Ehrenmal entwürdigt: Im Jahre 1930 wurde auf dem Kammweg des Tönsberges dieses Ehrenmal zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges errichtet. Die Skulptur ist von Berthold Müller-Oerlinghausen. Heute ist es traditioneller Treffpunkt der rechten Szene. - © Martin Düsterberg
Ehrenmal entwürdigt: Im Jahre 1930 wurde auf dem Kammweg des Tönsberges dieses Ehrenmal zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges errichtet. Die Skulptur ist von Berthold Müller-Oerlinghausen. Heute ist es traditioneller Treffpunkt der rechten Szene. | © Martin Düsterberg

Oerlinghausen Neonazis gedenken der Waffen-SS

Rechtsextremismus: Die Szene inszeniert ein „Heldengedenken“ am Ehrenmal auf dem Tönsberg. Die Beteiligten singen Lieder mit strafbaren Texten

Oerlinghausen. Erneut haben Neonazis das Oerlinghauser Ehrenmal auf dem Tönsberg für ein „Heldengedenken“ missbraucht. Während in vielen Städten wie in Oerlinghausen offizielle Gedenkveranstaltungen anlässlich des Volkstrauertages veranstaltet werden, treffen sich auch Alt- und Neonazis an Denkmälern, die an die Toten beider Weltkriege erinnern. Am Sonntagabend zogen fünfzehn Neonazis im Alter zwischen 20 und 60 Jahren, mit Fackeln, schwarz-weiß-roten Fahnen und Trommeln den Kammweg auf dem Tönsberg entlang, um ihrer toten „Helden“ zu gedenken. Nach Informationen, die der Redaktion zugespielt wurden, wurden in den Reden der Neonazis nicht nur die Taten der Soldaten der Waffen-SS und der Wehrmacht glorifiziert, sondern wurde auch zum Kampf gegen das heutige System aufgerufen. Dieses würde durch das Zulassen von Migration, die Abkehr vom traditionellen Familienbild und das Verbieten des „Deutschseins“ alles zerstören, wofür das deutsche Volk einst gestanden habe, so hieß es in einem Redebeitrag. Um etwa 19 Uhr trafen sich die Neonazis, gingen den Tönsberg hinauf und formierten sich unter wehenden Fahnen und im Feuerschein von Fackeln vor dem Kriegerdenkmal. Nachdem alle ihren Platz eingenommen hatten, stimmten die Rechtsextremen das Lied „Wenn alle untreu werden“ an. Es galt in Zeiten des Nationalsozialismus als Treue-lied der SS. Insgesamt sei das propagandistisch aufgeladene Gedenken der Heldenstilisierung im „Dritten Reich“ nachempfunden, hieß es in den Informationen, die der Neuen Westfälischen vorliegen. So wurden geschichtsrevisionistische Reden dergestalt gehalten, dass Angehörige der Waffen-SS und der Wehrmacht Opfer gewesen seien. Unter Trommelschlägen seien die Toten in die Reihen zurückgerufen worden. So rief der Redner in die Dunkelheit unter anderem „die gefallenen Soldaten der Wehrmacht“ und die „gefallenen Soldaten der Waffen-SS“ zurück. Ein weiterer Redner sprach davon, sie würden erst der „toten Helden des Volkes gerecht werden, wenn auf Worten Taten folgen“. Weiter führte er aus, dass für Deutschland „alles“ zu geben sei und das jeder „zu dieser Tradition bereit sein muss“. Fotos, die die Inszenierung dokumentieren, wurden der Redaktion zugespielt und liegen vor.Nach 20 Minuten ist der braune Spuk vorbei Rund zwanzig Minuten dauerte der braune Spuk. Auch einen Kranz legten die Neonazis nieder. Bevor sie sich wieder auf den Weg machten, stimmten sie nochmals ein Lied mit nationalsozialistischem Inhalt an. Mit dem Absingen des Liedes „Ein junges Volk steht auf“ haben die Rechtsextremen strafbare Texte vorgetragen. Bei dem Lied aus den 1930er Jahren handelt es sich um ein offizielles Propagandalied der NSDAP, insbesondere der Hitlerjugend. Veranstaltungen wie diese „Heldengedenken“ dienen zur ideologischen Festigung der eigenen Bewegung. Bewusst scheuen sie die Öffentlichkeit bei solchen Aktivitäten, denn diese dienen überwiegend der internen Aufladung und Sinngebung, erfuhr die NW. Klar zeigt sich eine braune Kontinuität in Oerlinghausen. Nicht nur auf dem Tönsberg, denn dieser zieht seit vielen Jahren Neonazis und Ewiggestrige an (die NW berichtete). Bürgermeister Dirk Becker verweist auf die Versammlungsfreiheit. „Wenn keine Straftaten passieren, muss eine Demokratie so etwas aushalten, auch wenn es mir nicht gefällt“, sagte er auf Anfrage. Ähnlich äußerte sich der Staatsschutz in Bielefeld. „Alle vermeintlichen Treffpunkte von Neonazis in OWL prophylaktisch zu überwachen ist personell nicht zu schaffen“, hieß es. Der Staatsschutz rät: „Wenn man von solch einer Versammlung Kenntnis bekommt, sofort die Polizei anrufen. Die Kollegen reagieren dann recht schnell.“ Doch auch er schränkte ein: „Es handelt sich bei den Versammlungen erst einmal nicht um Straftaten.“

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