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Museumsleiterin Regine Krull zeigt am Grab des Sachsenherzogs in der Engeraner Stiftskirche auf die ungewöhnliche Fingerhaltung hin. Rund um die Grabplatte die Inschriften, die auf Widukind hinweisen. - © FOTO: KARIN WESSLER
Museumsleiterin Regine Krull zeigt am Grab des Sachsenherzogs in der Engeraner Stiftskirche auf die ungewöhnliche Fingerhaltung hin. Rund um die Grabplatte die Inschriften, die auf Widukind hinweisen. | © FOTO: KARIN WESSLER
Enger

Ein Mythos in Sandstein gemeißelt

Widukinds Grabplatte in der Stiftskirche Enger einzigartig

VON KARIN WESSLER
21.10.2010 | Stand 20.10.2010, 19:48 Uhr

Enger. Viele Legenden ranken sich um den Sachsenfürsten, sein Leben und seine Taten liegen im Dunkeln – Mythos Widukind. In der altehrwürdigen Stiftskirche in Enger ruhen – höchstwahrscheinlich – seine sterblichen Überreste. Im Widukind-Museum neben der Kirche nimmt die Inszenierung der Ausgrabung in der Stiftskirche einen breiten Raum ein, und ein Duplikat der Grabplatte ist im Museum ebenfalls ausgestellt.

Nicht von ungefähr ist Widukinds Grabplatte in der Stiftskirche durch Glas und eine Alarmanlage geschützt – sie ist zu wertvoll. "Das Relief gilt als eine der frühesten großplastischen Werke in Deutschland. Kunsthistoriker datieren sie auf die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts", erläutert Museumsleiterin Regine Krull.

Es gibt nur wenige derart gut erhaltene Grabplastiken aus Widukinds Zeit, dem frühen Mittelalter. "Mir ist in Deutschland nur eine einzige ähnlich gut erhaltene Grabplastik bekannt", berichtet Regine Krull. Diese ist im Merseburger Dom nahe Magdeburg in Sachsen-Anhalt zu finden und stellt Rudolf von Schwaben oder auch Rudolf von Rheinfelden dar. Sie stammt etwa aus dem Jahr 1080 und weist viele Ähnlichkeiten zur Grabplatte Widukinds auf. "Bei beiden handelt es sich ein Sandsteinrelief auf einem Grabmal, beide zeigen die lebensgroße Gestalt eines jungen Mannes im Herrschergewand", beschreibt die Museumsleiterin die steinernen Zeitzeugen.

Wie Widukind trägt auch Rudolf eine Spangenkrone, er trägt ein herrschaftliches Gewand und auch die Füße sind ähnlich dargestellt.

Anders als Widukind – auf der Grabplatte mit Segnungsgeste – trägt Rudolf einen Reichsapfel und ein Zepter in Händen. "Er war als Gegenkönig zu den Saliern vom Papst eingesetzt und nicht im Besitz der Reichsinsignien", erläutert Regine Krull, daher auch keine "richtige", sondern die Spangenkrone. "Von den Sachsen war er gleichwohl als Vorbild und Identifikationsfigur anerkannt", weiß Krull.

Ähnlich wie Rudolf ist auch Widukind kein "richtiger" König gewesen, wurde aber als solcher von den Sachsen verehrt. "Sein Grabbild könnte daher aus sächsischer Tradition heraus entstanden sein", vermutet die Historikerin.

Die linke Hand Widukinds ist unter dem Umhang verhüllt. "Eine klassische Unterwerfungsgeste", erläutert sie weiter. Die Lilie – bei beiden Figuren am Zepter zu sehen – stehe für Reinheit, Keuschheit und Tugendhaftigkeit.

"Es könnte auch ein Zeichen für die Unterwerfung Widukinds vor Karl dem Großen sein", mutmaßt Regine Krull. Seit dem 11. Jahrhundert ist die Lilie im Wappen von Frankreich zu finden.

Die rechte Hand Widukinds gibt ein Rätsel auf: Der abgeknickte Mittelfinger, hinter den Zeigefinger verschränkt, könnte auf eine religiöse Geste hinweisen. Für "gewagt" halten Regine Krull und andere Historiker die Theorie der Historikerin und Anthropologin Professor Hedwig Röckelein, die Gebeine könnten verwechselt worden sein. Während der Ausgrabungen wurden Gebeine von insgesamt drei nebeneinander bestatteten Personen gefunden – bei einem Toten wurde eine Fingerfraktur festgestellt. Krull: "Eine Verwechslung der Gebeine ist eher ausgeschlossen. Im Mittelalter wurden keine individuellen Merkmale abgebildet, sondern das Amt und der Würdenträger mit seinen Insignien".

Letztendlich gesichert ist es nicht, dass es sich um Widukinds sterbliche Überreste handelt, die in Enger gefunden wurden. Dass es sich bei der Figur auf der Grabplatte tatsächlich um Widukind handeln könnte, belegen zwei Inschriften in lateinischer Sprache, die an den Seiten der Umrandung eingraviert sind.

"Der äußere Text entstand vermutlich zeitgleich mit der Grabplastik", erläutert Regine Krull. "Er wurde vom ursprünglich hölzernen Sockel auf die steinerne Tumba übertragen. Der Text ruft auf zum Gebet am Grab und schreibt dem Toten wundersame Heilkräfte zu, ohne sie namentlich zu nennen", berichtet Krull weiter.

"Die innere Inschrift stammt vermutlich aus dem 16. Jahrhundert. Widukind wird hier als König des Stammes der Engerer und als Gründer und Förderer des Stiftes hervor gehoben. Mathilde und Heinrich waren in der Erinnerung der Engeraner nicht mehr präsent".

Gesichert ist aber, dass Kaiser Karl IV Enger besuchte. Laut Regine Krull war er ein glühender Verehrer Karls des Großen. Er begab sich im Jahr 1377 an das Grab dessen Widersachers Widukind und ließ das verfallene Denkmal wieder herrichten.
     

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