Die vielen Diskussionen ist er leid: Peter Eichenseher, Grünen-Landtagsabgeordneter von 1995 bis 2005 aus Reelsen, ist im September 2015 aus seiner Partei ausgetreten. - © David Schellenberg
Die vielen Diskussionen ist er leid: Peter Eichenseher, Grünen-Landtagsabgeordneter von 1995 bis 2005 aus Reelsen, ist im September 2015 aus seiner Partei ausgetreten. | © David Schellenberg

Reelsen/Kreis Höxter Grüne: Peter Eichenseher tritt aus Partei aus

Politik: Der Landespolitiker Peter Eichenseher aus Reelsen kehrt nach 32 Jahren den Grünen den Rücken zu, weil er deren Politik für gefährlich hält

David Schellenberg

Reelsen/Kreis Höxter. Er bleibt ein politischer Mensch, der deutlich seine Stimme erhebt. Doch um sich diese Freiheit zu bewahren, hat sich der frühere Grüne Landtagsabgeordnete Peter Eichenseher zu einem schweren Schritt entschlossen: Er ist aus seiner Partei ausgetreten. Zehn Jahre vertrat Peter Eichenseher grüne Politik im Düsseldorfer Landtag. Er war unbequem. Einer, der als verkehrspolitischer Sprecher bei einem Bahnprojekt auch mal mit der CDU stimmte, wenn es ihm richtig erschien. Dafür musste er einst seinen Sprecher-Posten abgeben. Inzwischen hat er auch seiner Partei ganz den Rücken gekehrt - weil er mit deren Politik nicht mehr einverstanden ist. "Eine Schön-Wetter-Partei, die für die aktuellen Krisen keine Lösungen anbieten kann", so nennt Eichenseher die Grünen heute. Es klingt wie eine Abrechnung mit einer Partei, die 32 Jahre lang seine politische Heimat war. Ist es aber nicht. Darauf legt der Reelsener wert. Er sei im Stillen gegangen, ohne groß darüber zu reden. Das war im September. Da hatte er schon mehrere Monate Bedenkzeit und einige Gespräche mit seiner Frau Ulrike hinter sich. Doch im Herbst ging es einfach nicht mehr. Zu sehr ärgerte sich Eichenseher über seine eigene Partei. Vor allem in der Griechenland-Frage. Dass die Grünen im Bundestag als Oppositionspartei dem Milliarden-Hilfsprogramm zugestimmt haben, macht ihn immer noch wütend. Es sei ein Verschieben von Problemen in die Zukunft. Die Zeche, so sagt er, zahle Deutschland erst, wenn Griechenland endgültig pleite sei. Nur die robuste Wirtschaftslage beruhige in Deutschland derzeit die Stimmung. Die Grünen, so meint er, gäben in dieser Situation ein besonders schlechtes Bild ab. Anders als früher, sagt Eichenseher, zeigten sie keine innovativen Alternativen mehr auf und gäben als Oppositionspartei ein ziemlich schlechtes Bild ab. "Das macht mir Angst", bekennt Eichenseher. Die Grünen, so sagt der 61-Jährige, seien zu einer Partei geworden, die vieles schön rede und alte Konzepte verkaufe. Die Probleme würden nicht mehr richtig analysiert. Das gelte auch in der Flüchtlingsfrage. Dabei werde zurzeit ebenfalls vieles schön geredet, statt zuzugeben, "dass die Krise aus dem Ruder läuft". Die Verwaltungen seien schon jetzt mit der Unterbringung der Flüchtlinge überlastet. Statt dies anzuerkennen und tatsächlich über Obergrenzen zu diskutieren, werde vieles verschleiert. "Mich nervt dieses naive Gutmenschentum", sagt Eichenseher. Er betont zugleich ausdrücklich, dass er nichts gegen Zuwanderung und die Multi-Kulti-Gesellschaft hat, die einst das Mantra grüner Politik war. "Mir macht nur die unkontrollierte Zuwanderung Sorgen, bei der kein Ende absehbar ist und bei der wir nicht wissen, wer zu uns kommt", sagt Eichenseher, der nicht in eine "rechte Ecke" gestellt werden will. In seiner Familie gebe es auch Ausländer. Es gehe in dieser Frage nicht um rechts oder links, sondern um falsch und richtig. Als typisches Zeichen für verfehltes politisches Handeln sieht er die Entlassung des Polizeipräsidenten von Köln. "Das lenkt nur von den eigentlichen Problemen ab", sagt Eichenseher. In einem NW-Leserbrief warf er der Regierung Kontrollverlust vor. "Mit der unkontrollierten Zuwanderung importiert Deutschland ein großes Gewaltpotenzial", schrieb er zur aktuellen Lage. Sätze, die nicht in den Grünen-Mainstream passen. "Aber ich möchte die Freiheit haben, meine Meinung zu sagen", betont Eichenseher. "Und das sollte jeder tun." Im Politikbetrieb sei dies kaum noch möglich. Zu sehr müsse auf Befindlichkeiten Rücksicht genommen werden. Es herrsche, sagt er, ein strenger Kodex. Selbst noch einmal auf die politische Bühne zurückzukehren, um sich für seine Positionen einzusetzen, ist für Eichenseher keine Option. Die vielen Diskussionen ist er leid. Er will frei reden können. Dennoch schaut er ohne Missmut zurück. Seine Abgeordneten-Jahre seien eine wertvolle Lebenszeit gewesen. Nachdem Eichenseher in den vergangenen zehn Jahren wieder als Tonmeister für den WDR gearbeitet hat, übt er diesen Beruf nun seit einem Jahr freiberuflich aus. Zu tun hat der gebürtige Münchener genug. So musste er kürzlich für eine Best-of-CD-Produktion 100 weitere CDs durchhören, analysieren und bewerten. Rund drei Wochen Arbeit, die er in seinem Bauernhaus in Reelsen, wo ein schwarzer Flügel in der Deele steht, auch genießen konnte.

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