Einige Namen lassen keine Rückschlüsse auf einen braunen Hintergrund zu, bei anderen ist sie offensichtlich. Das Portal ist zur erreichen unter www.strassennamen-in-westfalen-lippe.org - © FOTOS: TITTEL / COLLAGE: GRUNDMANN
Einige Namen lassen keine Rückschlüsse auf einen braunen Hintergrund zu, bei anderen ist sie offensichtlich. Das Portal ist zur erreichen unter www.strassennamen-in-westfalen-lippe.org | © FOTOS: TITTEL / COLLAGE: GRUNDMANN

Bünde Bündes Straßen aus der Nazizeit

Neues Online-Portal informiert über braune Vergangenheit von Frühlingsweg und Saarlandstraße

VON ANDREA ROLFES

Bünde. Es ist ein beschauliches Fleckchen in Bünde. Ein von Bäumen und Wasser gesäumter Weg. Radler sind gemächlich unterwegs, Kanuten ziehen auf der Else ihre Bahnen. Wer den Frühlingsweg entlangschlendert, käme nie auf die Idee, dass dieser Straßenname einen nationalsozialistischen Hintergrund haben könnte. Doch er hat, genau wie fünf andere Straßen, die noch immer so heißen, wie die Nazis sie damals nannten.

Während des Nationalsozialismus wurden in den meisten deutschen Städten die Namen von Straßen, Plätzen und Wegen geändert – in Bünde gab es 17 Umbenennungen, darunter auch die Hindenburgstraße, Kameradschaft und die Lettow-Vorbeck-Straße, die noch heute existieren. Vorrangiges Ziel dieser Neubenennungen war es, die Bünder mit den Vorbildern der neuen Machthaber vertraut zu machen. Eine neue Datenbank zur Straßenbenennung von 1933 bis 1945 gibt nun Aufschluss darüber, welche und wie viele Straßen in Westfalen-Lippe unbenannt wurden. Entstanden ist sie in Kooperation des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte und der Stiftung Westfalen-Initiative.

Über den Bünder Frühlingsweg ist dort zu lesen, dass die Stadt im April 1933 auf einen Beschluss des Bürgermeisters anlässlich "des heutigen Geburtstages des Führers", die damalige Gasstraße in Frühlingsweg umtaufte. Damit sollte an den deutschen Frühling erinnert werden, den man Adolf Hitler und den "Kämpfern der Bewegung" zu verdanken habe, hieß es in einer Mitteilung des Bürgermeisters in der Presse.

Der Bünder Stadthistoriker Jörg Militzer hat sich intensiv mit der braunen Geschichte der Stadt und Straßennamen beschäftigt. "Bei Frühlingsstraße denkt erst mal jeder an Sonnenschein und gute Laune, aber niemand ahnt etwas über den wahren Hintergrund." Militzer hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die spezielle Thematik aufzudröseln. Das Onlineportal nutzt seine Materialsammlung, aber auch Informationen des Historikers Norbert Sarhage. Dieser beschäftigte sich mit der Bünder Lettow-Vorbeck-Straße, die noch heute an den damaligen General der Infanterie erinnert. Laut Datenbank hatte sich der Furnierfabrikant Edwin Kranz, der in dieser Straße ein "arisiertes" Geschäft übernehmen konnte, für die Umbenennung ausgesprochen. Mehrfache Bemühungen, die Straße wieder umbenennen zu lassen, sind bisher gescheitert. Der erste Antrag der SPD im Jahr 1965 wurde – so die Information in der Datenbank – von der CDU und FDP abgelehnt.

Jörg Militzer weiß, dass es in Bünde ebenfalls Versuche gegeben hat, die immer wieder umstrittene Hindenburgstraße umzubenennen. Es wurde unter anderem in den 1980er-Jahren eine Befragung der Anwohner unternommen. Aber auch dieser Versuch scheiterte. Auch in anderen Städten Ostwestfalens ist ein Streit über den Straßennamen entbrannt. In Höxter befasste sich eine Arbeitsgemeinschaft der Verwaltung mit dem Hindenburgwall und der Hindenburgstraße – bisher ohne Ergebnis.

Unauffälliger ist der nationalsozialistische Hintergrund bei der Benennung der Bünder Saarlandstraße, die vor 1935 Wiedenstraße hieß. Der Bürgermeister als Ortspolizeibehörde begründete den Schritt damals mit der "steten Erinnerung an die vorbildliche Treue der Saarländer zum deutschen Vaterlande".

Straßennamen wie Adolf-Hitler-Straße, Wilhelm-Gustloff-Straße oder Herman-Göringstraße sind in Bünde bereits 1945 wieder geändert worden. Das Onlineportal bietet einen Überblick über all diese Namen, Daten und Orte. Militzer findet die Idee der Datenbank gut. "Solchen Sachen können sehr hilfreich sein", findet er. Besonders, um einen Überblick zu bekommen, wo eine Umbenennung bereits erfolgreich gelaufen sei.

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