Auch Professor Rath (Gerd Silberbauer) bleibt von der offenherzigen Art Lolas (Stefani Mendoni) nicht unbeeindruckt. - © FOTOS: RALF KAPRIES
Auch Professor Rath (Gerd Silberbauer) bleibt von der offenherzigen Art Lolas (Stefani Mendoni) nicht unbeeindruckt. | © FOTOS: RALF KAPRIES

ESPELKAMP Tingeltangel vor rotem Taft

Landgraf-Inszenierung von "Der blaue Engel" kam in Espelkamp gut an

VON RALF KAPRIES

Espelkamp. "Der blaue Engel", ein Angebot der neuen Abo-Reihe III des Volksbildungswerkes, wurde vom Publikum des Neuen Theaters gut angenommen und mit viel Applaus belohnt.

Das Theaterstück von Peter Turrini nach dem Roman "Professor Unrat" von Heinrich Mann (1905) und dem Film "Der blaue Engel" von Josef von Sternberg (1930) erzählen im Wesentlichen die gleiche Geschichte: Gymnasialprofessor Rath (bei Mann noch "Raat"), Verteidiger der Moral, spioniert seinen Schülern hinterher und lernt dabei die Tingeltangel-Tänzerin Lola Fröhlich kennen, deren Reizen er nun selbst verfällt. Seine Ehe mit ihr ruiniert ihn finanziell, seine Eifersucht zerfrisst ihn. In seiner ehemaligen Heimatstadt wird er gezwungen, als Clown zur Zielscheibe billigster Scherze zu werden. Am Ende des Stücks ist Rath ein gebrochener Mann.

Information

Weltkarriere

Luiz Heinrich Mann (1871 bis 1950) war ein deutscher Schriftsteller und der ältere Bruder von Thomas Mann.

Heinrich Manns Buch "Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen" erschien 1905.

1930 verfilmte Josef von Sternberg den Stoff unter dem Titel "Der blaue Engel". Es war der erste deutsche abendfüllende Tonfilm und der erste, in dem eine Jazzband spielte.

Die Rolle des Professors Rath spielte Stummfilm-Altstar Emil Jannings.

Die Rolle der Lola spielte die damals noch unbekannte Marlene Dietrich, weil die ursprüngliche Besetzung, Maly Delschaft, nicht zu erreichen war. Die Rolle als Femme fatale ermöglichte der Dietrich den Start zu einer weltweiten Karriere.

Der Film wurde mit denselben Schauspielern auch in einer englischen Version gedreht und wurde zum Welterfolg.

Film und Theaterstück müssen die Romanvorlage notwendigerweise verkürzen. Die Gesellschaftsverhältnisse und ihre Moralvorstellungen haben sich wesentlich verändert. Aufgrund seines Alters und der damals zur Verfügung stehenden Mittel, steht der historisch interessante Film hinsichtlich seiner Wirkung auf den Betrachter außer Betracht. Turrini jedoch stützt sich auf beide und schafft vor allem in der Verkürzung des Endes einen von Gerd Silberbauer hervorragend gestalteten Schluss, der ein ergriffenes Publikum zurücklässt. Auch in den Gestaltungsmöglichkeiten der anderen Szenen ermöglicht er den Kontaktschluss mit dem heutigen Publikum.

Frank Matthus nutzt diese in seiner Produktion für das Eurostudio Landgraf gekonnt aus. Er inszeniert in einem für Tourneetheater recht aufwändigen Bühnenbild, das im Mittelteil sogar eine Drehscheibe einhält. Ein eigener dunkelroter Taft-Vorhang vermittelt von Anfang an das Ambiente billigen Tingeltangels und eröffnet Spielmöglichkeiten, die der schwere Samt der theatereigenen Ausstattung nicht zuließe.

Die flotten Ziehharmonikaklänge Jolanta Szczelkuns sorgen zusätzlich für Atmosphäre und unterstützen durchsichtig die eindeutig zweideutigen Hollaender-Songs der "Diseuse" Lola Fröhlich. "Ich bin die fesche Lola", "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", "Nimm dich in acht vor blonden Fraun", "Kinder, heut\' abend, da such\' ich mir was aus", ergänzt durch "Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre" – all die alten Filmhits sind wieder da und steigern den Wiedererkennungswert.

Herrliche schräge Typen stellt Andreas Klein voll intensiver Skurrilität dar. "Voll im Blut" steht der anzügliche Witze dreschende Peter Schmidt-Pavloff als Leiter des Ensembles Kiepert, ebenso Judith Steinhäuser als in die Jahre gekommene Varieté-Hopserin, seine Frau Guste. Bestes Stück der Kieperts ist daher Lola Fröhlich, voll schlichtem Lebenswillen dargestellt von Stefanie Mendoni. Ihrer Glaubhaftigkeit tut es gut, dass sie ganz auf das Vamp-Gehabe der jungen Marlene Dietrich verzichtet. Auch Gerd Silberbauer weiß seine Rolle zum Glück ohne jegliche Reminiszenz an Emil Jannings zu gestalten. Leider glaubt er, zur Darstellung des Tyranns in der Persönlichkeit Raths, lang und häufig die Stimme erheben zu müssen, wie überhaupt viel geschrien wird in dieser Inszenierung. Kommen der Schauspieler und sein Regisseur hier von der anfangs wirkungsvoll und für den Kontrast zum tragischen Ausgang erforderlich eingesetzten Kintopp-Anmutung nicht mehr los?

Aber dann spielt sich Silberbauer als Clown die Seele aus dem Leib und erscheint völlig erschöpft zum Schlussapplaus. Der Despot hat sich auf anrührende Weise zu einem traurigen Häuflein Elend verwandelt.

Die Inszenierung filtert zum Glück die heute eher albern wirkende Moralinsäure des Sternberg-Films komplett aus. Was bleibt, ist ein weltfremder Despotismus, der seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen kann. Matthus und sein Ensemble liefern darüber hinaus eine handwerklich sauber gemachte Inszenierung mit Unterhaltungswert und etwas Tiefgang.

Fraglich bleibt, ob "Der blaue Engel" heute noch mehr sein kann als die farbige Ausleuchtung eines Themenkomplexes, der im Begriff ist, langsam in den Nebel der Vergangenheit hinweg zu driften.

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