0

Verl Mit dem "Bötchen" über die Alpen

Rainer Tuxhorn und die Japanerin Kyoko Nakamoto fahren zum Geburtstagsfest ihres Lieblingsautos

Roland Thöring
26.06.2015 | Stand 25.06.2015, 20:07 Uhr

Verl. „Barchetta-Fahrer sind ein bisschen verrückt“, sagt Rainer Tuxhorn. Der 62-Jährige muss es wissen: Seit 18 Jahren fährt er den kleinen italienischen Kult-Roadster. Eine, die sich selbst ebenfalls als „ein bisschen verrückt“ bezeichnet, ist Kyoko Nakamoto. Die 52-Jährige lebt auf der japanischen Insel Okinawa und ist des Autos wegen erstmals nach Europa gereist. Gemeinsam wollen der Verler und die Japanerin in den nächsten Tagen in Verona mit zahlreichen anderen Barchetta-Fans den 20. Geburtstag des kleinen Flitzers feiern. Rainer Tuxhorn hat ein durchaus abgeklärtes Verhältnis zu seinem „Bötchen“, wie eine Übersetzung des italienischen Wortes „Barchetta“ lautet. Er bezeichnet sein quietschgelbes Fahrzeug auch gerne mal als „Zicke“. „Entweder man mag es, oder man mag es nicht.“ Er hatte sich vor 18 Jahren in das Fiat-Modell über einen Prospekt „verliebt“, sein Auto ohne Probefahrt gekauft. „Ein bisschen verrückt halt“, räumt er ein. Der Wagen habe seine Marotten, sei auf langen Strecken nicht gerade bequem, „und als Deutscher darf man über so etwas wie Spaltmaß gar nicht erst nachdenken.“ Das Auto wurde einst von Hand montiert. Wer seine Barchetta kennt und liebt, der kennt auch ihre Tücken. „Der Wagen hat einen Phasenversteller, der im unteren Drehzahlbereich die Leistung erhöht. Der geht ab und zu kaputt, und dann klingt das Auto wie ein Diesel.“ Ab und zu, das hieß früher „alle zwei bis drei Jahre, und das war immer ziemlich teuer“. Die Karosserie ist zwar schon vollverzinkt; doch da, wo sie beim Verzinken aufgehängt war, am Kotflügelrand hinter der Fahrertür, da rostet das Blech immer. „Da haben sie offenbar vergessen nachzuverzinken“, sagt Tuxhorn und zuckt mit den Schultern. „Da muss ich halt mal wieder dran.“ Der erfahrene Barchetta-Fahrer hat auch stets ein Handtuch dabei, um trocken zu wischen, was das Dach durchgelassen hat. Klar, er fahre mit seinem Auto auch in die Waschanlage, sagt Tuxhorn und deutet an, wo er dann von innen Gegendruck ausübt, damit die Abdichtung zwischen Dach und Karosserie Bürsten- und Wasserdruck Stand hält. Der kleine Roadster ist inzwischen auf dem Weg zum Youngtimer. Gebaut wurde er ab 1995, als italienische Antwort auf den erfolgreichen Mazda MX-5. Dass er aber schon seit zehn Jahren nicht mehr gebaut wird, führt bereits zu einem Ersatzteilmangel. Da hilft der Barchetta Club Deutschland, dessen Vorsitzender Rainer Tuxhorn ist. Seit 2002 versteht sich der Verein als Dachorganisation der regionalen Clubs und Barchetta-Stammtische. Der Barchetta Club Deutschland unterstützt seine rund 130 Mitglieder auch bei der Durchführung der regelmäßigen Meetings während der Roadster-Saison zwischen April und September. „Wir fangen dann das finanzielle Risiko der Veranstaltungen auf.“ Über die Verbindungen internationaler Barchetta-Clubs hat Tuxhorn auch den Kontakt zu Kyoko Nakamoto geknüpft. Die Künstlerin und Galeristin fährt seit sechs Jahren eine Barchetta in ihrem Heimatland. Was im japanischen Linksverkehr der Gewöhnung bedurfte, denn den Wagen gibt es ausschließlich mit Linkslenkung. Die 52-Jährige ist auf der südjapanischen Insel Okinawa damit ein Exot: Hier gebe es nur noch ein weiteres Auto dieses Typs, sagt sie. Um zum Geburtstag des Kult-Roadsters unter ihresgleichen zu sein, hat Nakamoto jetzt ihre erste Europa-Reise angetreten. Über Paris ging es nach Ostwestfalen, mit einer von Tuxhorn besorgten Leih-Barchetta fahren Kyoko Nakamoto und ihr Mann Masami jetzt über den ersten Fan-Sammelpunkt Rheinfelden und Basel weiter nach Verona. Hier treffen die nordeuropäischen Barchetta-Fans mit den italienischen zusammen, die bereits seit Montag von ihrem Treffpunkt in Süditalien aus unterwegs sind. Gemeinsame Ziele des großen Barchetta-Treffens sind der Gardasee und Turin, wo ein Besuch im Fiat-Museum auf dem Programm steht. Und ein Gala-Diner mit den Vätern ihres Lieblingsautos: mit dem griechischen Designer Andreas Zapatinas, dem Chef des inzwischen insolventen Karosseriebauers Maggiora, der im Auftrag des Konzerns den Roadster fertigte, und einem Fiat-Vertreter. Rainer Tuxhorn hat seine Barchetta übrigens auf einen Anhänger verladen und steigt erst in Rheinfelden für den Rest der Strecke ein. „Die lange Distanz ist zu unbequem – ein bisschen verrückt halt.“

realisiert durch evolver group