Melilla Mauerspringer: Fernando Sánchez Castillo schuf die Skulptur auf dem Mast unter dem Eindruck von Bildern mit flüchtenden Menschen, die beim Versuch Europa zu erreichen Grenzzäune überklettern. Europa stellt die Signale inzwischen auf Rot. - © Ralf Bittner
Melilla Mauerspringer: Fernando Sánchez Castillo schuf die Skulptur auf dem Mast unter dem Eindruck von Bildern mit flüchtenden Menschen, die beim Versuch Europa zu erreichen Grenzzäune überklettern. Europa stellt die Signale inzwischen auf Rot. | © Ralf Bittner

Herford Fünf Tore - fünf Orte: Der "Mauerspringer" hat jetzt seinen Platz am Lübbertor

Der Traum von Europa

Ralf Bittner

Herford. "Der Standort ist optimal", sagte der spanische Künstler Fernando Sánchez Castillo während er die Arbeiten an seiner Skulptur "Melilla Mauerspringer" an der Lübbertor-Kreuzung beobachtete. Der Standort stehe für das Thema der Arbeit: wen lassen wir in unsere Gemeinschaft hinein, wer muss draußen bleiben. Castillo greift mit dem Werk Bilder aus spanischen Städten an der nordafrikanischen Küste auf. Immer wieder erklettern dort Flüchtende beim Versuch, exterritoriale Orte wie Melilla oder Ceuta zu erreichen, selbst meterhohe Drahtzäune, um in das ersehnte "Paradies Europa" zu kommen. Diese europäische Außengrenze schafft geografische und politische Räume, die Menschen in einem undefinierten Status belassen: nicht Immigrant, nicht Flüchtling; nicht legal, nicht vertrieben. Die Figur scheint von der Innenstadt wegzublicken, aber das täusche, so der Künstler. Tatsächlich seien die Augen geschlossen, der "Mauerspringer" träume den Traum vom Leben in einem sicheren und demokratischen Europa, den die Europäer wie selbstverständlich leben. Der Titel der Skulptur spielt auch auf die jüngere deutsche Vergangenheit an. Eine Webcam sendet vom Lübbertor live ins Internet Als "Mauerspringer" wurden Personen bezeichnet, die von der Westseite nach Ostberlin über die Mauer kletterten - als Mutprobe oder als Versuch in die DDR auszuwandern - ein illegaler Grenzübertritt entgegen der üblichen Fluchtrichtung. Die in zehn Metern Höhe auf einem Laternenmast installierte Bronzeskulptur ist, nach Dennis Oppenheims "Safety Cones" am Bergertor, die zweite als Teil des Langzeitprojektes "Fünf Tore / fünf Orte" im öffentlichen Raum verwirklichte Arbeit. Mit dem vom damaligen Marta-Direktor Jan Hoet angestoßenen Projekt sollen die fünf historischen Stadttore mit zeitgenössischer Kunst wieder "sichtbar" gemacht werden. Anders als 2010, gab es im Vorfeld der Errichtung der Arbeit keine Proteste. Allerdings drohte die Verwirklichung vor eineinhalb Jahren fast an Sicherheitsbedenken des Landesbetriebs Straßen.NRW zu scheitern. Dieser wollte die Installation auf einem nicht mehr benötigten Laternenmasten nicht genehmigen. Zur offiziellen Einweihung wird der Künstler Castillo erneut anreisen Die Verlegung des Standortes um gut 100 Meter und ein höherer Mast hätten die Umsetzung dann doch ermöglicht, sagte Manfred Bischoff von den "Stadttorfreunden", die eine kleine inoffizielle Begrüßungsfeier mit Musik und Punsch für Werk und Künstler organisiert hatten. Zur im Frühjahr 2018 geplanten offiziellen Einweihung wird Castillo erneut anreisen. Dann wird er aus 4.000 Plastikmodellen seiner Skulptur eine große Formation im Foyer von Marta Herford einrichten, die von den Besuchern gegen eine symbolische Gabe in alle Himmelsrichtungen zerstreut wird. Auch die in die Skulptur am Lübbertor integrierte Webcam wird dann ihre Bilder live ins Internet senden. Finanziert wird das Projekt ausschließlich aus Sponsorenmitteln. Angesichts des harschen Tons der Proteste gegen die Pylone am Bergertor, möchte der Finanzier des Mauerspringers ungenannt bleiben.

realisiert durch evolver group