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Viele Erinnerungen: Zeitzeugin Elisabeth Schwerdt ist heute 94 Jahre alt und wohnte zur Zeit der Räumung im Haus Am Kurpark 1. Das musste sie mit Schwager und Schwägerin innerhalb kürzester Zeit verlassen. - © Fotos (2): Nicole Sielermann
Viele Erinnerungen: Zeitzeugin Elisabeth Schwerdt ist heute 94 Jahre alt und wohnte zur Zeit der Räumung im Haus Am Kurpark 1. Das musste sie mit Schwager und Schwägerin innerhalb kürzester Zeit verlassen. | © Fotos (2): Nicole Sielermann
Bad Oeynhausen

Im Schlafzimmer saß ein Herr Goebbels

Zeitzeugen: Elisabeth Schwerdt (94) brachte nach dem Räumungsbefehl im Mai 1945 das Bügeleisen in Sicherheit

Nicole Sielermann
21.05.2015 | Stand 10.06.2015, 17:56 Uhr

Bad Oeynhausen. Früher, da war Bad Oeynhausen eine Stadt aus einem Guss. Eine wunderschöne Stadt, wie Elisabeth Schwerdt betont. "Aber die Bomben und die Besatzung haben viel zerstört." Am Kurpark 1 hat die heute 94-Jährige damals gewohnt. Hat ihre dreijährige Tochter in den Tagen der Räumung mit dem Fahrrad zu den Großeltern nach Herford gebracht. Und das obwohl sie im sechsten Monat schwanger war. Das Haus des Schwagers mitten in der Stadt wurde geräumt. Und Elisabeth Schwerdt erlitt in der Nachkriegszeit ein ganz persönliches Schicksal.

Mit 20 Jahren hatte Elisabeth Schwerdt geheiratet. Und weil der Ehemann im Krieg war, zog sie mit der kleinen Tochter bei Schwägerin und Schwager ein. "Mein Schwager hatte eine Arztpraxis im Haus und kannte durch seinen Beruf den damaligen Bürgermeister", erzählt Elisabeth Schwerdt. So erfuhr die Familie die Hiobsbotschaft, dass sie das Haus für die englischen Besatzer räumen mussten, ziemlich früh.

Umleitung: Die Engländer schlossen den Zivilverkehr aus und leiteten ihn um. - © Foto:Stadtarchiv
Umleitung: Die Engländer schlossen den Zivilverkehr aus und leiteten ihn um. | © Foto:Stadtarchiv

Dort, wo heute ein Bastelgeschäft und eine Praxis für Ergotherapie beheimatet sind, wohnte Elisabeth Schwerdt im Obergeschoss. "Wir haben bei der Räumung einen Teil der Möbel als Praxisinventar deklariert", sagt sie. Damit sie überhaupt etwas habe mitnehmen dürfen. "Ich habe meine Tochter hinten aufs Fahrrad gesetzt, habe das Bügeleisen und das Silber rechts und links an den Lenker gehängt und bin nach Herford zu meiner Mutter geradelt." Dort brachte sie die Dreijährige unter, um in Ruhe packen zu können.

Wohnsitz 1945: Die Villa Am Kurpark 1 steht noch immer.
Wohnsitz 1945: Die Villa Am Kurpark 1 steht noch immer.

Die Inhaber der Spedition Wiegmann an der Mindener Straße seien gute Bekannte gewesen, die Elisabeth Schwerdt einen kleinen Wagen besorgten, auf dem sie ihr Hab und Gut nach Herford bringen konnte. "Aber mein Elternhaus in Herford wurde beim Bombenangriff ebenfalls beschädigt." Also gab sie ihr Eigentum kurzerhand bei den Schwiegereltern in Herford ab. "Die aber wurden einige Zeit später ebenfalls durch die Engländer evakuiert - da war der Rest meiner Sachen auch noch weg", erzählt Elisabeth Schwerdt. Die Suche auf dem Möbelfriedhof verlief ergebnislos. "Ich habe nie etwas von meinen Sachen wieder gesehen."

Eng war es bei der Mutter in Herford. Dort fand nämlich nicht nur Elisabeth Schwerdt mit der Tochter Unterschlupf, sondern auch noch eine Schwester aus München, die Schwiegereltern sowie ein polnisches Ehepaar. Jeder hatte einen Raum für sich. "Die Umstände sind unvorstellbar. Aber die Menschen mussten ja alle untergebracht werden." Elisabeth Schwerdt weiß, dass sich in Bad Oeynhausen viele Pensionsbetreiber das Leben genommen haben - weil die englischen Besatzer ihnen einst die Existenzgrundlage entzogen.

Die Zeiten waren schwer. Besonders für die 24-jährige Elisabeth Schwerdt. Im sechsten Monat war sie schwanger und hatte keine Ahnung, wo ihr Mann war. Im Juli 1945 ging sie dann nach Bad Oeynhausen zurück und brachte dort im August ihre zweite Tochter zur Welt. "Sie ist nach acht Wochen verstorben", sagt Schwerdt leise. Das Baby habe einen Magenpförtnerkrampf erlitten. "Vermutlich durch die ganze Aufregung in der Schwangerschaft." Es sei eine Zeit gewesen, in der sie von einem Tag zum anderen gelebt habe.

1954 hatte die Familie das erste Mal Gelegenheit, kurz das einst bewohnte Haus zu besichtigen. 1955 konnten sie endgültig zurück. "In meinem ehemaligen Schlafzimmer saß ein Herr Goebbels", erzählt Elisabeth Schwerdt mit einem Lächeln. Der habe perfekt Deutsch gesprochen. "Das soll angeblich ein Neffe von Joseph Goebbels gewesen sein." Der war damals einer der engsten Vertrauten Adolf Hitlers. Ob er es tatsächlich wahr - Elisabeth Schwerdt hat es nie erfahren.

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