Turnübungen: Die Männer turnen zum Disco-Beat auf Fitnessbällen, die Kolleginnen geben den Beat und das Tempo vor. Welche Übungen Randolf und Mehrdad turnen müssen, dürfen die Zuschauer in der ersten Reihe auswählen. Der komische Blick auf den Fitnesswahn ironisiert auch die Geschlechterrollen. - © Ralf Bittner
Turnübungen: Die Männer turnen zum Disco-Beat auf Fitnessbällen, die Kolleginnen geben den Beat und das Tempo vor. Welche Übungen Randolf und Mehrdad turnen müssen, dürfen die Zuschauer in der ersten Reihe auswählen. Der komische Blick auf den Fitnesswahn ironisiert auch die Geschlechterrollen. | © Ralf Bittner

Herford Theaterstück über Sexualität ohne Bienchen und Blümchen

Auf der Suche: Das Theater Strahl nimmt sich mit dem Stück "Am Ende ist man immer nur wer anderes" des Themas Sexualität an und rät zu einem entspannten Umgang damit

Ralf Bittner

Herford. Randolf und Mehrdad stehen allein auf der Bühne und dribbeln mit Fitnessbällen. "Die Kolleginnen müssen sich noch stylen und brauchen noch", scherzen sie, und schon sind sie drin in ihrer "Suche zum Thema Sexualität", wie das Stück mit dem umständlichen Titel "Am Ende ist man immer nur wer anderes" im Untertitel heißt. Hannah Biedermann hat das Stück für das Theater Strahl inszeniert, und wer das Theater kennt, weiß, dass es hier alles andere als umständlich zur Sache geht. Schüler aus sechs Schulen sitzen im Theatersaal. "Sobald Anna und Selin da sind, geht?s los mit dem Stück um Sex und Sexualität", sagt Randolf: "Macht euch keinen Druck, denn ihr werdet ohnehin nicht alles verstehen." Und Mehrdad ergänzt: "Aber ihr werdet euch fremdschämen - aber ihr werdet es überleben." Beide versprechen werden in den folgen 75 Minuten eingelöst. "Aus Recherchen wissen wir, dass Jugendliche in eurem Alter keine Nackten auf der Bühne sehen wollen", sagen sie: "Ausziehen werden wir uns also nicht." Ansonsten wird fast kein Bereich des Themas Sexualität, der Teenager interessieren oder verunsichern könnte, ausgespart: erste Freundschaft, erster Sex, Glauben an die große Liebe, die Wirkung von Pornos, Liebe zu gleichgeschlechtlichen Partnern, das Verhältnis zur Familie und vieles mehr. Eine Handlung mit Anfang, Mitte und Ende gibt es nicht, sondern die Schüler werden mit Szenen, Dialogen und einer Unmenge an Recherchematerial konfrontiert. Bravo-Flirttipps, wissenschaftliche Studien, Zeitungsberichte, Interviews von Autorin Azar Mortazavi und die Regisseurin mit Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren liefern das Material. Immer wieder sprechen die Darsteller die Jugendlichen im Saal an. "Wie lebt ihr?" "Jeder Dritte in eurem Alter hatte schon Sex - also Du, Du und Du nicht." Verlegenes Gekicher in den Sitzen. Wenn Anna sich bei den peinlichsten Anmachsprüchen lasziv um den Mikrofonständer räkelt, wissen die Jungen nicht wohin mit ihren Blicken. Das Ensemble nimmt Stereotype auf und kehrt sie um. "Seit wann bist du heterosexuell?", fragen sie: "Könnte das an deiner neurotischen Angst vor dem eigenen Geschlecht liegen?" "Was ist besser, viele Beziehungen haben oder auf die eine große Liebe warten, heiraten oder nicht?" Das Stück stellt Fragen, dreht Blickwinkel um und hält dabei ein hohes Tempo. Immer neue Eindrücke und Fragen erzeugen Druck, einfache Antworten und Bewertungen bleibt das Stück schuldig. Ratschläge der Eltern wie "Hauptsache ihr verhütet" oder das freundliche Gesprächsangebot "Du kannst mit uns über alles reden" sind gut gemeint, helfen aber nicht weiter. Am Ende des Stückes ist klar, dass die jungen Menschen, ihren eigenen Umgang mit den Themen Liebe, Sex, Familie und Beziehung finden müssen jenseits der unterschiedlichsten Anforderungen von Freunden, Moral, Religion, Familie oder Kultur. Antworten liefert es nicht, aber vielleicht hilft es dabei, die Fragen besser zu verstehen. "Macht euch keinen Duck!" heißt die Botschaft. Das Thema bleibt in jedem Alter aktuell, nur die Aspekte ändern sich: hinter dem Vorhang wird plötzlich über die eheliche Treue diskutiert. Der Titel "Am Ende ist man immer nur wer anderes" stimmt also nicht ganz, denn Ende oder endgültig richtige Antworten gibt es bei dem Thema nicht. Diese Einsicht nimmt reichlich Druck von den Schultern.

realisiert durch evolver group