Leer: Auf dem Parkplatz stehen nur wenige Autos. Viele Kunden meiden nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe das Studio. - © Burkhard Hoeltzenbein
Leer: Auf dem Parkplatz stehen nur wenige Autos. Viele Kunden meiden nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe das Studio. | © Burkhard Hoeltzenbein

Harsewinkel Staatsschutz ermittelt gegen religiöse Eiferer in Fitnessstudio

Fitnessstudio-Betreiber Juri Nasirow beherbergt unter seinem Dach mit Ulf Diebel einen "Priester nach der Ordnung Melcizedek".

Burkhard Hoeltzenbein

Harsewinkel. Juri Nasirow, Betreiber des Fitnessstudios "Elite Healthcare" am Prozessionsweg in Harsewinkel, beherbergt seit dem 25. Mai fünf Männer, die einer dubiosen Gemeinschaft angehören sollen. Ulf Diebel, der sich als "Priester nach der Ordnung Melchizedek" bezeichnet, ist zusammen mit vier weiteren Männern hier untergekommen. Polizei und Staatsschutz haben nach Hinweisen der Stadt ermittelt. Staatsgefährdende Tätigkeiten wurden nicht bestätigt. Wir haben mit Nasirow und Diebel gesprochen. Die Vorwürfe reichten von "reichsbürgerähnlichem Verhalten" über illegales Wohnen in dem Gebäude bis hin zu Rauschgiftkonsum, wie die Polizeistelle Gütersloh bestätigte. Insider, die das Fitnessstudio gut kennen, bestätigten gegenüber dieser Zeitung diese Angaben. Zudem liegen dem Ordnungsamt der Stadt Fotos vor, die diese Verdachtsmomente untermauern. Wer mit dem eher zurückhaltenden 34-jährigen Juri Nasirow, und dem 51-jährigen, wortgewandten Ulf Diebel spricht, bekommt schnell eine Ahnung, dass die beiden Männer sich ein ganz eigenes Gedanken- und Weltbild aufgebaut haben. Juri Nasirow, der Diebel vor dreieinhalb Jahren kennenlernte und sich von dessen Theorien offensichtlich vereinnahmen ließ, wehrt sich gegen die in seinen Augen "schiefe Darstellung" in einem gestern veröffentlichten Zeitungsbericht, wonach es sich bei der "Erbengemeinschafts Jakobs" um eine Sekte handele. "Nach der Definition ist jede Partei eine Sekte", versucht er zu relativieren. Er sieht sich durch den Bericht in einem sehr negativen Licht dargestellt. Seit der Veröffentlichung "explodiere" sein Mobiltelefon und sein E-Mail-Konto. Er zeigt mehrere Dutzend Hassmails mit nicht druckfähigen rassistischen und antisemitischen Beschimpfungen und Drohungen, die er alleine gestern bekommen hat. "Meine Frau hat Angst und traut sich schon nicht mehr auf die Straße", sagt er. Schon in den Wochen davor haben nach NW-Informationen viele Kunden ihren Vertrag bei "Elite" gekündigt, weil Gerüchte um die angebliche "Sekte" lauter wurden. Deren Erscheinungsbild ist im Studio in den vergangenen Wochen unübersehbar geworden und hat viele Besucher verschreckt. Dort hat Ulf Diebel nach Einschätzung von Michael Bergholz vom Ordnungsamt der Stadt Harsewinkel immer mehr an Einfluss gewonnen. Von "Drangsalieren der dort trainierenden Gäste", ist in einem Dossier die Rede, das Bergholz über die Vorgänge in dem Studio zusammengestellt und an die Polizei weitergeleitet hat. Laut Aussagen des Personals stünde Nasirow "wohl schon unter dem Einfluss von Diebel", ist dort zu lesen. So ist die Situation im "Elite Healthcare" Der Eindruck bestätigt sich beim Besuch bei "Elite Healthcare". In der hintersten Ecke des Studios hat sich Diebel, der bis zu dessen Zwangsräumung im Mai in Iserlohn das "EPHI"-Zentrum führte, ein eigenes pseudoreligiöses Domizil eingerichtet. Auf einer riesigen schwarzen Tafel entwirft er ein monströses Schaubild. Auf diesem sind Fotos von Politikern, Unternehmern und Religionsführern aufgeklebt. Da finden sich Donald Trump, den er als zentralen Schuldigen des "Systems" mit einer Ein-Dollar-Note markiert hat, und dessen halbes Kabinett wieder. Papst Franziskus ist zusammen mit hohen jüdischen Würdenträgern zu sehen. Angela Merkel, Wladimir Putin und Queen Elisabeth - mehr als 60 Personen kommen vor. Darunter auch die heimischen Wirtschaftsführer Thomas Rabe (Bertelsmann) und Helmut Claas. Dazwischen: Sabine Amsbeck-Dopheide. Harsewinkels Bürgermeisterin hatten Juri Nasirow, der auch im Flüchtlingsrat der Stadt mitarbeitet, und Diebel vor einigen Tagen einen denkwürdigen Besuch abgestattet. "Neben dem Bezug auf die eigentümlich anmutende "Religionsgemeinschaft" ist auffällig, dass Ulf Diebel die Bürgermeisterin im Gespräch als Chefin des "Unternehmens Harsewinkel" bezeichnete", hat Michael Bergholz darüber notiert. Diebel vertritt Verschwörungstheorien Das passt zu Diebels Verschwörungstheorien. "Die stecken alle in dem System unter einer Decke", sagt er. Der Mann, der eben noch so eloquent, sanft und zugleich eindringlich spricht, redet sich in Rage, wird laut, poltert gegen die "Schuldigen", die vorgäben, nach den Idealen der Bibel zu leben, aber genau dies nicht täten. "Allen diesen Leuten habe ich einen Brief geschrieben, in dem ich diese auffordere, endlich für Gerechtigkeit zu sorgen", sagt er und legt zum Beweis Kopien der Schreiben an Volker Kauder und Innenminister Horst Seehofer vor. Antworten hat er keine bekommen. Und dann legt der Mann, der sich "Ephraim" nennt, seine tieferen Beweggründe für seinen eigenen Kreuzzug gegen den Rest der Welt dar: Ausgangspunkt seiner Mission sei der Streit mit seiner Ex-Ehefrau, einer Äthiopierin mit israelischer Staatsbürgerschaft, erzählt er entwaffnend offen. Keine Behörde der Welt habe ihm in dem Streit geholfen. "Mit Juri habe ich nun einen Menschen getroffen, dem ähnlich Schreckliches widerfahren ist", erklärt er. Nasirow spricht bereitwillig über seinen Streit mit der benachbarten Evangeliums Christen Gemeinde. In der ist er groß geworden. "Als ich das Fitnessstudio aufgemacht habe, wurde ich verstoßen", erzählt er. Ulf Diebel will seinen Weg weitergehen. Ob er sich als einen "Auserwählten" sehe? Er antwortet mit Nachdruck: "Selbstverständlich!" Staatsschutz stellt Ermittlungen ein Die Vorwürfe gegen den Betreiber Juri Nasirew und dessen Berater Ulf Diebel haben sich im Hinblick auf staatsgefährdende Umtriebe nicht bestätigt. Diesbezüglich gab Achim Ridder, Pressesprecher der Polizei in Bielefeld, am Donnerstag gegenüber der Neuen Westfälischen Entwarnung. „Wir haben das geprüft. Diese Leute haben nach jetzigem Erkenntnisstand nichts mit politischen Dingen zu tun", erklärte Ridder. Ausgangspunkt der Vermutungen waren unter anderem die Recherchen des Ordnungsamtes Harsewinkel gewesen, die ihre Erkenntnisse an die Polizeibehörden in Gütersloh und Bielefeld weitergegeben haben. Denn Nasirew und Diebel sprechen immer wieder von der „Deutschland GmbH". Ein Duktus, den auch die sogenannten „Reichsbürger" verwenden. Diese erkennen die Ordnung der Bundesrepublik nicht an. Sprache der "Reichsbürger" als Anhaltspunkt Auch der rege Briefverkehr, den Diebel Zudem hatte sich Nasirow in Begleitung von Diebel an die Bürgermeisterin Sabine Amsbeck-Dopheide gewandt. In einem Gespräch hatten beide diese gebeten, zugunsten Juri Nasirows Hilfe wegen eines Facebook-Eintrags, Geschäftsschädigung und Mobbing nach dessen Austritt aus der Evangeliums-Christen-Gemeinde zu leisten. „Neben dem Bezug auf die eigentümlich anmutende „Religionsgemeinschaft" ist auffällig, dass Ulf Diebel die Bürgermeisterin als Chefin des „Unternehmens Harsewinkel" bezeichnete", schreibt Andreas Bergholz vom Ordnungsamt in seiner Gesprächsnotiz.

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