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Der Bedarf nach Wohnraum für Werksvertragsarbeiter ist groß. - © picture alliance
Der Bedarf nach Wohnraum für Werksvertragsarbeiter ist groß. | © picture alliance

Rheda-Wiedenbrück So leben osteuropäische Werkvertragsarbeiter in Rheda-Wiedenbrück

5.300 Osteuropäer leben in Rheda-Wiedenbrück, auch in Wohnungen, in denen pro Bett und Monat bis zu 300 Euro verlangt werden

Marion Pokorra-Brockschmidt
06.02.2019 | Stand 06.02.2019, 07:10 Uhr

Rheda-Wiedenbrück. Das war gefährlich: Ohne Genehmigung hatte der Eigentümer den Dachboden eines Hauses ausgebaut und an eine osteuropäische Familie vermietet. Die Treppe war aus Holz, der Flur mit Teppich und PVC ausgelegt und voll gestellt. Bei einem Brand hätte alles innerhalb von 30 Sekunden Feuer gefangen. Die Bewohner hätten sich nicht retten können, weil das Dach nur ein kleines Fenster hat, ohne Feuerleiter. Das Gebäude hat die Stadt als Unterkunft geschlossen. Mitarbeiter der Wohnraumkontrolle haben diese Gefahrenstelle in einem von außen ordentlichen Gebäude entdeckt. Sie überprüfen Unterkünfte, in denen Werkvertragsarbeiter der Fleisch-Industrie leben. 275 Gebäude – Ein- und Mehrfamilienhäuser – haben die Rathausmitarbeiter 2017 unangemeldet aufgesucht. 2018 waren es rund 300. 5.300 Osteuropäer leben in Rheda-Wiedenbrück Den Zuwachs erklärt Georg Robra, Erster Beigeordneter, weil „weitere Gebäude für diese Art der Nutzung dazu gekommen sind". Häuser, die zuvor eine allein stehende Seniorin bewohnt hat sind nun Beherbergungsbetriebe für Werkvertragsarbeiter. Oder in Einliegerwohnungen sind plötzlich vier und mehr Leute angemeldet. Das fällt den Mitarbeitern, die Melderegister auf hohe Fluktuation untersuchten, auf. Der Bedarf nach Wohnraum ist groß: 5.300 Osteuropäer leben in Rheda-Wiedenbrück. Die Wohnraumkontrollen erfassen 2.230 von ihnen in den Unterkünften. Angesiedelt ist die Stelle im Rathaus. Besetzt ist sie mit einem Mitarbeiter in Vollzeit, einer Aushilfe mit fünf Stunden wöchentlich und bei Bedarf mit einem Mitarbeiter aus der Abteilung Wohnungswesen. Immer dabei ist ein Feuerwehrmann, der sich um Brandschutzfragen kümmert. Die Wohnraumkontrolle ist ein Ergebnis des Runden Tisches. Dort hatten Vertreter verschiedener Organisationen, Rat, Verwaltung und Fleischwerk Tönnies getagt, um die Arbeits- und Lebenssituation von Werkvertragsarbeitern, die vor allem aus Polen, Rumänien und Bulgarien kommen, zu verbessern. Viele Kinder bedeuten nicht zwangsläufig eine Überbelegung Das soll durch eine Vereinbarung geschehen, die über das Bauordnungsrecht hinaus geht. Danach hat jeder Mieter ein Recht auf zehn Quadratmeter – sechs im Individualbereich beispielsweise zum Schlafen und vier in Gemeinschaftsräumen. Ein Bad teilen sich maximal sechs Leute, eine Küche maximal acht. Zudem soll jede Unterkunft einen Gemeinschaftsraum haben, damit sich Schichtarbeiter unterhalten oder TV gucken können, ohne andere zu stören. „Das ist die Grundlage für unsere Wohnraumkontrollen", sagt Robra. Finanziert wird die jährlich mit 125.000 Euro auch von Tönnies. Eine Ausnahme gebe es für Familien. Da lebten auch schon mal neun Leute in einer Drei-Zimmer-Wohnung. „Aber viele Kinder sind nicht zwangsläufig eine Überbelegung", so Robra. Er sei froh, wenn diese in einer Wohnung und nicht in einer Massenunterkunft untergebracht seien. Stoßen Verwaltungsmitarbeiter auf Überbelegungen, wenden sie sich an die Eigentümer. Die bekommen eine Frist, um eine der Vereinbarung entsprechende Lösung zu finden. Umgehend muss das geschehen, werden „gravierende Mängel" festgestellt. Damit niemand auf der Straße steht, „helfen wir bei besonderen Härten, weil wir auch Obdachlosenbehörde sind". Eigentümer drohen Zwangsgelder Nicht immer verläuft das Gespräch mit Immobilienbesitzern konfliktfrei, so Robra. Einige Eigentümer seien neu in dem Geschäft, wo 200 bis 300 Euro monatlich für ein Bett kassiert werden. Achteten sie nicht auf die Belegungszahlen, drohten ihnen auch Zwangsgelder von bis zu 5.000 Euro, „als spürbarer wirtschaftlicher Verlust", so der Erste Beigeordnete. Bei „sehr zeitnahen" Räumungen fordern seine Mitarbeiter zum Eigenschutz schon mal die Polizei an. Geräumt wurden 2018 Keller und Dachgeschosse in zehn Häusern, die „zweckentfremdet als Wohnung" vermietet wurden. Zwei Gebäude wurden komplett geschlossen, weil sie gravierend gegen Brandschutz verstießen. Ein Missstand wie Kakerlakenbefall reiche dafür nicht aus. Werkvertragsarbeiter sähen die Wohnbedingungen „oft als völlig okay an", sagt Robra. Doch gebe es Folgebesuche in bereits kontrollierten Immobilien, oft auch auf Hinweise von Bürgern und Polizisten hin. Die Stadt wolle, so Robra, mit „allen Konsequenzen katastrophale Überbelegungen nicht zulassen".

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