt. Sie war erst in der 30. Woche und rechnete weder mit einer Frühgeburt noch mit einer Behinderung ihres Kindes. Ihr älterer Sohn Bjarne (9) ist gesund. Im Krankenhaus angekommen, ging alles ganz schnell: Die heute 41-Jährige bekam einen Kaiserschnitt und Julian war geboren. Er wog 1.320 Gramm – etwas mehr als ein Milchpäckchen. Schnell wurde Ärzten und Eltern klar: Julian hatte nicht nur mit der frühen Geburt, sondern auch mit einer schweren Behinderung zu kämpfen. Es folgten zahlreiche Untersuchungen. Kathrin Wibbing erinnert sich noch an ihren emotionalen Tiefpunkt: „Ein Facharzt, der viel Expertise hatte und bereits im Ruhestand war, hat Julian kurz nach seiner Geburt untersucht. Er hob sein dünnes Ärmchen, ließ es fallen und sagte, dass Julian seinen zweiten Geburtstag nicht erleben würde." Die Eltern haben bis heute keinen Namen für die Krankheit Es war eine von vielen Verdachtsdiagnosen. Die Eltern haben bis heute keinen Namen für Julians Krankheit. „Es ist eine nicht geklärte neuromuskuläre Erkrankung", sagt Philipp Wibbing. Jedoch mache sein Sohn seit seiner Geburt Fortschritte. Niemand habe sich vorstellen können, dass Julian einen Rollstuhl fahren kann – heute ist es möglich. Kathrin und Philipp Wibbing gehen davon aus, dass Julian kognitiv normal entwickelt ist. Dass Julian rund um die Uhr Pflege braucht, liegt hauptsächlich an seinem Tracheostoma, also seinem künstlichen Zugang zur Luftröhre. Er konnte anfangs nicht eigenständig atmen, heute nur mit Unterstützung. Der Zugang zur Luftröhre wird über eine Kanüle sichergestellt. Verstopft die Kanüle, weil sich permanent Sekrete an der künstlichen Öffnung bilden, besteht direkt Lebensgefahr. Das mussten die Eltern bereits miterleben: Anfang 2017 verstopfte die Kanüle plötzlich. Die Pflegefachkraft und Philipp Wibbing sahen am Monitor, dass die Sauerstoffsättigung von Julian rasant abfiel. „Ich habe ihn in meinen eigenen Händen sterben sehen", beschreibt Philipp Wibbing heute den Notfall. Als der Notarzt eintraf, war die Kanüle bereits gewechselt. „Bis ins Krankenhaus hätte er es sonst nicht mehr geschafft", ist Philipp Wibbing sich sicher. Da die Eltern mit überregionalen Pflegediensten schlechte Erfahrungen machten, gründeten sie zum 1. Januar 2015 selbst einen Pflegedienst. „Team David" ist spezialisiert auf die Intensivpflege von Kindern. „Der Erfolg hat uns überrannt", sagt Kathrin Wibbing, die mittlerweile nur noch für „Team David" arbeitet. Ihr Mann arbeitet parallel als Unternehmensberater. Angefangen hat das Start-Up mit fünf Pflegekräften, heute sind es 30 Mitarbeiter. Jeden Monat gehen laut Kathrin Wibbing mindestens zwei Versorgungsnachfragen ein, die meistens wegen zu wenig Pflegefachkräften abgelehnt werden müssen. Julians zweiter Name ist David Julian wird nicht nur vom „Team David" gepflegt, er ist auch Namensgeber der Firma. Denn sein zweiter Name ist David. „Der Name sollte den Lebenswillen von unserem Sohn widerspiegeln. Und die Geschichte von David und Goliath schien uns bei seiner Krankheit passend", berichtet Kathrin Wibbing. „Er zeigt uns jeden Tag, dass nur das Hier und Jetzt zählt", sagt Philipp Wibbing. Er habe viel von seinem Sohn gelernt, beispielsweise auch, dass Kommunikation und Nähe ganz ohne Sprache auskommt. Um die Schwierigkeiten und den Fachkräftemangel in der Intensivpflege für Kinder politisch anzugehen, haben die Wibbings eine Online-Petition ins Leben gerufen. Darin weisen sie Gesundheitsminister Jens Spahn auf die Missstände in der Kinderintensiv-Pflege hin. Und hoffen, dass Julians Geschichte etwas bewegt.

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