Mobbing im Netz verfolgt die Betroffenen bis nach Hause. - © FOTO: NW
Mobbing im Netz verfolgt die Betroffenen bis nach Hause. | © FOTO: NW

Lübbecker Land Was die Schulen im Lübbecker Land gegen Cybermobbing unternehmen

Smartphones gehören spätestens ab der fünften Klasse zum Alltag. Darüber wird mit Freunden kommuniziert, aber auch beleidigt und verletzt. Drei Schulen berichten, wie sie damit umgehen

Judith Gladow
11.05.2019 | Stand 10.05.2019, 16:00 Uhr

Smartphone, Tablet & Co. sind inzwischen fest in den Alltag der meisten Menschen integriert. Ein Resultat: Die Nutzer werden immer jünger. Kinder lernen mithilfe von Spielen auf dem Tablet, nutzen Kurznachrichtendienste und Kommunikationsplattformen, um mit Eltern oder Freunden in Kontakt zu bleiben. Neben Chancen gibt es auch dunkle Seiten. So werden die Kinder immer jünger, die mit Hatespeech (Hassbotschaften) oder Cybermobbing konfrontiert werden. Die Schulen im Lübbecker Land reagieren auf diese Entwicklung zumeist schon seit einigen Jahren mit Präventionsmaßnahmen und klaren Ansprechpartnern für betroffene Schüler. Im Internet gewinnt Mobbing eine besondere Qualität Spätestens beim Wechsel in die höhere Schule haben inzwischen fast alle Kids ein Smartphone. Das bestätigt auch Medienpädagogin Susanne Johanning von der Medienwerkstatt Lübbecke, die darum auch Projekte in Grundschulen begleitet, bei denen die Schüler einen Internet-Führerschein machen. Dabei spiele dann auch der Umgang mit anderen und das Thema Cybermobbing eine Rolle. "Mobbing gab's ja schon immer", sagt Johanning. Das Prinzip ist dabei - ob online oder offline - ziemlich ähnlich. Es gebe meist einen Rädelsführer und mehrere aktive Mitläufer, die das Mobbing betreiben. Dazu kommen laut Johanning die, die das Geschehen still dulden, um nicht aus der Gruppe ausgeschlossen oder selbst gemobbt zu werden. Im Internet gewinne die so schon unerträgliche Situation aber noch eine besondere Qualität. Die Mobbenden fühlten sich sicherer, weil sie anonym bleiben können. Aber auch, weil sie ihrem Opfer nicht ins Gesicht sehen müssten. Dadurch, dass das Smartphone der ständige Begleiter im Alltag sei, werde die Belästigung zum permanenten Terror. "Das hört nicht an der Haustür auf", betont Johanning. Die Polizei im Klassenzimmer In der Sekundarschule Pr. Oldendorf steht das Thema Cybermobbing bereits in der fünften Klasse auf dem Stundenplan. Denn während die Kids im technischen Umgang mit dem Smartphone bereits fitter sind als die meisten Erwachsenen, müssten sie in anderen Bereichen noch lernen. "Es fehlt da noch das Verständnis für den sozial-moralisch-rechtlichen Umgang mit den Geräten", erklärt Schulsozialarbeiter Thorsten Klötzel. Die Kinder also schon früh zu sensibilisieren, sei sinnvoll und der Effekt spürbar, meint auch seine Kollegin Janin Gilbert. "Ein ganz wichtiger Punkt ist auch, dass sie wissen, wo sie sich Hilfe holen können." Gleichzeitig sei es auch notwendig klarzumachen, dass bestimmte Verhaltensweisen auch strafbar sind. All das erklärt den Fünftklässlern in der Sekundarschule Birgit Thinnes vom Dezernat Kriminalprävention der Polizei Minden-Lübbecke. Thinnes besucht Schulen im ganzen Kreis. Angefangen hat sie vor vielen Jahren allgemein mit Gewaltprävention. "Es hat sich dann zu Cybermobbing gewandelt, weil das eben die Gewalt ist, die die Schüler heute erleben", erklärt Thinnes, die auch gegenüber den Kindern sehr klar macht: Jemanden online fertigzumachen, kann denjenigen enorm verletzen. Kinder berichten von Beleidigungen per WhatsApp Anhand von Beispielen zeigt Thinnes, was es etwa mit dem Recht am eigenen Bild auf sich hat, macht den Kindern klar, was es bedeutet, gemobbt zu werden. Zum Schluss lässt sie die Schüler selbst einschätzen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten können. Einige der Schüler berichten auch, dass sie selbst schon einmal im Netz beleidigt wurden. Sie erwähnen Beleidigungen von anonymen Absendern und erzählen von Konflikten mit Freunden über WhatsApp, die eskaliert sind. "Man weiß jetzt, wie man sich dabei fühlt, wenn einem so etwas passiert", sagt Amelie aus der 5a am Ende von Birgit Thinnes Besuch. Klassenkameradin Fiona ergänzt: "Ich habe gelernt, dass man sich immer Hilfe holen kann von den Eltern oder auch der Polizei." Gleichaltrige Medienprofis als Ansprechpartner An einigen Schulen werden auch sogenannte Cyberscouts oder Medienscouts ausgebildet, auch in Pr. Oldendorf ist das in Planung. Im Einsatz sind die beispielsweise am Gymnasium Rahden. Nach thematischen Projekttagen in den Klassen 5 und 7 können sich die Schüler dort ab der achten Klasse im Wahlpflichtbereich zu Scouts ausbilden lassen. Mehr als 40 Schüler stehen in Rahden aktuell als ausgebildete Medienprofis und Ansprechpartner ihren Mitschüler zur Verfügung. "Die Medienscouts dienen auch als Vorbilder für die jüngeren Schüler", meint Lehrer Jürgen Övermöhle vom Gymnasium Rahden. Sie gehen in die Klassen, stehen als erste Ansprechpartner für die anderen Schüler zur Verfügung - bis zu einem bestimmten Punkt. "Wenn es etwa um pornografische Dateien geht oder um rechte Inhalte, dann sind die Medienscouts aus der Verantwortung, das wissen sie auch." In solchen Fällen würden ohnehin die Eltern schnell informiert, die Polizei eingeschaltet. Eingreifen ohne Schuldzuweisung Außerdem sensibilisieren einige Schulen die Kinder auch mit Filmen oder theaterpädagogisch begleiteten Rollenspielen. So erfahren sie die Perspektive eines gemobbten Kindes aus ihren eigenen Augen. Diese Ansätze kommen unter anderem am Wittekind-Gymnasium zum Tragen. "Die Prophylaxe ist unglaublich wichtig", meint Lehrerin Marie-Jeanne Boiten, die sich dort um das Thema Mobbing kümmert. Sollte es doch zu Vorfällen kommen, arbeite die Schule nach einem Konzept, das auf dem "No-Blame-Approach" aufbaut. Dabei werde nicht mit Schuldzuweisungen gearbeitet, sondern dem Mobber die Chance gegeben, sein Verhalten eigenständig zu ändern. Meist seien sich die Täter gar nicht bewusst, was sie da eigentlich anrichten. Gleichzeitig wird der Gemobbte geschützt und begleitet. "Wir versuchen, möglichst früh anzusetzen und sprechen mit beiden Parteien." Wie ein gestärktes Selbstbewusstsein Mobbing verhindern kann Dass die Schule wegen Cybermobbing einschreiten muss, sei aber relativ selten. Das führt die Lehrerin auch auf die Präventionsarbeit zurück. "Wenn eine Klasse sensibilisiert ist, reagieren die Schüler dann auch entsprechend schnell selbst." Auch Medienpädagogin Susanne Johanning unterstreicht: "Es gehört Mut dazu, sich schützend vor das Opfer zu stellen." Wenn Kinder und Jugendliche ein gesundes Selbstbewusstsein hätten, würden sie eher einschreiten, seltener selbst zu Mobbern werden und sich eher Hilfe suchen, wenn sie betroffen sind. "Da sind auch die Eltern als Vorbilder gefragt."

realisiert durch evolver group