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Mit Abstand versammelten sich am Leonardo-Brunnen auf Einladung von Wilk Spieker (l.) und verschiedenen Gruppen rund 100 bis 110 Menschen. - © Simone Flörke
Mit Abstand versammelten sich am Leonardo-Brunnen auf Einladung von Wilk Spieker (l.) und verschiedenen Gruppen rund 100 bis 110 Menschen. | © Simone Flörke

Bad Driburg Corona-Gedenken in Bad Driburg: „Nur gemeinsam zurück ins Leben“

Mehr als 100 Menschen bei der Gedenkveranstaltung: Vier Redner appellieren an Solidarität und Zusammenhalt in der Pandemie und zeigen ihre Perspektive auf das Virus – eine junge Frau beeindruckt besonders.

Simone Flörke
28.04.2021 | Stand 28.04.2021, 20:16 Uhr

Bad Driburg/Kreis Höxter. „Die Würde des Menschen ist unantastbar", zitierte Louisa Rohe von der Fridays-for-Future-Bewegung aus dem Grundgesetz: Langzeitschäden durch eine Corona-Erkrankung oder gar der Tod, das seien aber die größten Verletzungen dieser Würde, machte die 19-Jährige eindringlich in ihrer beeindruckenden Rede deutlich. Und jeder habe die Verpflichtung, diese Würde zu schützen angesichts der vielen Tausend Menschenleben, die die Pandemie allein in Deutschland schon gekostet hat.

Sie verzichte auf Kontakte, auf Treffen, auf Party, weil sie ein Teil der Gesellschaft und sich dieser Verantwortung bewusst sei. Aber: „Ich habe das Recht und die Pflicht, konstruktiv und kritisch und sauer zu sein", sagte sie über den Lockdown. Und dennoch halte sie sich an die Regeln. Denn man dürfe sich nicht einlassen auf die, „die in der Pandemie nichts geleistet haben als zu spalten".

Louisa Rohe beeindruckte mit ihrer Rede. - © Simone Flörke
Louisa Rohe beeindruckte mit ihrer Rede. | © Simone Flörke

Für ihre klaren Worte bei der Gedenkveranstaltung am Leonardo-Brunnen bekam die junge Frau viel Applaus und Anerkennung. Es war eine Perspektive auf die Pandemie und ein Appell an die Menschen, durchzuhalten, für Mut und Zusammenhalt in der Gesellschaft.

"Für eine lebendige, starke Demokratie"

Es blieb nach Angaben von Polizei und Ordnungsamt alles ruhig und friedlich: 100 bis 110 Menschen versammelten sich am Mittwochabend am Brunnen, um mit Worten und einer Gedenkminute zu Musik Solidarität zu zeigen mit den Menschen, den Schwachen und Kranken, denen, die sich in der Pandemie um andere bis zur Erschöpfung kümmern.

Aber auch, um der 80.000 Menschen zu gedenken, die an und mit Corona in Deutschland schon gestorben sind. Inge Ernst vom Verein „Pro barrierefrei" sprach über die Situation der Menschen mit Behinderungen. Helmut Lensdorf (Bündnis für Demokratie und Toleranz) dankte außerdem besonders jungen Leuten für ihr Opfer und ihr Durchhalten „für eine lebendige, starke Demokratie".

Klares Statement von Roger van Heynsbergen. - © Simone Flörke
Klares Statement von Roger van Heynsbergen. | © Simone Flörke

Und Veranstalter Wilk Spieker berichtete von seiner Arbeit mit Menschen, die seit zwölf Monaten das Haus wegen Corona nicht mehr verlassen haben, geimpft und dennoch für den Lockdown seien – weil sie warteten, bis alle durch die Impfung so weit sind. Er macht deutlich: Den Weg zurück ins Leben, das schaffe die Gesellschaft nur gemeinsam.

Keine 200 Meter weiter forderten 30 bis 35 Personen (laut Polizei) bei der Mahnwache der AfD Bad Driburg hingegen ein Ende des Lockdowns und den Schutz der Grundrechte.

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Veranstaltung für den Zusammenhalt in Corona-Zeiten – damit die Würde bleibt

Demokratie-Bündnis äußert sich zur AfD-Mahnwache in Bad Driburg

Kommentar

Wer mitläuft, der kennt den Weg

Nicht gegen, sondern für etwas Flagge zeigen. Nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern selbst zeigen, dass es auch anders geht. Nicht in den Kategorien Schwarz und Weiß denken, sondern die Grautöne sehen und reagieren. Nicht lautes Getöse mitmachen, sondern leiser und eindringlicher, aber umso intensiver sagen: Hey, wir sind mehr. Wir stehen auf. Wir stehen zusammen. Wir spalten nicht.

Das ist in manchen Situationen vielleicht der bessere, aber auch der beschwerlichere Weg. Ja, ich, Du, wir alle müssen diese neuen, unbequemen, mühseligen Wege lernen zu gehen, um dem Extremismus eine klare Kante zu zeigen. Das hat mir diese Veranstaltung in Bad Driburg gezeigt.

Ja, dazu gehört in einigen Situationen auch der laute Protest, das Aufstehen: Hallo, hier steh ich – und bin mit dem nicht einverstanden, was dort passiert, was dort gesagt wird. Mit dieser Wortwahl ist für mich ein Grenze überschritten – siehe Gaulands „Fliegenschiss". Unglaublich, dass die Grenzen des Sagbaren sich so verschoben haben.

Dazu gehören aber auch der wachsame, erkennende Weg und ein ständiges Hinterfragen. Denn die Rechten werden nicht ziviler, im Gegenteil: radikaler – und damit populistischer. Und die Verharmlosung der Wähler rechter Parteien als „Protestwähler" darf nicht mehr gelten.

Wir müssen deutlich machen, was wir für akzeptabel halten – und was nicht. Dass nicht mehr alles gesagt werden darf und soll, was gesagt werden könnte. Dass wir uns vergewissern: Wer mitläuft, der kennt die Richtung.

Achten wir auf unsere Sprache, die nicht sprachlos machen darf, auf Rede, die der Gegenrede bedarf, auf Führer, die Verführer werden. Und entdecken wir die verschiedenen Wege des Protestes – Wege mit Niveau und Mut: für Zusammenhalt statt Leugnung, Verharmlosung und Spaltung.

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