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Wrack: Dieses Sonarbild zeigt die Goya in 76 Meter Tiefe. Taucher haben im Schiffsrumpf unter anderem noch die vier Koffer von Besatzungsmitglied Josef Stross entdeckt. - © Foto: privat
Wrack: Dieses Sonarbild zeigt die Goya in 76 Meter Tiefe. Taucher haben im Schiffsrumpf unter anderem noch die vier Koffer von Besatzungsmitglied Josef Stross entdeckt. | © Foto: privat

Bad Oeynhausen Die wahre Geschichte der „Goya“

Tod in der Ostsee: Frank Döscher sammelt seit über zehn Jahren Informationen über den Untergang des Flüchtlingsschiffes. Er hat die Entdeckung des Wracks miterlebt. Jetzt will er ein Buch veröffentlichen

Heidi Froreich
11.01.2017 , 12:43 Uhr

Bad Oeynhausen. Der Untergang der „Wilhelm-Gustloff" am 30. Januar 1945 gilt gemeinhin als größte Schiffkatastrophe des Zweiten Weltkriegs. „Eine Fehleinschätzung", kritisiert der Dehmer Frank Döscher und legt Unterlagen vor, die beweisen: Als der Frachter Goya am 16. April 1945 nach Torpedobeschuss durch ein russisches U-Boot in der Ostsee versinkt, werden über 7.000 Menschen in den Tod gerissen – weit aus mehr als am 30. Januar. Mit einem Buch will der 70-Jährige nun die Erinnerung an die  "Goya"  wachhalten.

Dabei ist es die "Wilhelm Gustloff"  gewesen, die in ihm nicht nur das historische Interesse an der Flucht über die Ostsee geweckt hat. 1984 berichtete ihm seine Mutter, dass auch sie mit dem Schiff vor den russischen Truppen geflüchtet war. „Nur durch eine glückliche Fügung ist sie mit dem Leben davon gekommen", berichtet Döscher. Weil sie einen Platz auf der Togo bekam; der Minensucher der deutschen Afrika-Linie brachte sie damals sicher aus der russischen Hafenstadt Libau nach Lübeck. Ursprünglich geplant war allerdings die Überfahrt mit der "Wilhelm Gustloff".

Vor dem Untergang: Gegen 19 verlässt die Goya mit ihren Begleitschiffen den Hafen Hela in der Danziger Bucht, kurz vor Mitternacht versinkt sie in der Ostsee. - © Foto: privat
Vor dem Untergang: Gegen 19 verlässt die Goya mit ihren Begleitschiffen den Hafen Hela in der Danziger Bucht, kurz vor Mitternacht versinkt sie in der Ostsee. | © Foto: privat

Die Kriegserinnerungen seiner Mutter bestimmten fortan auch das Berufsleben; Döscher machte sein Hobby zum Beruf und konzentrierte sich fortan ganz auf den Schiffsmodellbau.

Reedereien in aller Welt gehören zu seinen Kunden, die ihren Kunden gern im Foyer ihre Schiffe präsentieren. Auch für das ZDF wurde Döscher schon tätig: Der Sender verfilmte vor zehn Jahren die Geschichte der "Wilhem Gustloff" und gab dafür bei ihm den Modellbau in Auftrag. Ein weiteres Modell steht im Haus der Geschichte in Berlin.

Authentisch: Frank Döscher mit dem von ihm gebauten Modell der Goya. „Ich habe dafür Baupläne des Originals verwendet“, betont der Dehmer. - © Foto: Heidi Froreich
Authentisch: Frank Döscher mit dem von ihm gebauten Modell der Goya. „Ich habe dafür Baupläne des Originals verwendet“, betont der Dehmer. | © Foto: Heidi Froreich

„Authentizität ist entscheidend", beschreibt er seinen persönlichen Anspruch, der nun dazu führt, dass er „die wahre Geschichte vom Flüchtlingsdrama in der Ostsee" berichten will. Wobei er nicht nur auf umfangreiches Textmaterial zurückgreifen kann. Als das Wrack der Goya am 26. April 2002 von den polnischen Tauchern Michal Porada und Grzegorz Dominik in 76 Metern Tiefe entdeckt wird, ist er live dabei. „Ich habe die Taucher mit Sauerstoffflaschen versorgt", beschreibt er seinen Einsatz. Der ihm nicht nur unzählige Unterwasserfotos beschert. Er lernt bei den Taucharbeiten unter anderem Josef Stross kennen.

Der Unteroffizier gehört zu den 142 Menschen, die den Untergang der "Goya" überlebt haben. „Seine vier Koffer liegen noch im Schiffswrack", schildert Döscher ein Detail.

Wichtigster Informant wird für ihn aber Paul Siegmund. Der Kapitänleutnant war in Vertretung des erkrankten Kapitäns Kommandeur der Goya, hat den Angriff ebenfalls überlebt und vier Tage nach dem Untergang seines Schiffes über „Fahrt, Gefechte, Torpedierung und Untergang" der Goya" geschrieben. In dem fünfseitigen Bericht, den Döscher von Siegmunds Angehörigen erhielt, beschreibt er nicht nur seine Erlebnisse als Schiffsbrüchiger, der über dreieinhalb Stunden in der kalten Ostsee treibt. Er beziffert die Zahl der Passagiere mit 7.800, und führt Gründe auf, die für die große Zahl an Todesopfern ursächlich sind: „Es waren nur 1.500 Schwimmwesten an Bord". Außerdem blieben, so Siegmund, die Lukendeckel verschlossen, so dass die in den Laderäumen untergebrachten Menschen keine Chance hatten, ins Freie zu entkommen.

„Diese Aufzeichnungen sprechen für sich", betont Döscher. Deshalb will er in seinem Buch auf eigene Darstellungen verzichten und neben zahlreichen Fotos – auch vom Wrack – nur Originalquellen veröffentlichen. Bis zum Jahresende will er sein Buch auf den Markt bringen, damit dafür sorgen, dass „die Geschichte der Goya endlich richtig erzählt wird". Wer schon vorher einen Eindruck gewinnen will, kann im Haus an der Dehmer Straße 25 ins Schaufenster schauen. Da präsentiert Döscher das Modell der "Goya". Auch das ein Mittel, um die Erinnerung wachzuhalten – an das größte Schiffsopfer des Zweiten Weltkriegs.

Information
Frachtschiff
Das nach dem spanischen Maler Francisco de Goya benannte Frachtschiff war 146 Meter lang und 17,4 Meter breit.
Zwischen Februar und April 1945 wurden auf der Goya 19.785 Menschen nach Westen evakuiert.
Am 16. April 1945 wurde sie von zwei Torpedos eines russischen U-Bootes getroffen.
Der Frachter versank innerhalb von sieben Minuten in der drei Grad kalten Ostsee.

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