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Kontrolle: Der Checkpoint an der Bahn-Unterführung Herforder Straße/Ecke Kaiserstraße war einer der Hauptzugangspunkte zur gesperrten Innenstadt. Während eine Fußgängerin die Straße kreuzt, rollt im Hintergrund ein VW Käfer heran. - © Foto: Stadtarchiv
Kontrolle: Der Checkpoint an der Bahn-Unterführung Herforder Straße/Ecke Kaiserstraße war einer der Hauptzugangspunkte zur gesperrten Innenstadt. Während eine Fußgängerin die Straße kreuzt, rollt im Hintergrund ein VW Käfer heran. | © Foto: Stadtarchiv
Bad Oeynhausen

Zwei Apfelsinen als Dankeschön

Zeitzeugen: Manfred Saßmannshausen (82) hatte die Feldküche direkt vor dem Haus

Nicole Sielermann
04.06.2015 | Stand 10.06.2015, 17:53 Uhr

Bad Oeynhausen. Als die Amerikaner im April 1945 in die Stadt einmarschierten, lernte Manfred Saßmannshausen den ersten Farbigen in seinem Leben kennen: „Ein Riesen-Kerl“, sagt der 82-Jährige. „Kaugummi kauend stand er vor mir.“ Und fragte den damals 12-Jährigen nach dem Weg zum Rathaus. „Ich hatte schon zwei Jahre Englisch in der Schule und konnte helfen.“ 70 Jahre ist es her, dass die Amerikaner und Engländer die Kurstadt vereinnahmten. Zeitzeugen erzählen in der NW von ihren Erlebnissen.

Manfred Saßmannshausen konnte dem suchenden amerikanischen Soldaten helfen. „Er hat mich auf seinen Jeep gehoben, ich saß rechte Hand, bekam auch ein Kaugummi und bin mit zum Rathaus gefahren“, erinnert sich Saßmannshausen. Als Dank gab’s zwei Apfelsinen. „Die ersten in meinem Leben – ich war ganz stolz.“

Erlebte die Räumung der Innenstadt: Manfred Saßmannshausen wohnte damals an der Portastraße. - © Foto: Nicole Sielermann
Erlebte die Räumung der Innenstadt: Manfred Saßmannshausen wohnte damals an der Portastraße. | © Foto: Nicole Sielermann

Direkt vor Saßmannshausens Zuhause in der Portastraße hatte damals eine Artillerieeinheit eine Feldküche installiert. „Da gab es für uns Kinder immer etwas zu essen“, erinnert sich der 82-Jährige. „Die Soldaten waren sehr nett zu uns Kindern.“ Und Manfred Saßmannshausen gewieft: „Ich habe natürlich vieles nach Hause getragen.“

Umzug vom Westerwald nach Bad Oeynhausen

Erst 1941 kam Familie Saßmannshausen aus dem Westerwald in die Kurstadt. „Mein Stiefvater hatte in der Möbelfabrik Böker eine Stelle als Werksleiter bekommen.“ Und so zogen Mutter, Schwester und der junge Manfred an Weser und Werre. „Zwei bis drei Wochen haben wir im Hotel zur Post gewohnt – weil es keinen Wohnraum gab.“

Später bekam die Familie eine Wohnung an der Portastraße 9. „Im Souterrain des Hauses Hölterhof – heute die Gaststätte Bayernglück.“ Von dort aus ging der junge Manfred auf Erkundungstour. „Ach, was wir alles gemacht haben“, winkt der 82-Jährige ab. Zum Beispiel eine Kiste Rosinen geklaut. „Mit der hat meine Mutter mich gleich wieder zurückgeschickt.“ Oder bei der Räumung des Schuhlagers an der Weserstraße: „Da habe ich auch zwei Schuhe ergattert und bin damit in die Schweiz gelaufen, um sie gleich anzuprobieren.“ Leider waren es aber zwei Linke.

Nur wenige Tage blieben die Amerikaner in Bad Oeynhausen, danach übergaben sie an die Engländer. Dazwischen, so berichtet Manfred Saßmannshausen, habe es eine kurze Vakanz gegeben. „Wir Jugendlichen haben dann die Zentrale der NSDAP besetzt. Die war direkt gegenüber unserer Wohnung.“ Da sei noch alles da gewesen: Pistolen, Stempel, Spendenbüchsen. Dort spielten die Jungs dann Parteizentrale. „Im Garten haben wir auch eine Dose mit Leuchtspurmunition vergraben. „Die würden man vermutlich heute noch finden.“ Kurzzeitig ging das Spiel gut. Dann kam die Hilfspolizei. „Die hat uns einkassiert und in eine Zelle im Rathaus gesteckt.“ Die Eltern haben die Jungs später abgeholt. „Das war schon abenteuerlich.“

Zweiter Umzug mit dem Bollerwagen

Als die englischen Besatzer kamen, wurde alles anders. „Unser Nachbar war der spätere Bürgermeister Kronheim und sein Enkel mein Spielkamerad“, erzählt Saßmannshausen. Der habe beim Spielen eines Tages von der geplanten Evakuierung berichtet. „Ich habe das gleich meinen Eltern erzählt, aber die haben das als Hirngespinst abgetan.“ Acht Tage später war es dann soweit: Die Innenstadt wurde geräumt. Tausende Bad Oeynhausener mussten ihr Zuhause verlassen. „Durch den Job meines Vaters bekamen wir bei Böker an der Heinrichstraße eine Unterkunft.“ Zu Fuß und mit dem Bollerwagen transportierte die Familie ihre Habseligkeiten. „Das meiste musste ja drin bleiben.“

Vorbei am Checkpoint Kaiserstraße, in Höhe von Teppich Seeger, brachten Saßmannshausens ihre persönlichen Sachen. „Als kleiner Dötz habe ich dort vieles vorbeigetragen – auch ein Radio“, erinnert sich der 82-Jährige schmunzelnd. „Die haben nichts gesagt an der Kontrolle.“ In unmittelbarer Nähe zur Baracken City an der Mindener Straße war dann für einige Wochen das Zuhause von Manfred Saßmannshausen. „Dort war ja auch die Freie Presse, die Vorgängerzeitung der Neuen Westfälischen. Die haben damals einen Leichtathletik-Dreikampf ausgerichtet, den ich gewonnen habe.“

Weil die Schule bis auf weiteres ausfiel, reiste der Zwölfjährige mit seinem Stiefvater zum Opa in den Westerwald. „Verwundete aus dem Wittekindshofer Lazarett wurden mit dem Güterzug transportiert. Auf dem sind wir auch mitgefahren.“ Während der Fahrt tauschte er dann einen Hitler-Jugend-Gürtel mit einem Engländer. Die Gegenleistung: eine Dose Baked Beans.

Gut anderthalb Jahre blieb der Junge im Westerwald, danach begann für ihn Ende 1946 wieder die Schule in Bad Oeynhausen. Der Weg dorthin führte am Stacheldraht entlang. „Es war eine schöne, eine schlimme, eine aufregende Zeit damals. Eine Zeit, die man heute kaum noch darstellen kann, die in der heutigen Zeit einfach unvorstellbar ist.“

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