Stammt von hier: "Dem Vaterhause" widmete der Kunstmaler Carl Langhorst sein Portrait. Das müsse immer hier aufgehängt sein und dürfe nicht abgenommen werden, wie er handschriftlich auf der Rückseite des Bildes verfügte. - © Joern Spreen-Ledebur
Stammt von hier: "Dem Vaterhause" widmete der Kunstmaler Carl Langhorst sein Portrait. Das müsse immer hier aufgehängt sein und dürfe nicht abgenommen werden, wie er handschriftlich auf der Rückseite des Bildes verfügte. | © Joern Spreen-Ledebur

Rahden Künstler und Nazi: Fragwürdige Vita eines Ehrenbürgers

Parteigenosse Nr. 165042

Joern Spreen-Ledebur

Rahden. Staatstragend schaut der Mann herab. Elegant gekleidet und vor dunklem Hintergrund. So sah sich Professor Carl Langhorst selbst und malte sich entsprechend. Gäste der Rahdener Marktschänke kennen das Bild. Das historische Ackerbürgerhaus am Alten Markt ist Geburtshaus des Künstlers und Rahdener Ehrenbürgers. Ihm hat er das Bild geschenkt - mit der handschriftlichen Notiz, dass es für immer dort zu sehen sein muss. Carl Langhorst erblickte am 22. November 1876 in dem traditionsreichen Ackerbürgerhaus am Alten Markt das Licht der Welt. Sein künstlerisches Talent wurde durch den Großherzog von Oldenburg entdeckt. Langhorst malte zahlreiche Adelige, war an mehreren Höfen im damaligen Kaiserreich aktiv. Langhorst stand in Kontakt mit Franz von Lehnbach, einem bedeutenden Portraitmaler des 19. Jahrhunderts. Das ist die eine Seite des Professors und Kunstmalers Carl Langhorst. Es gibt aber auch eine andere Seite. Die des Carl Langhorst mit der Mitglieds-Nummer 165042 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Die des Malers, der den so genannten "Tag von Potsdam" malte, als sich der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg im März 1933 nach der Reichstagswahl mit Adolf Hitler vor der Garnisonskirche in Potsdam traf. Ein Tag, der in der NS-Propaganda als auch Schulterschluss des alten mit dem neuen Deutschland bezeichnet wurde. Carl Langhorst ist seit den 1930er Jahren Rahdens einziger Ehrenbürger, nach ihm ist eine Straße im Zentrum benannt. Heute spricht man nicht mehr über ihn. Vielleicht nicht mehr gern. Sie habe beim Wikipedia-Eintrag zu Rahden einen Hinweis auf Langhorst gefunden, sagt Kaja Kriesten. Kunstmaler und Ehrenbürger seien die einzigen Hinweise gewesen, sagt die 18-jährige Rahdenerin, die im Sommer mit dem Abitur das Gymnasium Rahden verließ. Im Rahmen einer Facharbeit im Grundkurs Geschichte hat sich die junge Frau mit Langhorst befasst - und fand interessante Dokumente im Bundesarchiv. Nur wenige Hinweise auf Langhorst, das habe sie verwundert, merkt Kaja Kriesten im Gespräch mit der Neuen Westfälischen an. Bei den Recherchen über Langhorst wandte sie sich an Stadtheimatpfleger Claus-Dieter Brüning. Der habe ihr eine Kunsthistorikerin genannt, die im Jahr 2000 eine Ausstellung anlässlich des 50. Todestages von Langhorst in Rahden organisieren wollte. Das sei an der Stadt gescheitert, habe die Kunsthistorikerin ihr erzählt, meint die junge Rahdenerin. "Am meisten verwunderte mich, dass Langhorst diese Nazi-Vergangenheit hatte und die Stadt sich damit nicht befasste", sagt Kaja Kriesten. Kaja Kriesten wandte sich ans Bundesarchiv. Die Akteneinsicht wurde genehmigt, als die Facharbeit schon abgegeben war. Im Bundesarchiv ist der Kunstmaler aus Rahden kein unbeschriebenes Blatt. So erhielt die junge Frau die Kopie des NSDAP-Mitgliedsausweises von Langhorst. Eingetreten am 1. Dezember 1929 ist dort vermerkt, wieder eingetreten im Mai 1933. Als Ortsgruppe wird Schwabing genannt. Langhorst wohnte in jener Zeit in München. Sie habe nichts gefunden, was auf einen Austritt Langhorsts aus der NSDAP 1934 deutete, wie es in Rahden manchmal kolportiert worden sei, meinen Kaja Kriesten und ihr damaliger Lehrer Martin Barten pflichtet dem bei. "Persönlich und charakterlich einwandfrei", das störe sie im Schreiben zum Aufnahmegesuch in die Reichskulturkammer. Kriesten: "Das steht im Widerspruch zu Aussagen, er habe sich lange davon fernhalten wollen." Wenn man nun sage, Langhorst sei nur ein Mitläufer gewesen, müssen dem aus Sicht der jungen Rahdenerin Langhorsts Gedichte gegenüber gestellt werden. Sehr früh sei Langhorst schon im braunen Dunstkreis gewesen, als der Großteil der Bevölkerung noch deutschnational gewesen sei, merkt Martin Barten an. Wie ihr Urteil über Langhorst ausfällt? "Es ist jemand, von dem heute keiner mehr etwas wissen will", meint Kaja Kriesten. Versuche, die braune Seite des Ehrenbürgers aufzuzeigen, seien nicht erwünscht gewesen. "An der Quellenlage kann es nicht liegen", sagt die junge Frau. "Wenn man sich wirklich damit auseinandersetzt, kann man was finden." Reichskulturkammer Im Bundesarchiv verwahrt werden auch Schriftsätze wegen des Antrags von Langhorst auf die Aufnahme in die Reichskammer der bildenden Künste. In der musste man sein, wollte man damals ausstellen. In einem Schreiben vom 10. November 1938 bittet die Gauleitung München-Oberbayern die Ortsgruppe um Auskunft, ob gegen die politische Zuverlässigkeit Langhorsts Bedenken bestehen. Am 25. November 1938 antwortet der Ortsgruppenleiter. Langhorst sei „Kunstmaler, Alt-Parteigenosse, er ist uns seit vielen Jahren bekannt, sehr viel auswärts zu verschiedenen Arbeiten abberufen. Ein tüchtiger Maler. Charakterlich und politisch einwandfrei. Nachteiliges ist nicht bekannt. Einer Aufnahme in die Reichskulturkammer der bildenden Künste steht nichts im Weg." Hauptschriftleiter regte Ehrung an Hauptschriftleiter und Parteigenosse Rudolf Friedemann aus Berlin erinnert im November 1937 den Parteigenossen Waidner als Amtsbürgermeister an den bevorstehenden 70. Geburtstag Langhorsts und legt ihm Gratulationen nahe. Friedemann verweist auf die vielen Portraits Langhorsts für Adelige, aber auch das Engagement des Rahdeners für die NSDAP – und den Verlust der beiden Söhne im Ersten Weltkrieg. „Schon früh schloss er sich dem Führer an, der mehrere Gemälde von ihm annahm und ihn selbst gut leiden kann", schrieb Hauptschriftleiter Friedemann an den Amtsbürgermeister. Langhorst habe in München noch Dienst als SA-Mann getan, „malte fast alle unmittelbaren Mitstreiter des Führers, malte auch den Führer selbst und dessen Mutter". Auch den Tag von Potsdam als „feierlichen Akt der Übergabe des Schicksals unseres Volkes durch Hindenburg durfte allein Langhorst, der Sohn Ihrer Gemeinde, malen". Kommentar: Die Vergangenheit von Rahdens Ehrenbürger In der Adenauer-Zeit wollten in Westdeutschland viele einen Schlussstrich unter die NS-Herrschaft ziehen. Aus den Augen, aus dem Sinn. So konnte jemand wie Hans Globke Karriere machen und brachte es bis zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt unter Adenauer. Jener Hans Globke, der zwar kein Parteigenosse war, als Ministerialrat im Reichsinnenministerium aber einer der eifrigsten Verfechter der Entrechtung von Menschen jüdischen Glaubens war. Auf ihn geht das zwangsweise Führen der Vornamen „Sara" und „Israel" zurück. Auf ihn geht zurück, dass das Vermögen der ermordeten Menschen an das Reich fiel. Es gab im Nordkreis fanatische Nazis, die Anfang April 1945 in Rahden alle mit dem Tod bedrohten, die weiße Fahnen raushängen wollten. Zu einem Zeitpunkt, als Levern brannte und die Briten kurz vor Rahden standen. Es gab aber wie überall auch Mitläufer, die sich mit der Diktatur arrangiert hatten. Es gab manche, die früh dabei waren. Die damalige Drohner Gemeindevertretung etwa, die Hitler schon 1933 die Ehrenbürgerwürde antrug – und der „Führer" nahm sie an. Die Schriftsätze zum Aufnahme-Wunsch Langhorsts in die Reichskulturkammer sind bemerkenswert. Schließlich war diese Kammer oberste Kontrollbehörde, damit Kulturschaffende linientreu produzierten. Ein führender Nazi ist Carl Langhorst nicht gewesen. Wer aber 1929 der NSDAP beitrat, der zeigte, dass er mit der demokratischen Verfassung der Weimarer Republik wohl nichts am Hut hatte. Die Republik war für die Nazis erklärter Gegner. So gesehen ist es zumindest fragwürdig, dass Carl Langhorst noch immer Ehrenbürger der Stadt Rahden ist. „Das ist lange her, was geht uns das noch an und es gibt Wichtigeres", mag mancher sagen. Ja, es ist lange her. Geschichte wiederholt sich aber, wenn man nicht aus ihr lernt und sich nicht mit ihr befasst. So gesehen kann eine Diskussion darüber, ob die Ehrenbürgerwürde noch angebracht ist, nur gut sein. Kontakt zum Autor

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