Große Gefahr: Martin Wagemann zeigt ein typisches Stück Rinde, das von einem Kupferstecher, auch Sechszähniger Fichtenborkenkäfer genannt, zerfessen wurde. - © David Schellenberg
Große Gefahr: Martin Wagemann zeigt ein typisches Stück Rinde, das von einem Kupferstecher, auch Sechszähniger Fichtenborkenkäfer genannt, zerfessen wurde. | © David Schellenberg

Kreis Höxter Borkenkäfer: Fichten im Kreis Höxter droht Massensterben

Natur: Nach Sturm und Hitze bahnt sich in den Wäldern die nächste Katastrophe an

David Schellenberg

Kreis Höxter. Erst extreme Nässe, dann der Orkan Friederike und schließlich die schlimmste Hitze- und Dürreperiode seit Kriegsende: Die vergangenen zwölf Monate waren für die Wälder in der Region eine einzige Katastrophe. Stimmen die Befürchtungen der Experten wird jetzt alles noch viel schlimmer: Bei den Fichten hat ein Massensterben eingesetzt. Schuld ist der Borkenkäfer. Martin Wagemann ist kein Mann, der zur Dramatik und Übertreibung neigt. Im Gegenteil. Wenn der Oberforstrat des Regionalforstamtes Hochstift, über den Wald spricht, bleibt er doch bei aller Leidenschaft sachlich. Doch mit Blick auf die sich abzeichnende Unheil wird er ungewohnt deutlich: „Dem Borkenkäfer werden möglicherweise genausoviele Bäume zum Opfer fallen, wie Kyrill." Schäden durch Orkan Friederike längst nicht beseitigt Und das, obwohl die massiven Schäden durch den Orkan Friederike im vergangenen Januar noch längst nicht beseitigt sind. Es werde Jahrzehnte dauern, bis sich die Wälder im Hochstift davon erholt haben werden, sagte Wagemann bei einer Begehung im Steinheimer Wald. Die Zeichen sind für Spaziergänger und Autofahrer bereits von weitem sichtbar. Die Nadeln der Fichten und Douglasien werden braun und fallen ab. „Auch wenn sie ganz oben in der Krone noch grüne Nadeln sehen, ist der Baum bereits tot", sagt Wagemann, der ganz sachlich von massiven Kalamitäten spricht, was einen schweren Schaden in Pflanzkulturen meint. Aufhalten lässt sich die Katastrophe aus Sicht des Experten kaum. Borkenkäfer fand ideale  Bedingungen in Norddeutschland Der Borkenkäfer, vor allem Kupferstecher und Buchdrucker, fanden in diesem Jahr in Norddeutschland ideale Bedingungen, nachdem er sich 2017 bereits in Süddeutschland rasant vermehrte. Dann wütetet der Sturm Friederike Mitte Januar in Mitteldeutschland massiv – besonders betroffen auch das Hochstift und die Städte Beverungen, Brakel, Höxter und Steinheim, erinnert Wagemann. Bis zu 600.000 Festmeter, schätzt Wagemann, sind an jenem Mittag allein im Hochstift gefallen. Holz, was trotz aller Anstrengungen nicht schnell genug aus dem Wald geholt werden könne. Bäume können sich wegen der Trockenheit nicht wehren Das liege nicht nur daran, dass die Waldunternehmer sehr viel zu tun haben, sondern auch daran, dass die Sägewerke kaum mehr Kapazitäten haben. Die Folge: Das Holz wird großteils gar nicht mehr abgenommen, oder nur noch zu Dumpingpreisen. Das im Wald liegende Sturmholz wiederum bietet ideale Bedingungen für den Borkenkäfer, der sich zunächst im Totholz vermehrt. Ab der zweiten und dritten Generation befällt er auch gesunde Bäume. Die extreme Trockenheit tut ihr Übriges: Es gibt keine durch Feuchtigkeit entstehenden Pilze, die den Käfern den Garaus machen, die Bäume selbst werden durch den Wassermangel massiv geschwächt: „Normalerweise wehren sich die Fichten mit Harzfluss gegen die Käfer und schließen sie ein", erklärt Wagemann. Harz ist an den vielen befallenen Bäumen aber nicht zu sehen – weil sie kein Wasser haben. Überall sind unter der Rinde bereits die charakteristischen Fraßbilder zu sehen, hier und da auch das Bohrmehl auf der Rinde, wenn sich Männchen in das Holz bohren, um das Nest anzulegen. Nur der Specht profitiert aktuell von der Plage. Es hilft nur langanhaltender Frost Viel ausrichten können die Förster in den heimischen Wäldern nicht, wenn die befallenen Bäume nicht schnellstens aus dem Wald geholt werden. Befallenes, aufgestapeltes Holz am Waldrand könne beispielsweise auch gespritzt werden, sagt Martin Wagemann. Eine großflächige Lösung sei das aber nicht. Nur langanhaltender strenger Frost im Winter (minus 17 Grad und tiefer) könne für kommendes Jahr die Dimensionen eindämmen. Gefragt von Steinheimer Lokalpolitikern, was sie denn tun könnten, erklärte Wagemann: „Beten!"

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