Privater Güterzug: Eine Diesellok rollt rauchend durch den Bahnhof Bad Oeynhausen auf der Stammstrecke zwischen Bielefeld und Minden. Züge wie dieser sollen nach Vorstellungen der Waggon-Lobby auch über die Südbahn rollen. - © Ulf Hanke
Privater Güterzug: Eine Diesellok rollt rauchend durch den Bahnhof Bad Oeynhausen auf der Stammstrecke zwischen Bielefeld und Minden. Züge wie dieser sollen nach Vorstellungen der Waggon-Lobby auch über die Südbahn rollen. | © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen Waggon-Lobby fordert Südbahn-Ausbau

Verkehr: Die Konkurrenz der Deutschen Bahn hält die Elektrifizierung zwischen Löhne und Hameln für 440 Millionen Euro für möglich - und nötig. Doch das Verkehrsministerium winkt ab

Bad Oeynhausen (ulf). In den Augen eines Eisenbahn-Spediteurs ist die Südbahn in Bad Oeynhausen so etwas wie ein Flaschenhals. Die Strecke nach Hameln ist eingleisig, nicht elektrifiziert und verläuft mitten durchs Kurgebiet. Eigentlich passen da keine Güterzüge durch. Möglich wäre es aber schon, allein schon um die Nordbahn zu entlasten. Ein Gutachten der Waggon-Lobby legt diesen Schluss nahe und es nennt sogar einen Preis: 440 Millionen Euro - ohne Lärmschutz. Auftraggeber des Gutachtens sind der "Verband der Güterwagenhalter in Deutschland" und das "Netzwerk Europäischer Eisenbahnen", das ist die Konkurrenz der Deutsche-Bahn-Tochter DB Cargo. Etwa die Hälfte des Schienengüterverkehrs wird in privaten Waggons gefahren. In dem europäischen Netzwerk sind nach eigenen Angaben 55 Eisenbahnverkehrsunternehmen und Unternehmen aus dem Umfeld zusammengeschlossen. Ihr Ziel: fairer Wettbewerb auf der Schiene. Der Bundestagsabgeordnete Stefan Schwartze (SPD) horcht bei diesem Thema auf. Bei einem persönlichen Gespräch mit dem Bahn-Beauftragten der Bundesregierung, Enak Ferlemann (CDU), hat Schwartze vor wenigen Tagen den parlamentarischen Staatssekretär gefragt: "Gibt es neue Pläne zum Ausbau der Südbahn?" Doch der soll abgewunken haben. "Im Verkehrsministerium gibt es diese Absicht nicht", zitiert Schwartze Ferlemann. Schwartze: "Im Moment keine Gefahr - aber Vorsicht an der Bahnsteigkante!" Der SPD-Abgeordnete sieht deshalb "im Moment keine Gefahr". Allerdings, schränkt Schwartze ein, habe er schon so viele Richtungswechsel in Sachen Südbahn erlebt, dass er sage: "Vorsicht an der Bahnsteigkante!" Einer der Vorgänger im Amt des Staatssekretärs im Verkehrsministerium, Lothar Ibrügger (SPD), hatte jüngst gegenüber nw.de die Südbahn-Ausbau-Pläne der vergangenen Jahrzehnte noch einmal erläutert und hatte sie als "unwirtschaftlich" bezeichnet. Im Jahr 2004 hätte ein zweigleisiger Ausbau mit Schallschutz und Strom hätte allein für Bad Oeynhausen 200 Millionen Euro verschlungen. Laut Gutachten der Waggon-Lobby ist die Elektrifizierung der Strecke Löhne-Elze jedoch "von zentraler Bedeutung". Die Südbahn soll in der Vorstellung der privaten Waggonbetreiber Entlastungsstrecke für den West-Ost-Korridor werden und damit eine alte Verbindung in der Mitte Deutschlands wiederbeleben. Die Gutachter haben ebenfalls eine Kostenschätzung angehängt: 440 Millionen Euro für den zweigleisigen Ausbau zwischen Löhne und Hameln samt Elektrifizierung. Ein Lärmschutz ist offenbar nicht eingepreist. Gutachter warnen vor "Wiederholung alter Fehler" Diese Vorschläge scheinen in Berlin jedoch nicht auf offene Ohren zu stoßen. Gleichwohl warnen die Gutachter das Verkehrsministerium vor der "Wiederholung alter Fehler". Die Verkehrsexperten im Auftrag der privaten Waggon-Lobby sehen eine Verbindung zwischen Nord- und Südbahn. Zwar werde der Neubau der Schnellfahrtstrecke zwischen NRW und Berlin "politisch hoch gehandelt". Doch gebe es "keine konkreten Realisierungsansätze" dafür. Letztlich würden dadurch "realistische Optionen" wie der "zweigleisige Wiederaufbau" der Südbahn oder der viergleisige Ausbau der Nordbahn vor Hannover "auf unabsehbare Zeit blockiert", heißt es in dem Gutachten. Tatsächlich treibt das Verkehrsministerium die Pläne für die Schnellfahrtstrecke quer durch Ostwestfalen-Lippe voran. Am 7. Mai haben der Bahn-Beauftragte Enak Ferlemann und Verkehrsminister Andreas Scheuer den verbesserten Gutachterentwurf zum Deutschland-Takt 2030 vorgestellt. Sie sollen Nah-, Fern- und Güterverkehr auf dem Gleis besser verzahnen und Fahrtzeiten deutschlandweit verkürzen. In den Plänen enthalten sind auch neue Skizzen für den Neubau einer Schnellfahrtstrecke zwischen NRW und Berlin. Das Ziel: vier Stunden Fahrtzeit. Rätselhaft: Entwurf für Schnellfahrtstrecke hat plötzlich drei Zugverbindungen Zwar ist weiter unklar, wo genau die neue Trasse entlang führen soll. Dazu hat Enak Ferlemann nach Auskunft von Stefan Schwartze nichts Neues gesagt. Doch auf dem Entwurfspapier hat es in der Zwischenzeit eine wundersame Entwicklung gegeben: Statt bisher zwei neuer Fernverkehrsstrecken (FV 10, FV 47) gibt es nun sogar drei neue Verbindungen, hinzu gekommen ist eine Fern- oder schnelle Regionalverkehrsverbindung (FR 92). Diese drei bisher nicht existierenden Zugverbindungen führen allesamt über Gleise, die es nicht gibt. Einzige Bahnhöfe an diesen Strecken: Bielefeld und Hannover. Die Pläne für die neue Schnellfahrtstrecke quer durch OWL stoßen in Herford, Löhne, Bad Oeynhausen, Porta Westfalica und Minden nicht auf Begeisterung. Doch OWL ist nur ein kleiner Teil des Landes NRW. In Köln, Düsseldorf oder dem Ruhrgebiet denken die Menschen womöglich ganz anders über Zugfahrten nach Berlin - ohne lästigen Aufenthalt in OWL. Wie denkt die NRW-Landesregierung über den Trassenbau? Stefan Schwartze: "Wir wollen jetzt wissen, wie die Landesregierung darüber denkt." Einen wichtigen Trumpf gegen den Neubau hat Schwartze noch im Ärmel: Tempo 260 wäre schon jetzt auf der Stammstrecke möglich. Die Schnellfahrtstrecke soll aber Tempo 300 ermöglichen. Das wäre teuer erkauft. Die 40 Stundenkilometer mehr würden allein etwa ein Drittel der Gesamtkosten zusätzlich ausmachen, schätzt Schwartze: "Dagegen konnte Ferlemann nichts vorbringen."

realisiert durch evolver group