Marienfeld Das Wunder von Marienfeld

Heute vor 25 Jahren landete eine führerlose Mirage sanft auf einer Wiese

VON RICHARD ZELENKA
Nach einem führerlosen Flug über mehrere Kilometer ging die Mirage an der Gütersloher Straße auf einer Wiese der Hofstelle Daut nieder. Britische und französische Militärexperten untersuchten die Maschine.
Nach einem führerlosen Flug über mehrere Kilometer ging die Mirage an der Gütersloher Straße auf einer Wiese der Hofstelle Daut nieder. Britische und französische Militärexperten untersuchten die Maschine.

Marienfeld. Auch heute noch, nach genau 25 Jahren, ist es für viele Zeitzeugen das "Wunder von Marienfeld". Am 7. Juni 1988 schwebte ein französisches Kampfflugzeug des Typs Mirage 5 nahezu geräuschlos fast zehn Kilometer über Marienfeld und landete dann sanft direkt neben der vielbefahrenen Bielefelder Straße auf einer Wiese zwischen drei Gehöften.

Das Unglaubliche: Das Militärflugzeug, das an einer NATO-Übung teilnahm, war führerlos. Der Pilot, der zuvor eine Hochspannungsleitung gestreift hatte, konnte sich kurz vor dem Absturz aus der trudelnden Maschine mit dem Schleudersitz katapultieren. Leicht verletzt wurde er wenig später von britischen Streitkräften bei Niehorst aufgelesen.

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1988 in böser Erinnerung

Gerade das Jahr 1988 ist für viele Menschen, die in der Nähe des Flughafens leben, heute noch in böser Erinnerung. Denn bereits drei Wochen vor dem relativ glimpflichen Mirage-Unfall an der Bielefelder Straße, gab es einen folgenschweren Absturz in der Nähe des Flugplatzes, als der Pilot in den Morgenstunden des 20. Mai kurz nach dem Start in dichten Wolken die Orientierung verlor. Seine Maschine, eine Harrier, bohrte sich in den Boden, der Pilot verlor dabei sein Leben. Eine ganze Serie von Abstürzen und Beinahezusammenstößen im Umfeld des RAF-Flughafens versetzte die von dem Fluglärm ohnehin schon arg geplagte Bevölkerung in Angst und Schrecken. Der Ruf nach mehr Schutz für die hier lebenden Menschen wurde immer lauter. Auch in der Politik formierte sich der Widerstand gegen die unfallträchtigen Aktivitäten auf dem Gütersloher Flugplatz.

Die Mirage landete keine 50 Meter entfernt von dem Hof von Otto und Mathilde Daut. Der heute 84-jährige Otto Daut erinnert sich noch gut an das gespenstische Szenario an der Bielefelder Straße kurz vor Mittag: "Ich war gerade im Badezimmer und hörte nur einige Male hintereinander ein kurzes Wupp. Das kam davon, dass die Maschine über die Wiese neben den Pflaumenbäumen hüpfte. Dann war es still", erzählt der ehemalige Landwirt. Er lief nach draußen und sah die Bescherung.

"Es war ein unglaubliches Glück, dass unser Haus nicht getroffen wurde. Dann wären wir vermutlich alle tot. Es fehlte nicht viel. Es war einfach schrecklich", denkt Mathilde Daut noch heute mit Schrecken an die Bruchlandung zurück. Die Mirage, die knapp hinter dem Marienfelder Industriegebiet auf einer Wiese in einem Dreieck zwischen den Häusern von Wilhelm Elbracht, Hermann Austermann und Otto Daut fast wie ein Raumgleiter niederging, sah auf den ersten Blick unbeschädigt aus. "Die Triebwerke glühten und qualmten, sonst war nicht viel zu sehen". Schon wenige Minuten nach dem Aufprall setzte große Betriebsamkeit an der Bielefelder Straße ein. Polizei, Feuerwehr und Vertreter der RAF und später auch französische Militärexperten sicherten die Unfallstelle hermetisch ab und untersuchten die Maschine. Zunächst hieß es, es bestehe die Gefahr, dass die Mirage explodierte, später kam dann die Entwarnung. Heerscharen von Journalisten setzten sich in Bewegung um von dem ungewöhnlichen Absturz zu berichten. Mathilde Daut: "Wir waren nicht mehr Herr im eigenen Haus. Einige Reporter kletterten sogar auf den Dachboden, um das beste Foto zu machen". Über 24 Stunden stand der Kampfjet vor Dauts Haustür. Das Gelände musste vor der Bergung mit schwerem Gerät geschottert, zum Teil gepflastert und mit Metallplatten ausgelegt werden, weil die Kräne und Tieflader keinen Halt auf dem weichen Boden fanden. Nach der Bergung wurde eine dicke Bodenschicht komplett abgetragen – ausgelaufene Betriebsmittel sollten den Grund nicht vergiften.

Für Otto Daut und seine Familie sollte dieser Sommer 1988 zum Albtraum werden – denn nur wenige Wochen später, am 18. August, war er Zeuge eines weiteren Absturzes. Diesmal war es ein britischer Senkrechtstarter des Typs Harrier, der beim Landeanflug auf den Gütersloher Royal-Air-Force-Flughafen aufgrund technischer Probleme an Höhe verlor und an der Grenze zwischen Marienfeld und Niehorst am Boden zerschellte. "Wir fuhren gerade Stroh ein, es war keine 40 Meter von der Absturzstelle entfernt. Ich bin in Deckung gegangen, weil die Splitter durch die Luft flogen", erinnert sich der 84-Jährige an die Schrecksekunden.

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