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In der Pause lassen sich die Gäste von Wladimir Kaminer Bücher, CDs und Hörspiele signieren. - © FOTO: ELKE NIEDRINGHAUS-HAASPER
In der Pause lassen sich die Gäste von Wladimir Kaminer Bücher, CDs und Hörspiele signieren. | © FOTO: ELKE NIEDRINGHAUS-HAASPER

BAD OEYNHAUSEN Menschenbeobachter trifft Menschenkenner

Wladimir Kaminer liest in der Wandelhalle eine Erzählung von Anton Tschechow

VON ELKE NIEDRINGHAUS-HAASPER
26.03.2012 , 08:00 Uhr

Bad Oeynhausen. Das Ganze fängt mit einem Familienstreit im Garten Eden an. Dann nimmt die Tragödie in der Wandelhalle ihren Lauf. Der Menschenbeobachter Wladimir Kaminer trifft den Menschenkenner Anton Tschechow. Der neue Volkshochverbund Minden/Bad Oeynhausen hat den Bestsellerautor Kaminer eingeladen und der hat seinen russischen Kollegen Tschechow im Gepäck. Was dabei herauskommt, ist eine überraschende und wunderbar leicht verpackte Verschmelzung beider Autoren.

Bereits zum dritten Mal ist Wladimir Kaminer in Bad Oeynhausen. Und wieder ist die Lesung ausverkauft. Zur Begrüßung stimmen sich die Gäste in der Wandelhalle bei Kaminers Songs aus seiner Russendisko auf den Abend ein. Dann betritt der 44-Jährige die Bühne. Diese Lesung sei für ihn etwas Besonderes, sagt Kaminer. "Sonst erzähle ich immer diese heiteren schmissigen Texte und jetzt darf ich mal etwas Ernstes vortragen". Das Heitere und Schmissige, das sind seine eigenen Texte.

Das Ernste, das ist Tschechows berühmte Liebesgeschichte "Die Dame mit dem Hündchen". Und die passt hervorragend in den Kurpark. Denn ein Kuraufenthalt hat in der Erzählung des Schriftstellers die junge Ehefrau Anna und den älteren Lebemann Dimitri zusammengeführt. "Die Dame mit dem Hündchen", beginnt Kaminer, unterbricht sich kurz und erzählt, dass er von Haus aus eigentlich der "Herr mit den zwei Kätzchen" sei. Dann geht es weiter im Text.

Kaminer ist gleichzeitig Vorleser und Kommentator. Er konstruiert Parallelen in Tschechows Geschichte mit seiner eigenen Familiengeschichte. Und die liegen im Schuhmacherhandwerk. Denn Kaminers Urgroßvater war Schuhmachermeister in Russland und nichts liegt näher als die These, dass der dem großen Dramatiker und Landsmann Tchechow seine außergewöhnlich guten Schuhe gefertigt hat. Kaminer konstruiert das mit Leichtigkeit und dem ihm eigenen, unverwüstlichen Sinn für Humor. Von dort wechselt der 44-Jährige in die Gegenwart und verknüpft hier das Thema, das ihn mit seinem Dichterkollegen verbindet: Das Scheitern menschlicher Beziehungen.

Die 150 Jahre, die zwischen beiden Schriftstellern liegen, verwischen und das bestens amüsierte Publikum kommt in der Moderne an, wo Kaminer dem Abenteuer Familie in auseinander gedrifteten Familien nachspürt. Dann erzählt er von den skurrilen Anmachstrategien, mit denen ihn sein pubertierender Sohn Sebastian überrascht. Von den wunderbar blauen Augen eines jungen Mädchens, die angeblich hervorragend mit der Farbe der Unterhose seines Sohnes harmonieren. Wie Kaminer das erzählt, ist enorm charmant und kommt beim Publikum hervorragend an.

Mitreißend begleitete und ergänzt wird die Lesung durch den Geiger Anton Sjarov und den Pianisten Orlin Tzontchev, die den Abend zu einem echten Musikerlebnis werden lassen. Und am Ende landet Kaminer wieder, wo er angefangen hat: Im paradiesischen Garten Eden, wo Mann, Frau und Schlange jetzt friedlich miteinander zusammen leben.

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