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Aus der Venomed-Klinik wurde in rund vier Monaten Bauzeit ein Refugium für zu beatmende Patienten, die hier in einer Wohngemeinschaft leben werden. Die Aercura-Geschäftsführer Jörg Bialik (v. l.), Marcus Krüger und André Ballay. - © FOTO: SIBYLLE KEMNA
Aus der Venomed-Klinik wurde in rund vier Monaten Bauzeit ein Refugium für zu beatmende Patienten, die hier in einer Wohngemeinschaft leben werden. Die Aercura-Geschäftsführer Jörg Bialik (v. l.), Marcus Krüger und André Ballay. | © FOTO: SIBYLLE KEMNA

Oerlinghausen Luft und Pflege

Neue Wohngruppe für Menschen mit Lungenerkrankungen

29.07.2014 | Stand 27.07.2014, 20:33 Uhr

Oerlinghausen. Die tolle Lage im Grünen mit Blick auf den Teutoburger Wald und das Lipperland gab den Ausschlag: Aus der ehemaligen Venomed-Klinik an der Danziger Straße ist im Verlauf des Frühjahres die Wohngruppe Aercura geworden. In der komplett umgebauten Klinik werden bald rund um die Uhr Patienten betreut, die beatmet werden müssen.

Aer steht für Luft und cura für die Pflege: So verrät der Kurzname "Aercura" der neu gegründeten "Gesellschaft für Intensiv- und Beatmungspflege" schon viel. Weil immer mehr Menschen beatmet werden müssen, entsteht dort für zwölf Patienten ein neues Zuhause, in dem sie im Rahmen einer Wohngruppe von einem Pflegeteam betreut werden. Jetzt wurde das Haus für Fachbesucher eröffnet.

In die zwölf Einzelzimmer, von denen zwei auch als Doppelzimmer genutzt werden, sollen in den nächsten Wochen und Monaten hilfebedürftige Kranke einziehen, die nicht mehr alleine atmen können. Das kann viele Ursachen haben, von der Raucherlunge und anderen Lungenerkrankungen über neurologische Schädigungen bis hin zum Wachkoma. "Diese Fälle nehmen zu, weil es mehr ältere Menschen gibt und weil die Medizin heute viel mehr leisten kann", erklärt Brigitte Hartmann. Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitet beim Sozialdienst des Johannesstifts und ist gekommen, um sich vor Ort ein Bild zu machen von dem neuen Angebot. Vor allem Sozialdienstmitarbeiter aus der Region hatte Aercura eingeladen, denn diese suchen für Patienten ihrer Kliniken, die aus "austherapiert" gelten, eine neue Bleibe. "Ich finde es sehr schön hier und alles sehr gelungen", sagt Hartmann. "Das Konzept ist sehr gut durchdacht und wenn das dann noch so positiv und liebevoll rübergebracht wird – dann kann man als Sozialdienst sagen: Der Patient ist hier richtig", findet sie. "Es gibt auf jeden Fall Bedarf", sagt die engagierte Sozialpädagogin. Und weiter: "Das können die Angehörigen gar nicht leisten, so einen Patienten können sie nicht ohne fremde Hilfe versorgen."

Die Gäste gehen interessiert durch das Haus, das "fast in den Rohbauzustand zurückversetzt wurde", sagt Geschäftsführer André Ballay. Es gab keinen Aufzug, alle Türen waren zu schmal und auch die neuen Brandschutzbestimmungen erforderten viele Neuerungen. Im Erdgeschoss stehen den neuen Bewohnern fast 200 Quadratmeter an Gemeinschaftsfläche zur Verfügung für das gemeinsame Kochen (falls gewünscht), Essen und Begegnen. In den beiden oberen Etagen gibt es 20 bis 33 Quadratmeter große Schlaf- und Wohnräume, die für eine intensive Pflege eingerichtet sind.

"Das Platzangebot ist sehr gut und dass Angehörige hier
übernachten und auch ihre Kinder mitbringen können, finde ich wunderbar", sagt Hartmann. So werde versucht, Bestandteile des familiären Umfeldes der Patienten zu integrieren. Das gefällt auch der jungen Pflegerin Vivianne Grab, die auch schon auf der Intensivstation der Uniklinik Münster gearbeitet hat. "Hier ist es sehr wohnlich und häuslich, da liegt nicht nur das ganze Augenmerk auf dem medizinischen Hintergrund."

"Wir bieten ein häusliches Umfeld, statt einen klinikähnlichen Betrieb", sagt Geschäftsführer Pflege Jörg Bialik. Die Bewohner sollen im Rahmen einer Gemeinschaft selbstbestimmt zusammen wohnen, kochen, essen. Rund um die Uhr haben sie jedoch Pfleger im Haus, die da sind, wenn Patienten Hilfe brauchen, zum Beispiel husten oder abgesaugt werden müssen. Die Bewohner mieten sich selbst ein, die Versorgungs- und Pflegekosten übernimmt die Pflege- und Krankenkasse. "Das ist eine Win-Win-Situation", sagt der rechtliche Begleiter des Projekts, Matthias Rose. "Für die Krankenkassen ist das hier preiswerter als im Krankenhaus und die schwer kranken Patienten können hier angenehm im Grünen leben."

"Wir sind keine Klinik und bieten keine Rundumversorgung", betont Bialik. Gerade, dass die Bewohner im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbst aktiv werden können, erhöhe die Lebensqualität und Zufriedenheit. "Gemeinsame soziale Aktionen sind dann auch ein therapeutisches Mittel", sagt Ballay.

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