Marienfeld Rätsel um "lächelnden Ritter"

Andreas Sassen lüftet das Geheimnis der Grabplatte in der Abteikirche Marienfeld

VON RICHARD ZELENKA
Unter dem Relief mit dem Abbild eines jungen Ritters befindet wohl sich die letzte Ruhestätte von Graf Lüdiger von Wohldenberg. Er war einer der fünf Klosterstifter. - © FOTOS: RICHARD ZELENKA
Unter dem Relief mit dem Abbild eines jungen Ritters befindet wohl sich die letzte Ruhestätte von Graf Lüdiger von Wohldenberg. Er war einer der fünf Klosterstifter. | © FOTOS: RICHARD ZELENKA

Marienfeld. Als der Heimatforscher Andreas Sassen vor fast acht Jahren die These aufstellte, dass das Grabmal mit dem Abbild eines jungen Ritters in einer Fensternische des nördlichen Querhauses der Marienfelder Abteikirche Graf Lüdiger von Wohldenberg zuzuordnen sei, war der Wirbel in der Fachwelt groß. Denn Sassens Erkenntnisse, die er gemeinsam mit einem Koautor (dieser distanzierte sich später von den Thesen) in einem Aufsatz publizierte, stellten die bis dahin gängige Lehrmeinung auf den Kopf.

War doch diese eine der drei dort befindlichen steinernen Stiftergrabplatten bis dahin von von den meisten Kunsthistorikern dem Hauptstifter der Kirche, Widukind von Rheda, zugeordnet worden. Die Experten haben wohl geirrt – wie jetzt der mittlerweile in Solingen lebende Andreas Sassen in einem Aufsatz belegt, den er gemeinsam mit seiner Tochter Dr. Claudia Sassen publizierte. Die Beweise sind derart schlüssig, dass inzwischen die meisten westfälischen Historiker die Vermutung Sassens teilen, dass es sich bei dem Relief tatsächlich um den dritten Stifter von Marienfeld, den jugendlichen Grafen Lüdiger von Wohldenberg handelt. Im neuen Westfälischen Klosterbuch "Germania Sacra" sind diese revolutionären Thesen ebenso nachzulesen wie in der jüngsten Ausgabe des Heimatjahrbuchs für den Kreis Gütersloh, das vor wenigen Wochen erschienen ist. Unter dem Titel "Der lächelnde Ritter von Marienfeld: Die Bedeutung der Stiftergrabplatten in der Klosterkirche Marienfeld" fasst das Autorenteam Sassen den aktuellen Forschungsstand zusammen.

Die steinernen Stiftergrabplatten sind die ersten künstlerischen Bildhauerarbeiten Marienfelds. Sie stammen aus der Zeit um 1250. Über Jahrhunderte fanden sie wenig Beachtung. Der "lächelnde Ritter" weckte 2003 die Neugierde und den Forscherdrang Andreas Sassens. Akribisch wurden von ihm die in der Abteikirche verstreuten Steinplatten vermessen, neu fotografiert und bis in alle Einzelheiten beschrieben. Die Ergebnisse seiner Recherchen hat der Hobbyforscher damals unter dem Titel "Die Grabplatten der Stifter in der Klosterkirche Marienfeld" in der Reihe "Beiträge zur Heimatgeschichte" publiziert (wir berichteten).

Die Beweiskette von Andreas und Claudia Sassen ist nahezu lückenlos. Viele Indizien deuten darauf hin, dass an dieser markanten Stelle tatsächlich Graf Lüdiger von Wohldenberg seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Die Darstellung des jungen Ritters zeigt einen Mann mit etwa 25 Jahren. Genau dieses Alter hatte Lüdiger von Wohldenberg, als er sich an der Gründung Marienfelds beteiligte – Widukind von Rheda war zur dieser Zeit aber bereits etwa 45 Jahre alt. "Die fallende Gewandung zeigt hier einen stehenden Ritter, lebendig-jugendlich mit Waffenrock und Überwurfmantel, der sich lächelnd und in lockerer Haltung auf seinen Schild stützt", schreibt Sassen. In seiner schwingenden gotischen S-Haltung stelle Graf Lüdiger von Wohldenberg das Idealbild des Ritters dieser Zeit dar. Mit seiner Krone auf dem gewellten Haar bietet er eine imposante Erscheinung. In der erhobenen rechten Hand hält er ein Kirchenmodell, zu seinen Füßen sitzt ein Löwe – ein Symbol der Stärke. Auch das Waffenschild ziert ein Abbild des steigenden Löwen, was Andreas und Claudia Sassen als ein "haraldisches Zeichen" deuten. Es sei gerade der steigende Löwe auf dem Wappenschild, der die Fachwelt in die Irre geführt habe, glauben die Verfasser. Dieser Umstand habe bereits 1860 den Altmeister der westfälischen Bauforschung, Josef Bernhard Nordhoff, zu der Annahme veranlasst, dass beide Grabplatten Widukind von Rheda zuzuordnen seien, weil dieser schon auf der ersten Darstellung einen Löwen im Schild führt. Diese Theorie sei aber nicht haltbar. Denn es sei weder sinnvoll noch notwendig, dass zwei Grabmale gleichzeitig für einen Gründer geschaffen werden, hatte Sassen bereits 2005 postuliert.

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