Elegante Flieger: Singschwäne überwintern jedes Jahr zu Tausenden im Vogelschutzgebiet Weseraue. - © picture alliance / imageBROKER
Elegante Flieger: Singschwäne überwintern jedes Jahr zu Tausenden im Vogelschutzgebiet Weseraue. | © picture alliance / imageBROKER

Wertvolle Winterquartiere für Zugvögel in OWL

Am 2. April vor 40 Jahren erließ der Rat der Europäischen Gemeinschaft die Vogelschutzrichtlinie. Durch sie wurden europaweit Vogelschutzgebiete eingerichtet - zwei davon in OWL

Petershagen/Paderborn. Dass die Windheimer Marsch ein besonderes Gebiet ist, fällt dem aufmerksamen Besucher auf, sobald er sie betritt. Auf einer Wiese rasten an einem kühlen Tag im März 300 Blässgänse aus Sibirien und Nord-Ost-Europa, die hier überwintert haben. „Das sind nur noch Restbestände", sagt Jutta Niemann (62). Sie leitet die Biologische Station Minden-Lübbecke und betreut das Vogelschutzgebiet Weseraue, zu dem die Windheimer Marsch gehört. In der Marsch landen jedes Jahr im September bis zu 10.000 Bläss- und Saatgänse, um hier zu überwintern. „Das sind nicht so viele wie am Rhein, aber schon ordentlich", sagt Niemann. Jetzt seien „nur noch" 3.000 da, schätzt die Diplom-Biologin. Die meisten sind schon wieder heimgekehrt. Auch Singschwäne, Schellenten, Gänse- und Zwergsäger überwintern hier. Das Naturschutzgebiet Windheimer Marsch liegt in einem der Weserbögen nördlich von Petershagen im Kreis Minden-Lübbecke und gehört zum ca. 3.000 Hektar großen EU-Vogelschutzgebiet Weseraue. Das Vogelschutzgebiet Weseraue ist wiederum Bestandteil des europäischen Schutzgebietssystems „Natura 2.000", einem Netzwerk spezieller Gebiete zum Schutz von EU-weit gefährdeten Arten und Lebensräumen. Gruben des Kiesabbaus wurden geflutet Am 2. April 1979, vor 40 Jahren, beschlossen die damals neun Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschafts-Gemeinschaft die EU-Vogelschutzrichtlinie. Sie sieht den Schutz aller in der EU wildlebenden Vogelarten und ihrer Lebensräume vor. Dafür richteten alle Mitgliedsländer auf ihrer Fläche Vogelschutzgebiete ein. In Deutschland gibt es allein 742 EU-Vogelschutzgebiete und mehr als 4.500 FFH-Gebiete, die seit 1992 nach der EU-Naturschutzrichtlinie Flora-Fauna Habitat eingerichtet wurden. Etwas mehr als 15 Prozent der Fläche Deutschlands sind dadurch geschützt. EU-weit gibt es etwa 27.000 Schutzgebiete, durch sie sind 20 Prozent der Fläche geschützt. Betrachtet man die Weseraue aus der Luft, fallen die vielen eckig geschnittenen Wasserflächen auf, die in Gruppen an der Weser liegen. Es sind die Spuren des Kiesabbaus, der die Landschaft geformt hat. Die Gruben wurden geflutet und als Seen angelegt. Sie ziehen die vielen Wasservögel an. „Das EU-Vogelschutzgebiet Weseraue hat sich zu einem einzigartigen international bedeutsamen Feuchtgebiet entwickelt", sagt Jutta Niemann. Hier rasten, überwintern oder brüten Tausende Wasser- und Watvögel. Die Zugvögel ziehen von der Nordsee die Weser entlang Richtung Süden. Das Vogelschutzgebiet Weseraue liegt direkt vor der Mittelgebirgsschwelle des Weser- und Wiehengebirges. Vor dieser Erhebung in der Landschaft gingen die Zugvögel runter, erklärt Niemann – und rasten in der Weseraue. Durchbruch zu mehr Vogelschutz „Die EU-Vogelschutzrichtlinie ist ein eindrucksvolles Beispiel, wofür Europa gut ist, was die europäische Gemeinschaft zu leisten vermag", sagt Klaus Nottmeyer, Leiter der Biologischen Station Ravensberg in Kirchlengern. Der Biologe und Vogel-Experte ist Vorsitzender der Nordrhein-Westfälischen Ornithologengesellschaft und im Vorstand des Dachverbands Deutscher Avifaunisten. Die Avifauna ist die Gesamtheit aller in einer Region vorkommenden Vogelarten. Die Vogelschutzrichtlinie habe einen Durchbruch zu mehr Vogelschutz bedeutet, für einige Arten wie den Seeadler, die Wiesenweihe oder die Großtrappe sei sie gerade noch rechtzeitig gekommen. Der Erfolg der Richtlinie sei unbestritten und wissenschaftlich belegt. Es gebe jedoch auch Kritik: Die Schutzgebiete seien nicht groß genug und würden zu stark genutzt. Die Bestände vieler Offenlandarten wie der Feldlerche, dem Rebhuhn und dem Kiebitz befinden sich in freiem Fall. Die Kritik der zu starken Nutzung gibt es auch am Vogelschutzgebiet Eggegebirge. Es umfasst knapp 7.200 Hektar, liegt in den Kreisen Paderborn und Höxter und besteht überwiegend aus Staatsforst. Hier kommen unter anderem der Raufußkauz vor, der Uhu, Wespenbussard, Grauspecht – und das Haselhuhn. Für das im Wald lebende kleine Huhn wurde der Eggewald als Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Das Haselhuhn drohe trotz aller Bemühungen in NRW auszusterben, sagt Nottmeyer. Zwischen 2005 und 2009 wurde es noch in der Egge gesichtet, zwischen 2010 und 2017 gab es keine Nachweise mehr. Sturmflächen bieten neue Lebensräume Doch auch aus dem Vogelschutzgebiet Egge gibt es positive Nachrichten: Die großen Freiflächen, welche die Stürme Kyrill, Niklas und Friederike gerissen haben, kommen bedrohten Arten zugute: Neuntöter, Baumpieper, Feldschwirl, Raubwürger, Kuckuck und Wendehals finden hier einen neuen Lebensraum. Neuntöter fühlen sich auch an der Weser wohl: Sie lieben die Brombeerbüsche, welche die Schottischen Hochlandrinder verschmähen, die hier die Wiesen sonst kurz halten. Der Singvogel mit der schwarzen Augenbinde spießt im Sommer auf die Dornen Insekten auf, bevor er sie verspeist. „In der Weseraue kann man das ganze Jahr über was beobachten", schwärmt Jutta Niemann. „Hier ist immer was los."

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