Bad Oeynhausen/Löhne Große Geschichten bei den Poetischen Quellen

Lesungen am Nachmittag: Vier Autoren sorgten für Kontraste im Literaturzelt

Dirk Windmöller

Bad Oeynhausen/Löhne. Eine Frau, die sich in einem Hochhaus in Luanda vor der Welt versteckt. Bill der auf einem Flug von Bangkok nach Zürich seine Lebensgeschichte aufblättert. Eine Künstlerin, deren Erlebnisse in New York intensiv geschildert werden. Die Erinnerungen von Enkeln an das Leben ihres gerade gestorbenen Großvaters. In vier Stunden machte das Publikum der Poetischen Quellen am Samstagnachmittag eine kleine literarische Weltreise. Der slowenische Autor Goran Vojnovic stellte seinen Roman „Unter dem dem Feigenbaum" vor. Dort breitet er eine Familiengeschichte vor dem Hintergrund des Nachkriegs-Jugoslawien aus. Der Roman hat wie alle Bücher autobiografische Elemente: „Meine Geschichten montiere ich auch aus persönlichen und familiären Erfahrungen", sagte er im Gespräch mit Moderator Jürgen Keimer. „Ich wollte zeigen, wie sich Geschichte immer wiederholt" Als genauer Beobachter blickt Vojnovic auch mit Sorge auf die politische Entwicklung. „Ich wollte zeigen, wie sich Geschichte immer wiederholt." Und da sei das ehemalige Jugoslawien eine besondere Region. Von der österreichisch-ungarischen Monarchie über die Verwerfungen des Zweiten Weltkrieges und die des Kommunismus bis zum jüngsten Krieg und die Gegenwart, in der viele der ehemaligen jugoslawischen Staaten EU-Mitglieder sind. Der Slowene macht sich Sorgen, dass auch die EU auf keinem guten Weg ist. Nationalismus breite sich in vielen Staaten wieder aus. Von fotografisch präzisen Beobachtungen ist „Wie viele Tage" von Andrea Scrima geprägt. Es spielt in New York und Berlin und handelt vom Leben einer Künstlerin. Fotos von Ereignissen mit Nachrichtenwert werden akribisch mit Sprache beschrieben. Dabei habe sie die Frage beschäftigt, wie man mit diesem Kontrast der Ereignisse, die auf einen einströmen und dem ganz persönlichen Alltag umgehe. „Wir erleben diese riesigen Ereignisse und müssen trotzdem kochen und waschen", sagte die US-Amerikanerin in perfektem Deutsch, weil sie seit Jahrzehnten in Berlin lebt. Die ganz besondere Atmosphäre einer Flugreise von Bangkok nach Zürich beschreibt die Schweizerin Christina Viragh in „Eine dieser Nächte". Moderator Jürgen Keimer konnte die Ausgangsposition gut nachvollziehen. „Man kennt ja den Wunsch, dass der Mensch den man gerade gesehen hat und der nicht besonders sympathisch ist, im Flugzeug hoffentlich nicht neben einem sitzt." Da hat man nach Überzeugung der Autorin schon einen entscheidenden Fehler gemacht. „Wenn man jemanden längere Zeit beobachtet, dann lacht man ihn sich an." Und so geht es auch Emma, der weiblichen Hauptfigur in Christina Viraghs Roman. Bill, ein rothaariger, übergewichtiger Verschwitzter Mann setzt sich neben sie. Der ist zwar nervig. „Aber Bill ist ein geborener Erzähler und wenn jemand gut erzählt, dann hört man ihm zu", sagte die Autorin. Der Moderator war ganz begeistert. „Sich so in einen anderen hineinzuversetzen ist schon beeindruckend." Viragh blieb ganz cool. „Das sollte eine Schriftstellerin können, was kann sie sonst". Als eine Geschichte mit großem Unterhaltungswert und Tiefgang entpuppte sich „Eine allgemeine Theorie des Vergessens" von José Eduardo Agualusa. Hört sich an wie ein philosophisches Sachbuch, ist aber ein Roman über eine Frau, die sich in Luanda, der Hauptstadt von Angola, in ihre Wohnung in einem großen Wohnblock einmauert. „Luanda ist eine Stadt voller Geschichten", sagte der Autor. Diese habe jedoch keine Bezug zur Realität. „Lediglich das Haus existiert in der Wirklichkeit." In diesem Haus lebt Ludo. Und traut sich irgendwann nicht mehr auf die Straße. Sie baut Lebensmittel auf der Dachterrasse an, findet Diamanten unterm Bett versteckt und fängt Tauben. Und sie lernt am Ende etwas ganz Wichtiges: „Sie hat Angst vor allem und wird erst gerettet, als sie sich einem anderen Menschen gegenüber öffnet", bringt es der Autor im Gespräch mit Jürgen Keimer auf den Punkt. Und offen waren auch die zahlreichen Zuschauer am Samstagnachmittag. Mit neuen Büchern, signiert von den Autoren, und frischen Gedanken gingen sie nach Hause.

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