Sagt, was sie denkt: Die Schülerin Jasmin Hoymann (16) diskutiert mit Mitschülern über die AfD und die Flüchtlingssituation. Demnächst schreibt sie eine politische Kolumne für die NW, die wöchentlich erscheint. - © Foto: Anne Neul||
Sagt, was sie denkt: Die Schülerin Jasmin Hoymann (16) diskutiert mit Mitschülern über die AfD und die Flüchtlingssituation. Demnächst schreibt sie eine politische Kolumne für die NW, die wöchentlich erscheint. | © Foto: Anne Neul||

Bünde Eine 16-Jährige kritisiert die AfD

Porträt: Jasmin Hoymann (16) besucht das Gymnasium am Markt und interessiert sich für Politik und Geschichte. In der NW schreibt sie ab dem neuen Schuljahr eine politische Kolumne

Anne Neul
18.08.2018 | Stand 22.08.2018, 11:15 Uhr

Bünde. Jasmin Hoymann ist keine typische 16-Jährige. Sie interessiert sich für Politik, besonders für die AfD, und für die Nazizeit. In der NW schreibt sie ab dem neuen Schuljahr eine wöchentliche Kolumne zur politischen Situation in Bünde. Knapp achtzig Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs und 85 Jahre nach der Machtergreifung durch Adolf Hitler vergleicht sie die Wahlergebnisse von damals und heute, schaut nach den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wie der Arbeitslosenquote und spricht mit Betroffenen: Mit Flüchtlingen, die mit ihr zur Schule gehen, mit der Schulleiterin, wie gut die Integration an der Schule klappt, mit einem Pfarrer aus einem Stadtteil, in dem die AfD bei der vergangenen Bundestagswahl gut abgeschnitten hat und mit Menschen auf der Straße. Die Idee zur Kolumne kam ihr, als sie im Deutschunterricht ein Gedicht über ein aktuelles politisches Thema verfassen sollten. "Da wir an unserer Schule nun auch Flüchtlinge haben, die in unseren Schulalltag integriert werden, kam mir sofort der Gedanke an die AfD und den Hass, den diese Partei, wenn auch manchmal eher versteckt, verbreitet. Gegen Menschen, die genauso ein Recht auf ein sicheres Leben und Asyl haben, wie wir es auch hätten, würde bei uns Krieg sein", schrieb Jasmin an die NW. Jasmin schaut genau hin "Ich denke es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass so eine Partei, vor allem auch hier in Bünde, gewählt wurde." Schon an ihren langen Sätzen mit den vielen Einschüben ist abzulesen, dass Jasmin sich die Dinge genau anschaut. Die 16-Jährige wohnt in Quernheim, kommt nach den Ferien in die 11. Jahrgangsstufe des Gymnasium am Markt und hat die Leistungskurse Deutsch und Geschichte gewählt. Sie interessiert sich für Geschichte, besonders für die Nazizeit, "weil die AfD Argumente benutzt, die die Nazis damals schon benutzt haben. Die Parallelen sind interessant. Man kann besser einordnen, was heute geschieht und besser dagegen argumentieren, wenn man die Geschichte kennt." Mit Mitschülern spricht sie über die Parteien, vor allem über die AfD, besonders vor der vergangenen Bundestagswahl. Da haben sie im Politikunterricht die verschiedenen Wahlprogramme analysiert. "Die AfD widerspricht ihrem Wahlprogramm", sagt sie. Es falle auf, dass AfD-Politiker sich zu einem Sachverhalt äußerten und später zurückruderten. Sie hätten keinen festen Standpunkt, das sei unglaubwürdig. "Dann weiß man nicht, wofür sie stehen. Das wirkt nicht vertrauensvoll." "Es laufen auch Dinge gut" Immer mehr Mitschüler befürworteten die Politik der AfD. Sie argumentiere dann dagegen. "Von Jungs, die sich unterhalten, werde ich als Mädchen nicht ernstgenommen." Sie merkten zwar, dass Jasmin sich mit dem Thema auseinandergesetzt habe. "Aber sie bleiben bei ihrem Standpunkt." Sie seien enttäuscht von der Politik, dass in ihren Augen alle Flüchtlinge reingelassen würden. Jasmin lässt sich nicht einschüchtern. "Ich kann das nicht haben", sagt sie. So eine Haltung ertrage sie nicht. Sie ist mit einem Mädchen (19) aus Syrien befreundet, die mit ihrem Onkel hergekommen ist. Sie gehen in einen Jahrgang. Jasmin kümmerte sich von Anfang um sie, weil sie niemanden kannte. An ihrer Schule gebe es viele, die sich engagierten, ihre Freizeit opferten, um den Unterricht in der internationalen Klasse zu begleiten. Einige Mitschüler interessierten sich überhaupt nicht für Politik, andere ein bisschen. Viele kritisierten die Politiker meistens. Jasmin will nicht immer nur kritisieren. "Es laufen ja auch Dinge gut." Die Arbeitslosenzahlen hätten sich verbessert, auch die Kriminalitätsrate sei zurückgegangen. Aus ihrer Sicht ist auch positiv, dass die Bundesregierung sich nicht generell weigert, Flüchtlinge aufzunehmen. "Es werden die falschen Flüchtlinge abgeschoben" Der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) habe gesagt, es würden die falschen Flüchtlinge abgeschoben, und zwar die integrierten. Das sei für den Arbeitsmarkt schädlich. "Das finde ich auch." Einige ihrer Mitschüler aus Syrien und Afghanistan seien seit einigen Jahren in Deutschland, die meisten seit 2015, und gut integriert. Sie sprächen so gut Deutsch, dass man nicht denken würde, dass sie erst so kurz hier seien, sagt Jasmin. Trotzdem hätten sie nur eine begrenzte Aufenthaltsgenehmigung, immer nur für ein Jahr. Die müsse immer wieder erneuert werden. "Das verstehe ich nicht, wieso man sie nicht dauerhaft hier sein lässt." Ihre Mitschüler aus Syrien und Afghanistan seien sehr ehrgeizig. "Sie wollen alles perfekt können." Sie nähmen Nachhilfe, mit Deutsch, Englisch und Spanisch lernten sie drei neue Fremdsprachen gleichzeitig. Im ersten Teil ihrer Kolumne vergleicht Jasmin die Ergebnisse der jüngsten Bundestagswahl in Bünde mit denen der Reichstagswahl 1932, vor der Machtergreifung Adolf Hitlers.

realisiert durch evolver group