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Frank Röllke (l.) vom Kinoverein und Medienpädagoge Michael Kleinschmidt zeigen das Poster und ein altes Programmheft des Propagandafilms "Kolberg". - © FOTO: BESIM MAZHIQI
Frank Röllke (l.) vom Kinoverein und Medienpädagoge Michael Kleinschmidt zeigen das Poster und ein altes Programmheft des Propagandafilms "Kolberg". | © FOTO: BESIM MAZHIQI

SCHLOß HOLTE-STUKENBROCK Die subtilen Mittel der Nazi-Propaganda

Kinoverein zeigt Vorbehaltsfilm "Kolberg" in der Realschule / Publikum wird wissenschaftlich begleitet

06.05.2011 | Stand 05.05.2011, 19:18 Uhr

Schloß Holte-Stukenbrock (bm). "Viele Bilder von damals gehen mir nicht mehr aus dem Kopf", sagt Werner Dresselhaus. Der 79-Jährige ist einer der immer weniger werdenden Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und erzählt, dass Kinder und Jugendliche wie er von Beginn an mit der "braunen Propaganda" groß geworden sind.

"Dass ein in Heimat und Front geeintes Volk jeden Gegner überwindet", so Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels, das sei zu seiner Jugendzeit immer wieder thematisiert worden – auch im Film "Kolberg" von 1945, den das Filmtheater "Rhythmus" am Mittwochabend zeigt.

Werner Dresselhaus ist wie rund 30 andere Neugierige zur Vorführung in die Realschule gekommen, um zu sehen, wie die Propaganda zum Ende des Krieges außerhalb des "Volksempfängers" funktioniert hat. "Mit dem Medium Film", sagt Michael Kleinschmidt, der im Auftrag der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Filminhalt, Drehbuch und Aufnahmetechnik für die Zuschauer erklärt und in den historischen Kontext einbettet. Denn: "Kolberg" gehört zu den Vorbehaltsfilmen, die ohne fachmännische Begleitung nicht gezeigt werden dürfen.

"Goebbels glaubte", so Kleinschmidt, "dass der Film an sich ein subtiles Erziehungsmittel sei." Der Propagandafilm "Kolberg" sollte nach der Niederlage der deutschen Angreifer in Stalingrad unterhalten, bei Laune halten und den Durchhaltewillen trotz der drohenden Niederlage stärken – "das war für Goebbels kriegsentscheidend", berichtet der Medienpädagoge und Filmkritiker. "Aber nur wenige haben den Film damals noch gesehen", erzählt Kleinschmidt. Lediglich in 20 Kinos wurde er noch vorgeführt, "weil die anderen bereits zerbombt waren."

Die Filme "Hitlerjunge Quax" und "Jud Süß" – der eine die Verherrlichung der nationalsozialistischen Denkweise, der andere durchweg antisemitisch – gingen diesem dritten Teil in den vergangenen zwei Jahren voraus. "Kolberg" erzählt von der geplanten Belagerung der gleichnamigen Stadt durch Napoleons Truppen 1806 und vom heldenhaften Kampf der Bürger, die sich für ihr Land und ihren König einsetzen und schließlich als Sieger aus dem Angriff der Franzosen hervorgehen. "Ich habe leider beide zuvor gezeigten Filme verpasst", sagt Wilfried Gohr. "Das Thema Propaganda kenne ich allerdings von Gesprächen mit meinem Vater, der die Nazizeit miterlebt hat.

"Wir haben uns dem Experiment vollkommen hingegeben", sagen Miriam Sommer und Isabella Kliewer. Die Zehntklässlerinnen der Realschule haben den zweistündigen Film auf sich wirken lassen und versucht, ihn mit den Augen der Menschen von 1945 zu sehen. "Der Film spricht immer und immer wieder das Herz und den Einsatz jedes einzelnen an", sagt die 16-jährige Miriam. Auch wenn man sich dies als moderner Mensch bewusst mache, gehe die Wirkung nicht verloren.

"Auf diese Wirkung hat auch Goebbels damals gesetzt", sagt Kleinschmidt. Deswegen werde auch heute noch sorgfältig mit dem Filmmaterial umgegangen. Der Kinoverein um Frank Röllke plant im kommenden Jahr die Fortführung der Reihe nationalsozialistischer Filmvorführungen.

"Tiefer in die Materie einzudringen und sich mit der Vergangenheit aus filmischer Sicht zu beschäftigen", sagt er, sei wichtig, um sich auch heute nicht durch Film und Medienbeiträge in seinen Gedanken beeinflussen zu lassen.

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