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Hinter Stacheldraht: Die Innenstadt an der Ecke Herforder Straße/Lange Straße. Foto. Stadtarchiv
Hinter Stacheldraht: Die Innenstadt an der Ecke Herforder Straße/Lange Straße. Foto. Stadtarchiv
Bad Oeynhausen

Zeitzeuge Hans Otto Geertz erinnert sich an Zweiten Weltkrieg

Elternhaus war während der englischen Besatzungszeit ein Gefängnis / Mit Bollerwagen neues Zuhause gesucht

Nicole Sielermann
25.05.2015 | Stand 25.05.2015, 17:29 Uhr

Bad Oeynhausen. Es war eine Odyssee, die Familie Geertz im Mai 1945 hinter sich brachte. Innerhalb von wenigen Stunden mussten sie ihr Haus an der Walderseestraße räumen. Mit einem voll geladenen Bollerwagen suchten sie dann nach einem neuen Zuhause auf Zeit. Erlebnisse, die Hans-Otto Geertz geprägt haben – auch wenn er am Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Engländer die Kurstadt besetzten, erst fünf Jahre alt war.

„Die Engländer fuhren mit Lautsprecherwagen durch die Straßen und informierten die Bevölkerung“, erinnert er sich. Nur das Nötigste durfte die Familie mitnehmen. „Wir haben unseren kleinen Bollerwagen voll geladen und uns zu Fuß auf den Weg nach Werste gemacht“, sagt er. Aber es war ein bisschen wie in der biblischen Geschichte von Maria und Josef:

Erinnerungen: Hans-Otto Geertz war fünf Jahre alt, als er mit seiner Schwester, seinen Eltern und der Oma das Zuhause verlassen musste.
Erinnerungen: Hans-Otto Geertz war fünf Jahre alt, als er mit seiner Schwester, seinen Eltern und der Oma das Zuhause verlassen musste.

Die Familie klopfte an viele Türen, doch Unterschlupf bekam sie nicht. „Auch nicht in Eidinghausen. Also zogen wir weiter nach Rehme.“ Dort, an der Rehmer Straße 104 (heute Alter Rehmer Weg, Höhe Tiwa-Markt) gab es ein Zimmer für Vater, Mutter, Oma und die beiden Kinder. „Vater und Mutter und Oma haben sich ein Bett geteilt.“ Hans-Otto Geertz schmunzelt, wenn er sich das vorstellt.

"Die Ereignisse haben sich überschlagen"

Als Kind hat der heute 75-Jährige vieles anders empfunden als die Erwachsenen. „Gerade in den Zeiten der Räumung haben sich die Ereignisse überschlagen.“ Als Kind habe er gespürt, dass Gefahr mitschwinge bei vielen Szenen und sicherlich auch unbewusst Angst gehabt. Zum Beispiel wenn die Mutter ihn nachts aus dem Bett holte. „Dieses Dröhnen, wenn es Fliegeralarm gab – das habe ich nie vergessen“, sagt Geertz. „Mit der Sirene begann die Angst.“ Aber als Kind habe man vieles nicht hinterfragt, habe sich eingefügt, die Dinge hingenommen.

Wie die vorübergehende Unterkunft in einem Zimmer in Rehme. Direkt gegenüber gab es das Gasthaus Stiepelmann, das 1946/1947 Treffpunkt für Deutsche und Engländer gewesen sei. Schwarz gebrannter Schnaps wurde dort in Zigaretten und Schokolade getauscht. „An diesem Geschäft war mein Vater maßgeblich beteiligt“, sagt Geertz lachend. „Damals waren Zigaretten die Währung – nicht die Reichsmark.“

Geertz Vater, damals bereits 74 Jahre alt, war aufgrund seines Alters nicht mehr eingezogen worden und bei der Familie daheim. „Er bekam von den Bad Oeynhausenern den Schnaps, erklärte den Engländern was er hatte und dann begann der Tauschhandel.“

Erinnerungen an die Schulzeit

In die Zeit der Evakuierung fiel auch die Einschulung von Hans-Otto Geertz. „Alle Schulen lagen im Sperrgebiet und die Neustädter Schule war als einzige zugänglich.“ Dort, wo heute Gymnasium und Realschule stehen, waren Volksschule und Jungengymnasium unter einem Dach vereint. „Unterrichtet wurde im Wechsel. Einmal morgens, einmal nachmittags.“

Zu Fuß machte sich der Sechsjährige auf in die Neustadt. Entlang des Stacheldrahtes führte sein Schulweg. Und für den bekam der kleine Junge zusammen mit seinen Mitschülern eine große Aufgabe: „Weil kaum Platz da war, sollte angebaut werden. Deshalb mussten wir bei jedem Schulgang einen Ziegelstein mit zur Schule bringen.“

Aus den Schuttbergen der Weserhütte suchte sich Geertz viele Steine. Wickelte täglich einen in Zeitungspapier und nahm ihn mit zur Schule. Später dann wechselte Hans-Otto Geertz an die Schule Melbergen Nord am Ende der Langen Straße in Gohfeld. „Auf der einen Seite am Stacheldraht hoch, auf der anderen wieder runter“, so habe sein Schulweg ausgesehen.

Vater hatte guten Draht zu den Engländern

Der Vater Johannes Geertz hatte einen guten Draht zu den Engländern. „Er arbeitete ehrenamtlich in der Notgemeinschaft für Bürgeranliegen und hatte dadurch Zugang zur englischen Kommandantur“, erzählt Geertz. Tatsächlich schaffte der Vater das Unmöglich: Er bekam eine vorübergehende Erlaubnis, das Sperrgebiet zu betreten. „Er wollte unbedingt nach seinem Garten gucken.“ Der aber war in einem fürchterlichen Zustand, total verwildert. „Meinem Vater standen die Tränen in den Augen – er hat seinen Garten so geliebt.“ Das Haus konnte der Vater nicht betreten. Da wohnten Engländer. „Er ist aber täglich zu seinem Garten gefahren.“

Bei einem seiner Besuche in der Walderseestraße traf Vater Geertz auf den englischen Kommandanten. Im Gespräch habe der Vater dann gefragt, ob es nicht möglich sei, ins Haus zurückzukehren. „Er hat es geschafft, dass wir am 17. August 1948 wieder rein durften.“

Mit einem Wohnungsausweis, der sich noch heute im Besitz der Familie befindet, durften Eltern und Kinder die Kontrollen passieren. „Wir waren die ersten Deutschen in unserer Straße.“ Drumherum habe es nur englische Offiziersfamilien gegeben. Gewohnt hatte im Haus der Familie Geertz niemand. Zurzeit der Besatzung waren das reine Büroräume. „Und ein Gefängnis“, sagt der 75-Jährige lachend.

Seit 50 Jahren das erste Mal

Wer dort im Obergeschoss eingesessen hat ist unbekannt. „Es gab vor allen Fenstern senkrecht ins Mauerwerk eingelassene Eisenstäbe und alle Türen hatten Vorhängeschlösser.“ Nur mit Mühe hätten sie die Stäbe wieder aus dem Mauerwerk bekommen.

Ein Thema in der Familie waren die Erlebnisse in all den Jahren nie. „Es hatten sich alle in ihr Schicksal eingefunden.“ Auch später sei darüber nie wieder gesprochen worden, sagt Hans-Otto Geertz nachdenklich. „Das ist bestimmt seit 50 Jahren das erste Mal, das ich jetzt hier mit Ihnen darüber plaudere.“

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