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Steinheim 24-Jährige erlebt im Elternhaus die Hölle

Exorzismusprozess: Die Angeklagten schweigen weiter

VON JUTTA STEINMETZ
10.02.2011

Steinheim. Klaus Dieter M. und seine Frau Heike aus Steinheim sollen, wie bereits berichtet, jahrelang ihre eigene Tochter, oft unter dem Vorwand der Teufelsaustreibung, sexuell missbraucht haben. Dass diese Übergriffe womöglich die entsetzlichen Gipfelpunkte eines überhaupt mit viel Leid und Schrecken erfüllten Lebens waren, wurde gestern vor dem Paderborner Landgericht offenbar.

Während am ersten Verhandlungstag das mutmaßliche Opfer Nicole M. (Name geändert) neun Stunden lang ihr Martyrium unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschildert hatte, gaben gestern Zeugen einen Einblick in das Leben der Familie, in der dem Vernehmen nach ein äußerst rauer Ton geherrscht haben soll. Sie beschrieben Nicole M. als sehr zurückhaltenden Menschen, der anderen nicht einmal die Hand geben wolle. Als kleines Kind sei sie von ihrer Mutter dazu gezwungen worden, ihr eigenes Erbrochenes zu essen, berichtete eine Tante, während ein ehemaliger Vermieter erzählte, dass ihm Klaus Dieter M. sogar Nacktaufnahmen von seiner Tochter zugeschickt habe. "Sehr traurig" sei auf diesen Bildern der Blick von Nicole M., so der Zeuge, der die Aufnahmen erst im Verlauf der Ermittlungen der Polizei übergeben hatte. Dass es eine sexuelle Beziehung zwischen Klaus Dieter und Nicole M. gegeben habe, habe er sich aber nicht vorstellten können, sagte der 55-Jährige.

Freiwilligkeit sei keineswegs die Basis dieses Vater-Tochter-Verhältnisses gewesen, betonte der jetzige Lebensgefährte der jungen Frau. Klaus Dieter M. habe sie mit "Schlägen gefügig gemacht". Bei den sexuellen Übergriffen sei es vorgekommen, dass Nicole M. von ihrer Mutter festgehalten worden sei, während der Vater sie vergewaltigte, "mit der Begründung, ihr müsse der Teufel ausgetrieben werden", wusste der 47-Jährige aus den Berichten von Nicole M.

Die 24-Jährige, die am ersten Verhandlungstag hochschwanger erschienen war, hat mittlerweile einen Jungen geboren. Er ist, wie es Nicole M. bereits in ihrer Aussage vor dem Landgericht kundgetan hatte, tatsächlich der Sohn des Angeklagten Klaus Dieter M. Das haben die Rechtsmediziner der Universität Münster nach einem DNA-Vergleich herausgefunden. Die Vaterschaft des 49-Jährigen sei "praktisch erwiesen", führten die Wissenschaftler aus. Eine Information, die Klaus Dieter M. und seine Frau ohne jede Regung zur Kenntnis nahmen.

Ob nun der Prozess eine neue Wendung nehmen wird, bleibt abzuwarten. Gestern jedenfalls herrschte auf der Anklagebank weiterhin Schweigen. Ihre Mandanten würden zurzeit keine Angaben zur Sache machen, sagten unisono die Verteidiger Franz Zacharias und Peter Christian Jähnig.

Am kommenden Montag wird der Prozess fortgesetzt. Dann wird Nicole M. nochmals als Zeugin erscheinen müssen. Das Gericht habe noch einige Nachfragen, erklärte die Vorsitzende Richterin Margret Manthey. Mittlerweile hat die 24-Jährige nämlich auch niedersächsischen Ermittlern Rede und Antwort gestanden, die den Fall eines 2004 verschwundenen Mannes aufzuklären versuchen. Möglicherweise ist dieser bei einer Teufelsaustreibung ums Leben gekommen, an der Klaus Dieter und Heike M. beteiligt gewesen seien sollen.
     

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