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Bad Oeynhausen

"Deele lag voll mit Munition"

Zeitzeugen: Anni Behl-Harbsmeier (83) hat im Kinderwagen Lebensmittel geschmuggelt

Nicole Sielermann
10.04.2015 | Stand 05.05.2015, 17:12 Uhr
Erinnerungen: Anni Behl-Harbsmeier (83) erlebte die letzten Tage des Krieges. - © Foto: Nicole Sielermann
Erinnerungen: Anni Behl-Harbsmeier (83) erlebte die letzten Tage des Krieges. | © Foto: Nicole Sielermann

Bad Oeynhausen. Es waren Zeiten, die Anni Behl-Harbsmeier nie vergessen hat. Der Zweite Weltkrieg hat tiefe Spuren in der Bad Oeynhausener Rentnerin hinterlassen. "Als Kind habe ich das alles als sehr schlimm empfunden", sagt sie über die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges.

Tiefflieger, ständiger Fliegeralarm oder auch die deutschen Soldaten auf der Deele des Elternhauses - noch Jahre später schreckte Anni Behl-Harbsmeier (83) im Schlaf hoch, wenn ein Flugzeug übers Haus flog. Für die NW-Serie Zeitzeugen erinnert sie sich an die letzten Kriegstage vor 70 Jahren.

Groß geworden ist die 83-Jährige in Hille-Oberlübbe an der Bundesstraße 65, nur wenige Kilometer von Bad Oeynhausen entfernt. Erst nach dem Krieg zog es sie nach Bad Oeynhausen. Dort fuhr sie unter anderem 30 Jahre Taxi und sorgt heute bei Auftritten in Seniorenstiften und in der Gaststätte Jennerwein mit ihrer Steirischen Harmonika für gute Laune.

Blutroter Himmel nach den Bombenangriffen

"In der letzten Zeit des Krieges hatten wir kaum noch Schule", erinnert sich Behl-Harbsmeier. "Wir mussten ja ständig in den Luftschutzkeller." Bombenangriffe sind ihr vor allem durch die Farbe des Himmels in Erinnerung geblieben: "Der war dann blutrot. Das kann sich heute niemand mehr vorstellen."

Selbst bei Bombenangriffen auf Hamm oder Dortmund sei die Färbung vom Ruhrgebiet bis hierher zu sehen gewesen. Und auch die Bombardierung der Weserhütte am 30. März 1945 (Karfreitag) sei übers Wiehengebirge bis nach Oberlübbe zu hören gewesen. "Eine meiner Freundin hat bei dem Angriff ein Bein verloren", erzählt die 83-Jährige.

Maisbrot, Rübenkraut und Ziegenbutter - das waren für die Familie damals die Grundnahrungsmittel. "Mehr gab es ja nicht." Man habe sich durchgeschlagen, selber geschlachtet und Butter gemacht. "Meine Mutter hat immer die Verwandtschaft mit versorgt", erinnert sich Anni Behl-Harbsmeier. "Das war ein ganz anderer Zusammenhalt als heute. Wir haben uns alle gegenseitig viel mehr geholfen."

Waffen wurden auf der Deele gelagert

Unmittelbar vor Kriegsende standen plötzlich deutsche Soldaten auf der Deele des Bauernhauses. Erst habe die Mutter der Anweisung des deutschen Oberst, die Deele sofort freizuräumen, nicht Folge geleistet. "Der machte ihr aber deutlich, dass sie keine Wahl hat."

Auch der Opa von Anni Behl-Harbsmeier flehte seine Tochter an, nichts Unüberlegtes zu tun. "Die Soldaten haben ihre ganze Munition, Panzerfäuste und Maschinengewehre auf unserer Deele gelagert." Der Rest sei auf die Wiese mit den Birnbäumen gekommen. "Klapps Liebling war das", weiß Anni Behl-Harbsmeier noch heute. Sie habe diese Bäume geliebt. Umso trauriger war das junge Mädchen, als einige Bäume diese Aktion der deutschen Soldaten nicht überlebten.

"Wir wurden aufgefordert, dass Haus zu verlassen und nur das Nötigste mitzunehmen", erzählt die 83-Jährige. Dazu zählten auch Lebensmittel. "Die haben wir im Kinderwagen zu den Nachbarn gebracht." Dort kamen Großeltern, Mutter, Bruder und die 13-jährige Anni für zwei Nächte unter.

Alliierte wundern sich über Waffen

Derweil legten sich in Annis Elternhaus die erschöpften deutschen Soldaten zu den Schweinen und Ziegen ins Stroh. Zwei Tage später kehrte die Familie zurück. Die Soldaten waren verschwunden. "Wir konnten noch den Fluchtweg durchs Getreide sehen." Die Waffen hatten sie dagelassen. Und das hätte für die Familie schlimm enden können. "Nur kurze Zeit später standen die Alliierten vor der Tür. Mit Dolmetscherin. Und wollten wissen, was das für Waffen auf der Deele sind."

Vorsichtshalber hatte die Mutter vorher aber schon ein weißes Bettlaken ins Fenster gehängt. Der Großvater erklärte die Situation, die Amerikaner ließen die Waffen abholen - und schenkten den Kindern Schokolade und dem Opa einen ganzen Sack voll mit Weißbrot. Anni Behl-Harbsmeier schmunzelnd: "Den hat er sofort versteckt."

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