0
Dass freiwilligen Hilfsorganisationen die Ausfahrt ihrer Schiffe verweigert werde, können man laut Thomas Witt nur so deuten: „Die Menschen sollen ertrinken." - © Martin Kolek
Dass freiwilligen Hilfsorganisationen die Ausfahrt ihrer Schiffe verweigert werde, können man laut Thomas Witt nur so deuten: „Die Menschen sollen ertrinken." | © Martin Kolek

Paderborn Caritas Paderborn kritisiert Umgang mit Flüchtlingen

Der Caritas-Vorsitzende und Flüchtlingsbeauftragte Thomas Witt findet besonders deutliche Worte für den „Grenzschutz“ auf See

Birger Berbüsse
15.07.2018 | Stand 13.07.2018, 18:04 Uhr

Paderborn. In Seenot geratenen Menschen weder selbst zu helfen noch Dritte helfen zu lassen, sei völkerrechtswidrig und inakzeptabel, sagt der Vorsitzende der Caritas im Erzbistum Paderborn, Thomas Witt. „Die Grenzsicherung geht aber zunehmend über Leichen", findet der Flüchtlingsbeauftragte des Erzbistums in einem jetzt veröffentlichten Interview deutliche Worte für die jüngsten Entwicklungen. Dass freiwilligen Hilfsorganisationen die Ausfahrt ihrer Schiffe verweigert werde oder man ein Aufklärungsflugzeug am Start hindere, „das kann man eigentlich nur so deuten: Die Menschen sollen ertrinken." Witt vermutet, dass einzelne Staaten auf den „Abschreckungseffekt" setzen. Er glaube aber nicht, dass dieser erreicht werde. „Die Menschen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern in Libyen leben und ihr Dasein fristen, sind verzweifelt genug, um alles auf eine Karte zu setzen." Sie wüssten vermutlich auch gar nicht, wie gefährlich die Überfahrt ist. Und so würden sie es immer wieder versuchen, wenn die Verzweiflung groß genug ist. „Schließlich haben sie nicht mehr viel zu verlieren", sagt Witt, der sich im vergangenen Jahr selbst ein Bild von der Situation in Syrien gemacht hat. "Grenzschutz löst nur unsere Probleme" Den Grenzschutz der EU zu verstärken helfe lediglich, „unsere Probleme zu lösen". Das tue es auch schon: Die Zahl der Geflüchteten sei drastisch zurück gegangen, die Neuzugänge lägen unter der vereinbarten „Obergrenze". „Aber es löst natürlich überhaupt nicht die Probleme der Menschen", sagt Thomas Witt. Wenn sich die Lage in vielen Ländern Afrikas weiter verschlimmere, werde es kaum Mittel geben, den dann immer stärker werdenden Migrationsdruck dauerhaft aufzuhalten, glaubt der Flüchtlingsbeauftragte. Perspektivisch sei deshalb die „Fluchtursachenbekämpfung" das wichtigste Thema. „Wir müssen helfen, dass die Menschen in ihren Ursprungsländern leben können, und viele wären vielleicht schon damit zufrieden, einfach zu überleben", sagt Witt. Das brauche jedoch Zeit. In der Zwischenzeit müsse man versuchen, mit den Menschen, die kommen, gute Wege zu finden und ihnen sicheren Schutz zu gewähren. „Dafür täte uns ein Rückgriff auf die 2015 gezeigte Willkommenskultur gut – sicher verändert und gereift durch viele Probleme der Jahre 2015 und 2016."  "Menschenschutz vor Grenzschutz" Für die Asyl- und Schutzsuchenden forderte Witt, der auch schon Abschiebungen nach Afghanistan kritisierte, den Grundsatz „Menschenschutz vor Grenzschutz" sowie individuelle Verfahren und unabhängige Beratung. Eine Beschleunigung der Verfahren sei zwar auch im Sinne der Betroffenen zu begrüßen. „Sie darf aber nicht damit erkauft werden, dass die Qualität der Asylverfahren schlechter wird und den Menschen der Rechtsschutz verweigert wird." Sie müssten rechtssicher und fair sein. Die dafür nötige unabhängige Rechtsberatung sieht Witt in den von Innenminister Horst Seehofer geplanten AnKER-Zentren jedoch nicht gewährleistet. Die Zentren und ähnliche Pläne wie etwa der Asylstufenplan in NRW beschleunigten weniger die Asylfahren als vielmehr die Entrechtung von Asylsuchenden.

realisiert durch evolver group