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In dem Buch "B wie Ottbergen - Ein typisches Bahnbetriebswerk der Dampflokzeit" der Autoren Bernard und Francois Huguenin ist die Zeit des Grenzverkehrs von Anton Lukas in Bildern festgehalten. - © FOTO: JOSEF KÖHNE
In dem Buch "B wie Ottbergen - Ein typisches Bahnbetriebswerk der Dampflokzeit" der Autoren Bernard und Francois Huguenin ist die Zeit des Grenzverkehrs von Anton Lukas in Bildern festgehalten. | © FOTO: JOSEF KÖHNE

Altenbergen Von der Eiszeit auf deutschen Bahngleisen

Anton Lukas erinnert sich an die Zeit des Grenzverkehrs vor dem Mauerfall

VON JOSEF KÖHNE
09.11.2014 | Stand 07.11.2014, 21:31 Uhr

Altenbergen. Der Fall der Mauer zwischen Deutschland Ost und Deutschland West weckt auch nach 25 Jahren bei vielen Menschen die unterschiedlichsten Erinnerungen. Doch während sich bei den meisten Deutschen die unvergesslichen Bilder vom Brandenburger Tor ins Gedächtnis einbrannten, gehen vielen Zeitzeugen ganz andere Gedanken durch den Kopf. So auch Anton Lukas aus Altenbergen. Er fuhr in den 1970er Jahren als junger Heizer auf einer Dampflok über die Zonengrenze und hatte dabei stets ein mulmiges Gefühl.

Das Foto aus den Anfängen der 70er Jahre zeigt den jungen Heizer Anton Lukas (r.) mit seinem Lokführer Johannes Kleibring während einer Talfahrt, bei der keine Kohlen geschippt werden mussten. - © FOTO: PRIVAT
Das Foto aus den Anfängen der 70er Jahre zeigt den jungen Heizer Anton Lukas (r.) mit seinem Lokführer Johannes Kleibring während einer Talfahrt, bei der keine Kohlen geschippt werden mussten. | © FOTO: PRIVAT

"Nachdem die Güterzüge in Herzberg verzollt waren, ging die Fahrt über Walkenried zum DDR-Grenzbahnhof Ellrich", berichtet Anton Lukas im Gespräch mit der NW. Doch es waren Überfahrten, an die er sich nur ungern erinnert. Spätestens dann, wenn die Dampflok der Baureihe 44 mit einem Dienstgewicht von 169,8 Tonnen den Walkenrieder Tunnel durchfahren hatte, spürten die Bahnbeamten im Führerstand der Lok, dass sie in eine andere Welt einfuhren. Denn nachdem sich ihre Augen wieder an das Tageslicht gewöhnt hatten, sahen sie auf der linken Seite die DDR-Grenzanlagen. Die nur mit Tempo 20 km/h erlaubte Fahrt endete stets vor einem massiven Stahltor. Über die Gleise spannte sich eine Stahlfachwerkbrücke, von der aus drei Grenzer der DDR mit der Maschinenpistole im Anschlag den Zug beobachteten. Sobald die Grenzposten grünes Licht gaben, konnte der Güterzug im Schritttempo in den Bahnhof Ellrich einfahren. Dann standen vor dem Zug an jeder Seite zwei Grenzsoldaten mit Maschinenpistolen. Weitere Kollegen gingen die Güterwaggons zu beiden Seiten mit Hunden ab und untersuchten jeden Winkel.

Eine eigene Fotokamera in die DDR mitzunehmen, hätte sich damals keiner der Eisenbahner getraut. Das Foto vom Bahnhof Ellrich machten Ulrich Herz und Werner Martsch. - © FOTO: PRIVAT
Eine eigene Fotokamera in die DDR mitzunehmen, hätte sich damals keiner der Eisenbahner getraut. Das Foto vom Bahnhof Ellrich machten Ulrich Herz und Werner Martsch. | © FOTO: PRIVAT

Ein Grenzer kam in den Führerstand und ließ sich vom Lokführer und seinem Heizer die Papiere zeigen. "Da stand er dann und sprach während der manchmal zwei Stunden dauernden Überprüfung kein einziges Wort", erinnert sich Anton Lukas an die beklemmenden Augenblicke des Schweigens zwischen Deutschen und Deutschen.

Im Nachhinein aber denkt er, dass die DDR-Grenzer oftmals nervöser und angespannter waren, als die Eisenbahner aus dem Westen. An seinem Dienstausweis klebt sogar noch ein Tropfen Blut, den ein junger nervöser Grenzsoldat verlor, als er sich beim Besteigen des Führerstands am Finger verletzt hatte.

Am alten Dienstausweis von Anton Lukas klebt noch der Tropfen Blut eines jungen DDR-Grenzsoldaten. - © FOTO: JOSEF KÖHNE
Am alten Dienstausweis von Anton Lukas klebt noch der Tropfen Blut eines jungen DDR-Grenzsoldaten. | © FOTO: JOSEF KÖHNE

Im Grenzbahnhof Ellrich hatten die westdeutschen Eisenbahner regelmäßig Wendezeiten von etwa zwei bis drei Stunden. "Ich habe nicht einmal erlebt, dass ein Lokführer oder Heizer den Führerstand verlassen hat, wenn er nicht beim Umhängen mit anfassen musste", erinnert sich Lukas auch daran, dass keiner seiner Kollegen das Bedürfnis verspürte, eine der Toiletten auf dem Grenzbahnhof zu benutzen. "Alle waren froh, wenn sie die mit Kunstdünger, Aluminium oder anderen Gütern beladenen Waggons übergeben hatten und den Arbeiter- und Bauernstaat wieder verlassen konnten", sagt er. Manche seiner damaligen Kollegen hätten sich sogar geweigert, in das andere Deutschland einzufahren.

Die schwere Güterzuglokomotive ("Königin der Mittelgebirge") die DDR. - © FOTO: PRIVAT
Die schwere Güterzuglokomotive ("Königin der Mittelgebirge") die DDR. | © FOTO: PRIVAT

Nachdem Anton Lukas seine Lokführerprüfung bestanden hatte, wurde er an einen anderen Bahnhof versetzt. Damit endeten auch seine unfreiwilligen Reisen in den "Kühlschrank" der Republik. "Wenn er allerdings mit uns zusammentrifft, sind auch diese persönlichen \'Grenzerfahrungen\' immer wieder mal ein Thema", berichtet sein damaliger Lokführer Willi Domann. Der pensionierte Eisenbahnbeamte aus Godelheim war einer von denen, die mit Lukas in die DDR fuhren und die mit ihm die vorab geschilderten Erfahrungen teilten. Nach den Erlebnissen von damals sind beide sehr froh darüber, dass mit dem Mauerfall vor 25 Jahren auch die Eiszeit auf den Gleisen der Deutschen Bahn ein Ende nahm.

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