Voller Konzentration fertigen Bewohner des Wittekindshofes in der Werkstatt Hocker, Stühle, Körbe und kleine Regale an. Das Foto entstand im Jahr 1928. - © FOTO: WITTEKINDSHOF
Voller Konzentration fertigen Bewohner des Wittekindshofes in der Werkstatt Hocker, Stühle, Körbe und kleine Regale an. Das Foto entstand im Jahr 1928. | © FOTO: WITTEKINDSHOF

BAD OEYNHAUSEN Mit dem Mut zur Vergangenheit

Wittekindshof stellt Studie zur 125-jährigen Geschichte der diakonischen Einrichtung vor

VON ANKE MARHOLDT

Bad Oeynhausen. Mit Licht und Schatten seiner 125-jährigen Geschichte hat sich der Wittekindshof eingehend auseinandergesetzt. Die Historiker Prof. Hans-Walter Schmuhl aus Bielefeld und Dr. Ulrike Winkler aus Berlin haben drei Jahre lang geforscht und nun das Ergebnis ihrer Arbeit vorgelegt: die 632-seitige Studie "Der das Schreien der jungen Raben nicht überhört".

Zum Abschluss der öffentlichen Buchpräsentation erklärten die beiden anerkannten Experten für Diakoniegeschichte: "Den Wittekindshof haben wir als eine Einrichtung kennengelernt, die zum einen von einer beeindruckenden Tradition und zum anderen von einem außerordentlichen Willen zum Aufbruch geprägt ist. Respekt hat uns abgenötigt, dass der Wittekindshof den Mut hatte, sich auch den Schattenseiten seiner Vergangenheit zu stellen."

Information

Zwei Bücher zum Wittekindshof

Hans-Walter Schmuhl/Ulrike Winkler, "Der das Schreien der jungen Raben nicht überhört" Der Wittekindshof – eine Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung, 1887 bis 2012, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2012, Schriften des Instituts für Diakonie und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Band 21, 632 Seiten, davon 32 Seiten Bildteil mit historischen Fotos, ISBN 978-3-89534-931-7, 29 Euro.

Von denselben Autoren ist auch erschienen "Als wären wir zur Strafe hier": Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung – der Wittekindshof in den 1950er und 1960er Jahren, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2012, 3. Auflage, Schriften des Instituts für Diakonie und Sozialgeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, Band 19, 224 Seiten mit 2 Abbildungen, ISBN 978-3-89534-939-3, 14 Euro.

Sie spielten dabei sowohl auf die Vorstudie zur Gewalt gegen Menschen mit Behinderung in den 50er und 60er Jahren an, die bereits im letzten Jahr erschienen ist und die aufgrund der hohen Nachfrage mittlerweile in der dritten Auflage vorliegt. Aber sie wiesen auch auf die Zeit des Ersten Weltkrieges hin. Der damalige Anstaltsleiter, Theodor Brünger, habe in Kriegsanleihen statt in Nahrungsmittel vom Schwarzmarkt für die verhungernden Bewohnerinnen und Bewohner investiert.

Unter immensen Druck sei der Wittekindshof im nationalsozialistischen Staat geraten. Auch nach der Machtübernahme bekannten sich die Verantwortlichen zum Lebensrecht von geistig behinderten Menschen, konnten aber dennoch nicht den Tod von mehr als 400 Bewohnerinnen und Bewohner bis Kriegsende verhindern. Sterilisationen wurden im Wittekindshof jedoch "ebenso zügig und reibungslos umgesetzt wie in anderen Einrichtungen".

Bis in die 1950er Jahre habe dann die "Verwaltung des Mangels" den Alltag auf dem Wittekindshof geprägt. Großes Gewicht haben Schmuhl und Winkler auf die Darstellung der Gründung der Brüderschaft gelegt. Es habe heftige Konflikte mit den traditionsreichen Brüderhäusern gegeben, bis 1953 die ersten Diakone mit der Auflage eingesegnet wurden, dass sie nur im Wittekindshof den Titel Diakon tragen dürften.

Hans-Walter Schmuhl (l.) und Ulrike Winkler zusammen mit dem Künstler Uwe Jauch (Mitte), der das Bild auf dem Buchcover gemalt hat. - © FOTO: ANKE MARHOLDT
Hans-Walter Schmuhl (l.) und Ulrike Winkler zusammen mit dem Künstler Uwe Jauch (Mitte), der das Bild auf dem Buchcover gemalt hat. | © FOTO: ANKE MARHOLDT

"Als späten Triumph" bezeichnen Schmuhl und Winkler die Anfragen der ersten Einrichtungen für geistig behinderte Menschen, die Mitte der 1960er Jahre den damaligen Vorsteher Pastor Johannes Klevinghaus um Entsendung von Wittekindshofer Diakonen in ihre Einrichtungen baten. In ihrem Resümee bezeichnen die Autoren Klevinghaus als "einen der bedeutendsten Vordenker der evangelischen Arbeit an geistig behinderten Menschen". Er habe die Leitung des Wittekindshofes 1945 "am absoluten Tiefpunkt seiner Geschichte" übernommen und zusammen mit engagiertem Personal, zu denen auch der spätere leitende Pädagoge Gerhard Brandt gehörte, wieder aufgebaut. Es habe einen enormen Modernisierungsschub gegeben und das Schulwesen sei in das Zentrum des Wiederaufbaus gerückt.

Da die beiden Wissenschaftler auch den im Wittekindshof betreuten Menschen ein Gesicht geben wollten, umfasst das Buch einen umfangreichen Bildteil. Außerdem haben sie einzelne Menschen näher vorgestellt. Zu ihnen gehört die 14-jährige Johanna, die auf Betreiben des leitenden Wittekindshofer Arztes, Dr. Heinrich Simon, zwangssterilisiert werden sollte, obwohl sich ihre Eltern vehement dagegen gewehrt hatten - und sie sich letztlich auch durchsetzen konnten. Schmuhl und Winkler wiesen bei der Buchpräsentation aber auch auf Helmut hin, dessen Vater sich 1943 dafür einsetzte, dass er den Wittekindshof als Dreijähriger verlassen musste, um im Rahmen der Krankenmordaktion zu sterben.

Der Wittekindshofer Vorstandssprecher Prof. Dierk Starnitzke, der die Forschungsarbeit in Auftrag gegeben hatte, erklärte: "Ein wesentliches Ziel einer solchen geschichtlichen Studie ist, daraus für die Gestaltung unserer Arbeit in Gegenwart und Zukunft zu lernen."

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