0
Die letzte Geburt auf der Entbindungsstation im Volkmarser Krankenhaus: Der kleine Lio mit Mutter Pia Becker und Vater Stefan Köchling sowie die Geburtshelfer Hebamme Petra Hecht und Gynäkologe Leonhard Kalhoff. - © Privat
Die letzte Geburt auf der Entbindungsstation im Volkmarser Krankenhaus: Der kleine Lio mit Mutter Pia Becker und Vater Stefan Köchling sowie die Geburtshelfer Hebamme Petra Hecht und Gynäkologe Leonhard Kalhoff. | © Privat

Volkmarsen/Warburg Letzte Geburt im Volkmarser Krankenhaus

3.940 Gramm brachte der junge Diemelstädter auf die Waage. Jetzt sind die Türen der Geburtshilfestation im Volkmarser Krankenhaus geschlossen

Dieter Scholz
05.07.2019 | Stand 05.07.2019, 14:13 Uhr

Volkmarsen. Lio ist der Name des letzten Kindes, das auf der Geburtsstation im Volkmarser St.-Elisabeth-Krankenhaus geboren wurde. Der Sohn von Pia Becker und Stefan Köchling aus Diemelstadt kam am Freitag vergangener Woche auf die Welt. Zwei Tage später war Schluss. Die geburtshilfliche Belegabteilung machte dicht. Die Klinikleitung hatte das Aus der Entbindungsstation Mitte April mitgeteilt. Damals waren die Verträge der Beleghebammen bereits fristgerecht zum 30. Juni gekündigt worden. Eigentlich wollten die Eltern des kleinen Lio nach Salzkotten zur Entbindung. Doch die Mutter bekam vor dem errechneten Gebutstermin Wehen. Die Gynäkologen Ralf Kubenke und Leonhard Kalhoff und das Hebammenteam im St. Elisabeth waren zur Stelle. Lio wollte ins Leben und erblickte 18 Tage zu früh das Erdenlicht. Schwangere im Warburger Land wie Lios Mutter werden nun auch in solchen Situationen weitere Wege in Kauf nehmen müssen. Die gynäkologische Versorgung durch die beiden Belegärzte Ralf Kubenke und Leonhard Kalhoff bleibt im Haus erhalten. Auch die bisherigen Beleghebammen machen in ihren Praxen weiter. Nur die Begleitung der Mutter im Kreißsaal entfällt. „Nun geht eine Ära zu Ende" Neben Lio wurden im Volkmarser Krankenhaus in diesem Jahr 153 Babys geboren, 2018 waren es 340 und im Jahr zuvor 364. „Unser Spitzenjahr war 2016 mit 409 Geburten", nennt Kalhoff Zahlen. Seit 1992 ist Ralf Kubenke in Volkmarsen tätig, Leonhard Kalhoff kam 2004. „Zum Teil waren unsere Hebammen ebenfalls seit 15 Jahren bei uns", sagt Kalhoff. Christine Rose, Petra Hecht und Sonja Richter begleiteten Schwangere bereits im Warburger Krankenhaus bei der Geburt ihres Kindes. Die Geburtshilfe im damaligen St.-Petri-Hospital schloss 2005. Mit den Worten „Nun geht eine Ära zu Ende" dankten Klinik-Geschäftsführer Michael Schmidt und Kubenke Hebammen und Krankenschwestern jetzt für die gute Zusammenarbeit. „Nur in einem sehr guten Team sei so eine Leistung möglich", hielt Schmidt fest. Die beiden Belegärzte fürchten um die Zukunft der Geburtshilfe in Deutschland. Es mangele am Geld für flächendeckende und den gültigen Qualitätsstandards entsprechende individuelle Geburtshilfe, sagt Kalhoff. „Unsere Patientinnen und die Familien trauern um unsere Abteilung und das immer liebevolle Umsorgen von werdenden Müttern, den Neugeborenen und den werdenden Vätern", berichte er. Leider bleibe jetzt nur der Weg in die großen Perinatalzentren, die sicher sehr bemüht seien. „Sie lässt sich aus ihrem Dornröschenschlaf auch nicht wecken" Dass der Gemeinsame Bundesausschuss in Berlin (GBA) eine maximale Fahrzeit von 40 Minuten bis zur nächsten Entbindungsabteilung festgelegt habe, sei „nur Text auf einem Stück Papier", findet Kalhoff deutliche Worte. Und der Rettungsdienst sei ebenfalls nicht auf Geburtshilfe eingestellt. Dass die Politik auf Kreisebene den Fortbestand der Station in Volkmarsen nicht sicherstellen konnte, bedauert der Mediziner. Auch wenn die Hälfte der Schwangeren aus dem benachbarten Westfalen kamen, eine länderübergreifende Sicherstellung der Geburtshilfe sei auch in diesem Jahr nicht zu erreichen. In der Bundespolitik macht der Gynäkologe Versagen aus. „Sie lässt sich aus ihrem Dornröschenschlaf auch nicht wecken", kritisiert Kalhoff. Seit zehn Jahren seien die Arzthonorare für Entbindungen gleichgeblieben, das Einkommen der Hebammen sei sogar gesunken, weil deren Haftpflichtversicherungen wesentlich teurer geworden seien. „Ein wirtschaftliches Arbeiten ist so nicht mehr möglich", sagt Kalhoff. Kubenke und Kalhoff wünschen sich gesunde Babys und zufriedene Mütter: „Wir danken unseren Patientinnen mit ihren Familien von Herzen für das über die Jahre entgegengebrachte Vertrauen".

realisiert durch evolver group