0
Ärgert sich: Bündes Bürgermeister Wolfgang Koch. - © Carina Schmihing
Ärgert sich: Bündes Bürgermeister Wolfgang Koch. | © Carina Schmihing

Bünde "Nein" von Häcker: Bürgermeister ist frustriert

Im Interview macht Wolfgang Koch vor allem den Anwohnern Vorwürfe

Stefan Boscher
02.09.2017 , 05:51 Uhr

Bünde. Das Unternehmen Häcker Küchen wollte eigentlich ein neues Werk im Bünder Stadtteil Muckum bauen. Nach massiver Kritik der Anwohner hat der Konzern die Notbremse gezogen und sich gegen das Projekt entschieden. Stattdessen wird nun wenige Kilometer von Bünde entfernt investiert. Bündes Bürgermeister Wolfgang Koch ist mit dieser Entwicklung alles andere als zufrieden.

Herr Koch, das Unternehmen Häcker aus Rödinghausen hat sich überraschend dagegen entschieden, im Bünder Stadtteil Muckum ein neues Werk zu bauen. Wie haben Sie die Entscheidung aufgenommen?
Wolfgang Koch: Ich bin frustriert. Es ist sehr schade. Die Absage kam so früh, dass das offizielle Verfahren noch gar nicht begonnen hat.

Was hätte das offizielle Verfahren gebracht?
Koch:
Es hätte eine Abwägung stattgefunden. Es gibt immer unterschiedliche Meinungen und Interessen bei solchen Projekten, unter anderem den Landschafts- und den Naturschutz. Die gesetzlich vorgegebenen Verfahren sorgen dafür, das die unterschiedlichen Meinungen und Güter gegeneinander abgewogen werden, bevor es zu einer Entscheidung kommt. Dazu kommt es nun nicht mehr.

Wurden Sie von der Entscheidung überrascht?
Koch:
Ganz überraschend war die Entscheidung am Ende nicht mehr. Es gab vorher schon ein paar Verzögerungen bei den Planungen bei denen ich gedacht habe, dass das Projekt dem Unternehmen hoffentlich nicht doch zu unsicher wird.

Warum sollte es zu unsicher werden?
Koch:
Es geht der Firma um einen möglichst schnellen Baubeginn. Offensichtlich ist die Marktsituation so, dass Häcker Küchen zügig neue Produktionsflächen braucht. Diese Schnelligkeit kann die Fläche in Muckum nicht bieten. Das ist aus meiner Sicht höchst unerfreulich.

Was hat den Ausschlag für Häcker Küchen gegeben, in Ostercappeln zu bauen?
Koch:
Ich denke, die Planungssicherheit in Ostercappeln hat den Ausschlag gegeben. Auch die Stimmung dürfte dazu beigetragen haben.

Wie meinen Sie das?
Koch:
Es macht niemandem Freude, wenn man öffentlich an den Pranger gestellt wird, wenn man verunglimpft wird, wenn man sich vorwerfen lassen muss, ein Gegner des Umweltschutzes zu sein. Und wir sprechen jetzt nur über einen Zeitraum von wenigen Wochen. Das weitere Verfahren hätte sich über rund zwei Jahre hingezogen. Wer will sich so lange beschimpfen lassen? Insofern habe ich Verständnis, wenn das Unternehmen zu der Einschätzung kommt, dass man das nicht will.

An Unterstützung aus der Politik kann es jedenfalls nicht gemangelt haben. Sie persönlich, der Landrat und Bürgermeister Ernst-Wilhelm Vortmeyer aus Rödinghausen haben sich für das Bauvorhanden stark gemacht.
Koch:
Genau so war es. Die Unterstützung aus der Politik war jederzeit groß.

Also haben sich die Anwohner durchgesetzt mit ihrer Forderung, das der Acker bleiben muss?
Koch:
Stimmt. Sie haben sich durchgesetzt. Eine demokratisch legitimierte Entscheidung steht allerdings nicht dahinter. Einige wenige haben Macht ausgeübt im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Das ging von Verunglimpfungen, über Beleidigungen, bis hin zu böswilligen Unterstellungen, um ein persönliches Ziel durchzusetzen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist völlig legitim, persönliche Interessen zu verfolgen. Die kann man auch äußern. Aber ein Grundmaß an Fairness muss bleiben.

Sie selbst wurden verbal ebenfalls hart angegangen. Teilweise war von Korruptionsvorwürfen die Rede.
Koch:
Das war wirklich eine Unverschämtheit. Als Bürgermeister hat man einen Amtseid geleistet, ist dem Gemeinwohl verpflichtet. Ich bin davon überzeugt, das alle, die mit dem Vorhaben zu tun hatten, absolut integre Persönlichkeiten sind, und dass niemand einen persönlichen Vorteil gesucht hat. Diese Vorstellung ist geradezu absurd. Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und sind immer transparent vorgegangen. Sonst hätten wir eine Bürgerversammlung zu so einem frühen Zeitpunkt gar nicht erst durchgeführt.

Die Bürger wurden beteiligt zu einem Zeitpunkt, da sich die Politik offiziell noch gar nicht mit den Plänen beschäftigt hat.
Koch:
So weit waren wir noch nicht. Das Projekt befand sich noch in der Phase, in der die Machbarkeit grundsätzlich geprüft wurde. Politische Gremien waren noch nicht involviert. Bevor es soweit überhaupt kommen konnte, wurde Häcker so verunsichert, dass sie von dem Vorhaben abgelassen haben.

Als die Entscheidung gegen Bünde und für Ostercappeln verkündet wurde, ließ Häcker-Chef Jochen Finkemeier mitteilen, man sei dort freundlich, fair und positiv aufgenommen worden. Eine Retourkutsche in Richtung Bünde?
Koch:
Nein, das glaube ich nicht. Aber es ist doch wohl klar, dass man auch bei Häcker ärgerlich und frustriert gewesen ist. Die Firma wollte sich hier erweitern. Wenn man dann so einen Gegenwind bekommt, ist das nicht schön.

Neue Arbeitsplätze – nach den Worten Häckers mehrere hundert – werden nun auch Ostercappeln und nicht in Bünde entstehen. Ärgert Sie das?
Koch:
Ja sicher. Und man darf nicht vergessen: Es geht ja nicht nur um die Arbeitsplätze direkt bei Häcker. Es gibt viele Zuliefererbetriebe, die ebenfalls neue Mitarbeiter eingestellt hätten, sich vielleicht sogar hier niedergelassen hätten. Von einem Unternehmen Häcker in Muckum wäre eine enorme Sogwirkung ausgegangen. Davon hätten viele profitiert.

Was bedeutet die Häcker-Entscheidung für das Gelände in Muckum? Kann es sein, dass ein neuer Investor kommt und hier bauen will?
Koch:
Natürlich kann das sein. Die rechtlichen Schritte zur Änderung des Regionalplans würden dann allerdings wieder von vorne beginnen.

Hat sich bei Ihnen schon jemand gemeldet, der Interesse an den Flächen hätte?
Koch:
Nein, bisher nicht.

Glauben Sie, dass das letzte Wort in dieser Sache gesprochen ist? Oder wagt Häcker zu einem späteren Zeitpunkt einen neuen Anlauf?
Koch:
Keine Ahnung, darüber will ich nicht spekulieren. Mein persönlicher Eindruck ist, dass Häcker das Bauvorhaben in Muckum an der Hansastraße ad acta gelegt hat.

Wird der gescheiterte Häcker-Bauversuch negative Folgen für das Ansehen von Bünde haben?
Koch:
Das Ergebnis ist natürlich unerfreulich für Bünde. Da muss man nicht drumherum reden. Man kann aber auch sehen, dass die beteiligten Akteure – also Verwaltungen und Politik – Unternehmen, die hier investieren wollen, nicht wegschicken, sondern Möglichkeiten schaffen wollen. Man kann weder Politik noch Verwaltung eine Art von Wirtschaftsfeindlichkeit unterstellen. Ich denke, das wird auch so wahrgenommen. Um es deutlich zu sagen: Das Projekt Häcker ist weder an der Verwaltung noch an der Politik gescheitert.Wir müssen uns keine Vorwürfe machen.

Machen Sie den Anwohnern Vorwürfe?
Koch:
Ja. Die Art und Weise, wie mit Mitarbeitern der Verwaltungen, der Politik und vereidigten Beamten umgegangen worden ist, gehört sich nicht. So etwas kann ich nicht akzeptieren. Man kann diskutieren, man kann unterschiedlicher Meinung sein, man kann sagen, wenn man nicht zufrieden ist – das ist alles in Ordnung. Aber aus persönlichen Gründen anderen Menschen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, unter die Gürtellinie zu schlagen, das geht nicht.

Newsletter abonnieren

Bünde-Newsletter

Jeden Donnerstagmorgen informieren wir Sie über die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region.

Wunderbar. Fast geschafft!