Gütersloh Vor 50 Jahren brannte Vossen

Feuer in Frottierwerk gilt als größte Brandkatastrophe nach dem Krieg

VON MATTHIAS GANS
Feuerwehrmänner schauen sich die zerstörte Eisenkonstruktion des Vossen-Werkes an, das damals die größte Frottierweberei Europas war und allein in Gütersloh 2.800 Mitarbeiter beschäftigte. - © FOTO: STADTARCHIV GÜTERSLOH
Feuerwehrmänner schauen sich die zerstörte Eisenkonstruktion des Vossen-Werkes an, das damals die größte Frottierweberei Europas war und allein in Gütersloh 2.800 Mitarbeiter beschäftigte. | © FOTO: STADTARCHIV GÜTERSLOH

Gütersloh. Gegen 1.50 Uhr meldeten "elektronische Brandwächter" Alarm. Bereits eine halbe Stunde später "tobte über dem Betriebsgelände eine Feuersbrunst ohnegleichen", wie die Gütersloher Zeitung, Vorgängerin der NW mitteilt. Das Feuer in der Frottierweberei Vossen am 4. September 1963, bei dem weite Teile der Werksanlagen zerstört wurden, sollte als bis dahin "größte Brandkatastrophe in Gütersloh seit Kriegsende" in die Stadtgeschichte eingehen. In einem Bericht ist vom zweitgrößten Brand in der Bundesrepublik in diesem Jahr die Rede.

"Blutrot färbte sich der Himmel über dem Werk, und der Schornstein ragte wie ein riesiger warnender Finger aus der Orgie der Verwüstung empor", verleiht der unbekannte Autor der Zeitung dem Geschehen Dramatik. Es sollte sich schnell herausstellen, dass die Werksfeuerwehr mit dem Löschen eines Feuers diesen Ausmaßes hoffnungslos überfordert war. Nicht nur die Freiwillige Feuerwehr Gütersloh und fast alle anderen Wehren im Kreisgebiet rückten aus, sondern auch die Einsatzkräfte der Royal Air Force sowie aus Bielefeld und Paderborn.

Information

Großbrände in GT

  • 26. Mai 1936: Bei den Wirus-Werken bricht ein Feuer in der Furniermesserei aus. Mit Mühe retten sich Arbeiterinnen aus dem dritten Stock vor den meterhohen Flammen. Die Freiwillige Feuerwehr Gütersloh erlebt ihren bis dahin größten Einsatz.
  • 25. November 1979: Bei Mohndruck (heute Mohn Media) gerät das Papierlager im sechsten Stockwerk in Brand. Feuerwehrleute aus dem ganzen Kreis sind bis zum nächsten Tag damit beschäftigt, das Feuer, das zwischenzeitlich auf mehr als 3.000 Quadratmetern wütet, unter Kontrolle zu bekommen. Der entstandene Sachschaden geht in die Millionen. Die Produktion kann in den meisten Abteilungen bereits drei Tage nach Ausbruch des Feuers wieder aufgenommen werden.
  • 27. März 1981: Das Modehaus Finke in der Königstraße wird Opfer der Flammen: Der Sachschaden beträgt acht bis zehn Millionen Mark.
  • 15.September 1981: Der Dachstuhl des Gebäudes (von 1821) der ehemaligen Brennerei Niemöller an der Blessenstätte wird Raub der Flammen.
  • 24. März 1984: Ein Großbrand im Sozialzentrum des Westfälischen Landeskrankenhauses richtet einen Millionenschaden an. (gans)

Doch auch sie konnten nicht verhindern, dass große Bereiche des Werkes im Stadtteil Kattenstroth an der Reckenberger Straße/Ecke Schalückstraße in Rauch aufgingen. Darunter das Fertigwarenlager und Teile der Spinnerei, des Rohwarenlagers und der Druckerei, in der erst eine Woche zuvor neue Maschinen aufgestellt worden waren.

Der Schaden wurde auf 17 Millionen Mark geschätzt. Tote waren nicht zu beklagen. Von den Feuerwehrleuten mussten aber mehrere wegen Rauchvergiftung behandelt werden, einer brach sich während der Löscharbeiten den Unterarm.

Die Brandursache stand auch noch ein Jahr nach dem Unglück nicht fest. Nur eines verkündeten die Zeitungen als sicher: die Firma trug keine Schuld. Zudem hatte Vossen Werk und Güter versichert. Bereits einen Tag nach dem Brand hieß es: Die Arbeit geht weiter, alle Arbeiter bleiben beschäftigt. Webereien im Münsterland stellten ihre Produktionshallen zur Verfügung und schickten Material, damit in den intakt gebliebenen Fabrikationshallen weitergearbeitet werden konnte.

Die Solidarität der Firmen war ebenso groß wie die Einsatzkraft der Beschäftigten. Innerhalb von drei Wochen - es wurde auch an Wochenenden gearbeitet - trugen Werksangehörige die zerstörten Hallen ab. Bereits im Juli 1964 waren sämtliche Schäden nicht nur beseitigt, es wurde wieder voll produziert in neu erbauten Hallen.

Der 1925 gegründete Betrieb erholte sich rasch von der Brandkatastrophe. Mit 3.500 Mitarbeitern, davon 2.800 in Gütersloh und weiteren in Warburg und in Jennersdorf im österreichischen Burgenland, konnte es seine führende Marktposition ausbauen.

In den 1990er Jahren fiel es Vossen, die 1951 den Bademantel aus Frottier erfunden hatten, schwer, sich gegen die internationale Konkurrenz zu behaupten. 1996 wurde nach einer Umstrukturierung Jennersdorf zum Hauptstandort von Vossen, das konnte aber den Konkurs 1997 nicht verhindern. Das Werk in Gütersloh musste schließen. Eine Investorengruppe übernahm den Standort Jennersdorf und den Namen Vossen. Seit 2004 ist die Linz Textil AG alleiniger Eigentümer.

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