Ein Teil des Teams: (v. l.) Domkapellmeister Thomas Berning, Nils Dahl, Igor Epstein, Thomas Auerswald, Edith Erbrich, Lars Hesse, Lisa Kirchberg, Marlene Kirchberg, Maurice Stute, Sarah Kass und Willi Hagemeier waren an der Produktion von „Die Kinder der toten Stadt“ beteiligt. Foto: jan Hoppe/Studio Blickfang - © Lava Studios
Ein Teil des Teams: (v. l.) Domkapellmeister Thomas Berning, Nils Dahl, Igor Epstein, Thomas Auerswald, Edith Erbrich, Lars Hesse, Lisa Kirchberg, Marlene Kirchberg, Maurice Stute, Sarah Kass und Willi Hagemeier waren an der Produktion von „Die Kinder der toten Stadt“ beteiligt. Foto: jan Hoppe/Studio Blickfang | © Lava Studios

Paderborn Holocaust: Musikdrama gegen das Vergessen wird in Paderborn produziert

Ein Drama gegen das Vergessen: Das Musiktheaterstück „Die Kinder der toten Stadt“ können Schulen nutzen, um das Thema Holocaust am Beispiel des 23. Juni 1944 in Theresienstadt zu behandeln

Paderborn. Durch Theater und über das eigene Spiel den Blick von Schülern auf das Thema Holocaust lenken: Dies ist das Ziel des Projekts „Die Kinder der toten Stadt – Musikdrama gegen das Vergessen". Das in Paderborn mit bekannten Sprechern und Musikern produzierte Musiktheaterstück will mit neuen didaktischen Ansätzen Impulse zur Auseinandersetzung im Sinne der Erinnerungskultur an Schulen geben, wie das Deutsche Institut für Erinnerungskultur mit Sitz in Paderborn in einer Presseinformation mitteilt. Die Geschichte basiert auf wahren Tatsachen, die sich am 23. Juni 1944, also vor 74 Jahren, im Ghetto Theresienstadt abgespielt haben. Die Musik ist eine Mischung aus aktueller Pop- und Rockmusik, Klassik und Klezmer. Prominente Mitwirkende sind Iris Berben, Echo-Preisträger Peter Heppner und ESC-Teilnehmer Michael Schulte, die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano, die Kinderchöre des Paderborner Domchor und der Schauspieler Willi Hagemeier. Die Produktion von Sarah Kass (Pädagogin und Leiterin Deutsches Institut für Erinnerungskultur), Lars Hesse (Komponist) und Thomas Auerswald (Autor) entstand in den Paderborner Lava-Studios. Doch die Idylle trügte Der 23. Juni 1944 war ein ganz normaler Sommertag in Theresienstadt. Die alten Barock-Gebäude erstrahlten in neuem Glanz, Rosen blühten, es wurde Fußball gespielt und die Oper „Brundibar" von Kindern Hans Krasa aufgeführt. Doch die Idylle trügte. Mehr als 140.000 Menschen waren hier zwischen 1942 und 1945 eingesperrt. Etwa 90.000 von ihnen wurden in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, fast 34.000 Menschen starben an Erschöpfung, Hunger und Krankheit. Doch nicht am 23. Juni 1944. Denn zuvor hatten die Gefangenen auf Befehl des SS-Lagerkommandanten Karl Rahm die Anlage vollständig gestrichen und renoviert. Der Grund: Im Ausland gab es schon länger Gerüchte darüber, dass in deutschen Konzentrationslagern systematisch Massenmord betrieben wurde. So lud man eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes ein, um die Weltöffentlichkeit vom Gegenteil zu überzeugen. Um dies auch mit Bildmaterial zu dokumentieren und das Lager als NS-Bildkulisse zu nutzen, wurde parallel der Film „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" von dem jüdischen Regisseur Kurt Gerron auf Befehl des Propagandaministeriums gedreht. Zur Vertuschung wurden die meisten Insassen, die den Tag miterleben mussten, in den darauf folgenden Wochen nach Auschwitz verlegt und umgebracht. Historische Fakten, fiktive Geschichte Diese historischen Fakten bilden die Grundlage und den Hintergrund zur fiktiven Geschichte „Die Kinder der toten Stadt". In den Hauptrollen sind sieben Kinder, die bei der für Gäste inszenierten Opernaufführung mitmachen und alle Hoffnungen hinein stecken. Sie glauben fest: Wenn Menschen von außerhalb der Mauern sie sehen, dann müssten sie doch erkennen, was hier passiert und sie alle befreien. Insgesamt waren an der Produktion mehr als 100 Mitwirkende beteiligt. Zu den Interpreten gehören die junge Sängerin Jade Schulz sowie ESC-Teilnehmer Michael Schulte. Die dritte große Partie hat der Chor der Kinder inne, hier durch die beiden Paderborner Kinder-Domchöre mit viel Leidenschaft in Szene gesetzt. Im Unterschied zu den Kindern sprechen die Erwachsenen nur. Iris Berben übernimmt die Rolle der Frau des Komponisten, sie ist zugleich Schirmherrin des Projekts. An ihrer Seite ist Echo-Preisträger Peter Heppner („Die Flut") als Komponist. Ebenfalls wichtige Parts haben Cornelia Schönwald als Lehrerin und Willi Hagemeier (Theater Paderborn) als Erzähler. Esther Bejarano stellt ihre Rolle der Pianistin stark angelehnt an ihre eigene Vita mit authentischer Sprache dar. „Sie ist eine der wenigen noch überlebenden Zeitzeugen der NS-Vernichtungslager, und ihre Teilnahme ist eine besondere Ehre für dieses Projekt", sagt Sarah Kass. Anderer Blick auf die Vergangenheit Das entstandene Werk lässt Schüler von heute ganz anders mit dem schrecklichen Geschehen von damals in Berührung kommen. „Wer sich mit den Kindern durch eine Theaterarbeit wie diese identifiziert, hat einen ganz anderen Blick auf die Vergangenheit – und hoffentlich auch auf die Zukunft", erklärt Autor Thomas Auerswald. Das Stück über den Überlebenswillen der Kinder in Theresienstadt hat das Ziel, vor allem Schüler und Lehrer zu inspirieren, sich mit diesem Thema im Unterricht zu beschäftigen. Zusätzlich zur Tonstudio-Produktion wird reichhaltiges historisches und didaktisches Material sowie eine komplette Notation produziert und zur Verfügung gestellt, um Schulprojekte und Schulaufführungen möglich zu machen. Schon jetzt haben drei Schulen zugesagt, nach den Sommerferien mit den Proben zu beginnen.

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