Höxter "Anja Niedringhaus war eine sehr eindrucksvolle Frau"

Interview: Gemma Pörzgen, Mitbegründerin und Vorstandsmitglied der deutschen Sektion von "Reporter ohne Grenzen", spricht über die Gefahren für Kriegsreporter

Familie, Freunde und Kollegen trauern um die getötete Fotografin Anja Niedringhaus. Die 48-jährige preisgekrönte Reporterin der US-Nachrichtenagentur AP war am 4. April in der afghanischen Unruheprovinz Chost von einem Polizisten erschossen worden. Ihre kanadische Kollegin Kathy Gannon (60) wurde schwer verletzt. Heute wird Anja Niedringhaus in ihrer Heimatstadt Höxter beerdigt. Bei der Trauerfeier in Corvey spricht auch der in Höxter lebende frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer. Außerdem werden die beiden Chefs der Nachrichtenagentur AP aus New York erwartet. Die Gewalt gegen Journalisten hat in den vergangenen Jahren in vielen Ländern zugenommen. Laut der Organisation "Reporter ohne Grenzen" sind 2013 mehr als doppelt so viele Journalisten getötet worden wie im Jahr zuvor. Die Zahl stieg von 38 auf 87. Miriam Scharlibbe sprach mit Gemma Pörzgen (51) über Gefahren und Vorurteile, mit denen Kriegsreporter zu kämpfen haben. Frau Pörzgen, welche Erinnerungen haben Sie an Anja Niedringhaus? Gemma Pörzgen: Mein Exmann hat mit ihr zusammen in Bosnien und vor allem im Kosovo gearbeitet. Dadurch habe auch ich sie kennengelernt. Ich erinnere mich gut, dass ich sie sehr eindrucksvoll fand. Warum? Pörzgen: In dem Beruf arbeiten ja nicht so viele Frauen. Dass sie sich da durchgesetzt hat, fand ich beeindruckend. Außerdem hatte sie eine sehr angenehme Art. Sie schien mir bodenständig. Bei Anja Niedringhaus hatte ich das Gefühl, dass sie sehr nah am Leben dran war. Und mir hat ihr trockener Humor gefallen, den sie sich trotz ihres harten Jobs bewahrt hat. Ihr Tod hat mich sehr berührt. Sie haben selbst in Krisengebieten gearbeitet, waren unter anderem in Palästina. Halten Sie sich selbst für mutig? Pörzgen: Das weiß ich nicht. Ich beobachte, dass ich manchmal angstfreier bin als andere Leute oder Risiken nicht so scheue. Aber "Mut" ist ein großes Wort. Den beobachte ich eher bei anderen Menschen. Waren Sie selbst schon einmal in einer für Sie gefährlichen Situation? Pörzgen: Es gab brenzlige Situationen, ja. Aber ich würde das nicht überbewerten. Ich konnte ja immer wieder raus. Bewundert habe ich eher die einheimischen Kollegen. Die Journalisten, Übersetzer und Vermittler, die auch nach getaner Arbeit vor Ort bleiben. Die waren wirklich mutig. Ich habe als junge Journalistin in Südafrika, in Natal, gearbeitet. In einer Gegend, wo Anfang der 90er Jahre fürchterliche Kämpfe in den Townships waren. Meine schwarzen Kollegen mussten immer wieder nach Hause fahren, mitten in die Auseinandersetzungen hinein. Später habe ich aus Palästinensergebieten berichtet. Da hatte ich sehr nette Kollegen, die mir vor Ort geholfen haben. Ich bin abends zurückgefahren nach Israel, in einen Vorort von Tel Aviv, aber die palästinensischen Kollegen blieben im Gazastreifen. Sind Kriegsreporter Menschen, die bewusst die Gefahr suchen? Pörzgen: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe vor allem Kollegen getroffen, die ein ehrliches menschliches Interesse daran haben, zu erfahren, was Krieg anrichtet. Dennoch haben wir uns gerade bei der Gründung der deutschen Sektion von "Reporter ohne Grenzen" gegen viele Vorurteile wehren müssen. Und auch heute denken einige Leute, dass Reporter, die im Krieg verletzt werden, teilweise selbst schuld sind. Deshalb ist es wichtig, zu vermitteln, wie bedeutsam die Arbeit von Journalisten und Fotografen in Krisengebieten ist. Leider gibt es in deutschen Redaktionen immer weniger Bereitschaft, die eigene Auslandsberichterstattung zu stärken. Oft fehlt es da an Wertschätzung für die schwierige Arbeit von Kollegen, gerade wenn sie weniger prominent sind als Anja Niedringhaus. Viele Redaktionen glauben, die Leser interessiert mehr, was vor der eigenen Haustür passiert. Pörzgen: Ich glaube, die Leser möchten auch Geschichten aus dem Ausland lesen. Die Deutschen reisen viel und gerne. Und wir sind eine Migrationsgesellschaft, in der häufig ein Familienmitglied aus dem Ausland kommt. Da gibt es doch viele persönliche Anknüpfungspunkte. Ist der Beruf in den vergangenen Jahren gefährlicher geworden? Pörzgen: Ja, ich denke schon. Zu meiner Zeit waren die meisten Kollegen, die in Krisengebieten unterwegs waren, fest angestellt und hatten eine enge Anbindung an ihre Redaktion. Heute sind viele freiberuflich tätige Journalisten im Ausland unterwegs. Sie sind stärker auf sich allein gestellt, und auch der Konkurrenzkampf wird größer. Gibt es ein Land, in das Sie derzeit nicht reisen würden? Pörzgen: Nein, ich würde von keinem Land pauschal abraten. Ich denke, dass erfahrene Journalisten mit der richtigen Vorbereitung und einem guten Netzwerk von überall großartige Geschichten mitbringen können. Würde es solche Kollegen nicht geben, wären viele Länder weiße Flecken auf unserer Nachrichtenlandkarte.

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