Bielefeld "Kragenkreis" war chancenlos

Vor 40 Jahren übernahm ein Staatskommissar die Regierung in Bielefeld

VON ARNO LEY

Klaus Schwickert (roter Kreis) bei einer Abstimmung im Landtag. Neben ihm sitzt Dieter Haak (blauer Kreis) aus Hagen, späterer NRW-Minister für Bundesangelegenheiten. Hinter ihm auf den Bänken der SPD-Fraktion sitzen unter anderem Friedel Neuber (Grün), späterer Chef der Westdeutschen Landesbank und Franz-Josef Antwerpes (Gelb), späterer Regierungspräsident in Köln. In einer der hinteren Reihen ist auch ein weiterer Bielefelder Landtagsabgeordneter zu sehen. Karl-Josef Denzer (Schwarz) wurde später Landtagspräsident.
Klaus Schwickert (roter Kreis) bei einer Abstimmung im Landtag. Neben ihm sitzt Dieter Haak (blauer Kreis) aus Hagen, späterer NRW-Minister für Bundesangelegenheiten. Hinter ihm auf den Bänken der SPD-Fraktion sitzen unter anderem Friedel Neuber (Grün), späterer Chef der Westdeutschen Landesbank und Franz-Josef Antwerpes (Gelb), späterer Regierungspräsident in Köln. In einer der hinteren Reihen ist auch ein weiterer Bielefelder Landtagsabgeordneter zu sehen. Karl-Josef Denzer (Schwarz) wurde später Landtagspräsident.

Bielefeld. Am 1. Januar 1973 übernahm der Staatskommissar die politische Leitung der Stadt Bielefeld. Kein Rat, keine Bezirksvertretung konnte ihn in die Schranken weisen. Hanns Winter war beauftragt, auch die Aufgaben des Oberbürgermeisters wahrzunehmen. Und dennoch wird er in kaum einer Chronik erwähnt. Bielefeld befand sich für gut vier Monate in einer Übergangsphase. Stadt und Kreis waren zusammengeschlossen worden. Ein gemeinsamer Rat wurde erst Ende März gewählt.

Der 1. Januar 1973 ist der Stichtag für die "kommunale Gebietsreform" in unserer Region. Die früheren Kreise Lemgo und Detmold wurden zu Lippe vereinigt, aus den Kreisen Wiedenbrück und Halle wurde der heutige Kreis Gütersloh. Zahlreiche Gemeinden und Kleinstädte verloren ihre Selbstständigkeit. Der dickste Brocken bei der Neuordnung in der Region war Bielefeld, dass bis dahin aus einer Kern-Großstadt und einem umgebenden Kreis bestand, in dem vor allem die beiden selbstständigen Städte Brackwede und Sennestadt auf ihre Eigenleben stolz waren. Es hatte Jahre gedauert, bis die neuen Grenzen beschlossen wurden. Es dauerte weitere Jahre, bis alle Gerichtsverfahren gegen die Neuordnung beendet waren. Vor 40 Jahren entstand die heutige Großstadt beiderseits des Teutoburger Waldes.

Einer der Mitwirkenden an den politischen Entscheidungen war Klaus Schwickert – zunächst als Landrat des alten Kreises ein Skeptiker, als Landtagsabgeordneter ein Kritiker der Grenzen, die das Gesetz schuf, und schließlich doch Oberbürgermeister der neuen Stadt. Der Sozialdemokrat hatte noch wenige Wochen vor der entscheidenden Abstimmung im Landtag versucht, die Grenzen anders zu ziehen.

"Wir wollten den Kreis erhalten", erinnert sich Schwickert an einen heute verwegen erscheinenden Plan. Bielefeld, das damals aus dem Gebiet der heutigen Stadtbezirke Mitte, Schildesche und dem Ortsteil Stieghorst bestand, sollte wachsen, aber nicht so viel, wie es die Landesregierung vorschlug. Dornberg im Westen sollte hinzukommen, im Osten sollte es bis zur Autobahn reichen und im Norden um Teile von Brake, Milse und Vilsendorf erweitert werden.

Der frühere Landkreis Bielefeld suchte die Flucht nach vorne. "Wir wollten alle vereinigen, die zum Einzugsgebiet von Bielefeld gehörten", erklärt Schwickert einen Plan, der um einiges größer war als das heutige Stadtgebiet. Ein neuer Umland-Kreis sollte den Altkreis Halle aufnehmen, hinzu Spenge und möglichst auch Enger im Norden. Im Osten versuchte man Oerlinghausen und Leopoldshöhe hinzuzugewinnen. Schloß Holte-Stukenbrock war bereits 1970 zum alten Landkreis gekommen, aus dem Brackwede und Sennestadt sich der Eingemeindung nach Bielefeld mit der Idee des "Kragenkreises", wie er genannt wurde, zu entziehen hofften.
Wie kaum eine andere Entscheidung entzweite die Gebietsreform die damaligen politischen Vertreter quer durch die Parteien. Die Vertreter der Kreises Bielefeld hatten an den Grundfesten der lippischen Politik gerüttelt. Der Vorschlag, Oerlinghausen und Leopoldshöhe dem Kreis Bielefeld zuzuordnen, hatte dort keine Chance. Das bis 1946 selbstständige Territorium Lippe hatte sich vor dem Anschluss an Nordrhein-Westfalen zusichern lassen, dass seine Grenzen unantastbar sind.

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